JünterGlückskindern scheint die Sonne, und so hat Günter Netzer in diesen Tagen gleich mehrfach Anlaß zum Feiern. Punktgenau zu seinem 75. Geburtstag am vorigen Samstag schenkten ihm seine Nachfolger im Borussen-Trikot einen Derbysieg, der über das Ergebnis hinaus die Vorherrschaft der Fohlenelf am Niederrhein weiter festigte. Zudem sind Leben und Werk des wohl ersten Fußball-Popstars Thema einer neuen Sonderausstellung in der FohlenWelt.

Der Jubilar staunte nicht schlecht, als er sich selbst am 05. September anläßlich der Eröffnung der Sonderausstellung „Günter Netzer – Aus der Tiefe des Raumes“ gleich mehrfach begegnete: als Adressat eines fast zweistündigen Reigens von Lobreden, als Mittelpunkt einer Reunion von Ehemaligen, als Thema diverser Formen bildender Kunst und als Raumgestalter von Teilen der ihm gewidmeten Sonderausstellung, die neben dem nachgebauten Tresen seiner früheren Diskothek „Lovers‘ Lane“ noch weitere Erinnerungsstücke versammelt, die bis dato ein eher verstaubtes Leben auf dem Speicher der Wohnung des Neu-Schweizers führen mußten.

Es kann kaum verwundern, daß es Netzer ob so viel Huldigung beinahe die Sprache verschlug, und im Angesicht von Rührung und authentischer Bescheidenheit vermochte er nur noch den Ansatz einer Rede hervorzubringen. Andere Weggefährten sprachen hingegen genug, und vereinzelte Schützenhilfe von Altersgenossen mag des Guten zu viel gewesen sein, doch konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: Allein die Anwesenheit des „Boss“ (so mehr als ein früherer Mannschaftskamerad) brachte den Borussia-Park zum Leuchten. Ein Leuchten, das für jeden Besucher der FohlenWelt noch bis zum 15. März 2020 anhalten wird.

Ob Günter Netzer als bester Borusse aller Zeiten angesehen werden sollte (eher nein) oder ob er vor allem eine skandalfreie Ikone, ein begabter Jongleur von spielerischer Leichtigkeit auf dem Feld und treffsicherem unternehmerischem Gespür außerhalb davon ist (eher ja), liegt im Auge des Betrachters. Wichtiger ist, daß Borussia mit dem ehrenvollen Erinnern an den blonden Pokalhelden von 1973 etwas Größeres gelungen ist: ein gleichermaßen subtiles wie treffsicheres Feierns des Vereins als Ganzem. Netzer, das Zentrum der ersten beiden Meistermannschaften, ist tatsächlich ein pars pro toto für den niederrheinischen Way of Life. Mit Günter Netzer feiert Borussia sich selbst und seine Tugenden. Man vergleiche nur das – willkürlich gewählte – Triumvirat Netzer-Heynckes-Bonhof mit dem süddeutschen Gegenstück Hoeneß-Rummenigge-Beckenbauer und lege Kriterien wie Integrität, Skandalfreiheit und Bescheidenheit bei zugleich enormem sportlichem Erfolg zugrunde, und dieser Vergleich wird zu einem Home Run für den Niederrhein.

Tatsächlich war Günter Netzer zwar in vielen Dingen seiner Zeit voraus, und teils ist er es bis heute – wer kann sich seinen 70er-Jahre-Lebenswandel in Zeiten sozialer Medien und gleichgeschalteter Verhaltenskontrolle in den Top-Vereinen heute ernsthaft vorstellen? Zugleich jedoch ist er gelebtes Borussentum, das auch ein halbes Jahrhundert nach dem blechernen Jahrzehnt authentisch und sympathisch bleibt; zeitlos. Sportlich mag der blonde Fußball-Ästhet in einer Reihe mit Heynckes, Bonhof, Vogts und wie sie alle heißen stehen. Als menschgewordene Fohlen-Philosophie reiht er sich (übrigens genau wie die soeben Genannten) gleichzeitig ein in die ebenso eindrucksvolle Reihe von Vorbildern auf und außerhalb des Rasenvierecks, die Martin Schneiders, Eberls, Korells, Jantschkes und Herrmanns, die immer wußten, daß die Summe stets schwerer wiegt als der Einzelne, und die erkannten, daß ein Verein als Kollektiv wichtiger ist als der kurzfristige Glanz persönlicher Triumphe.

Die kürzlich eröffnete FohlenWelt verleiht diesem zeitlosen Mythos Raum und Gestalt. Man kann kaum überbewerten, welch Glücksfall diese borussianische Welt ist – so viel mehr als ein Museum und ebensowenig nur eine Erlebniswelt, wie Präsident Königs sie so gerne nennt. Natürlich ist sie auch das, aber noch so viel mehr. Erlebniswelt, das klingt nach Spaßbad, und auf der glanzvollen Oberfläche mag sie dies sein. In Wahrheit jedoch ist die FohlenWelt die atmende Seele des Organismus Borussia. Sie ist ein vielschichtiges Ganzes, das eine Symbiose schafft zwischen über hundert Jahren Geschichte und den Möglichkeiten der digitalen Welt. Gleichzeitig ist sie ein Paradies, das bei jedem Besuch neue Erkenntnisse eröffnet, wenn man nur seine Sinne beisammen sowie den Mut hat, auch einmal in die Details abzutauchen (und dann sieht man auch auf mißglückte Bestandteile wie die in ihrer räumlichen Eingequetschtheit völlig verschenkte Bökelberg-Anzeigetafel gerne hinweg).

Die FohlenWelt-Sonderausstellung zu Günter Netzer erweist sich diesem Niveau gewachsen, und die Leistung des gesamten Teams – exemplarisch seien Markus Aretz und Elmar Kreuels als treibende Kräfte gewürdigt – entspricht im übertragenen Sinne dem, was Netzer vor 50 Jahren auf den Platz zauberte. Es ist zu hoffen, daß besonders die anläßlich dieser Sonderschau in Auftrag gegebenen Gemälde und Kunstwerke, die Borussias Spielmacher thematisieren, erhalten bleiben und organisch in die bestehende Dauerausstellung eingefügt werden können. Auftragskunst klingt zunächst einmal grauenerregend, aber die hier in Auftrag gegebenen Werke stellen in der Tat eine Bereicherung dar und eröffnen neue Perspektiven. Damit war nicht zu rechnen. Beispielsweise findet sich Instruktives zum Thema Weisweiler und Netzer, das die Beziehung der beiden in ihrer Tiefe und Komplexität abbildet und damit das – inzwischen nur noch anödende – Trugbild aus dem 1973er Pokalfinale korrigiert.

Die große flämische Billard-Legende Raymond Ceulemans sagte unlängst in einem Interview mit dem Sportmagazine, ein Mensch gelte nach seinem 75. Geburtstag in der heutigen Gesellschaft nichts mehr. Der 35-fache Weltmeister – inzwischen 82-jährig – führt dieses Diktum jedoch selbst ad absurdum, denn noch immer spielt er Mannschaftwettkämpfe auf höchstem Niveau. Auf sein Erfolgsgeheimnis angesprochen, entgegnete er augenzwinkernd: „Viel rauchen, viel saufen, viel Sex.“ Wir lassen an dieser Stelle höflich offen, welche dieser Basisfertigkeiten auf den in diesem Beitrag gewürdigten Jubilar zu übertragen sind; einigen wir uns einfach auf „schnelle Autos“. Unzweifelhaft allerdings wird Günter Netzer auch weit über seinen aktuellen Geburtstag hinaus noch Wirkung entfalten, allein schon in den Momenten, in denen er sich, wie kurz auch immer, öffentlich äußern wird und dabei Borussias beste Tugenden versinnbildlicht. Er lebe hoch, und mit jedem Glückwunsch feiern wir Borussen zugleich uns selbst!


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