KurveNach zuvor zwei Niederlagen in den letzten drei Derby-Auswärtsspielen war es am Samstag mal wieder an der Zeit, die Verhältnisse am Rhein in die richtige Bahn zu lenken: Der hoch verdiente 1:0-Sieg in Müngersdorf zementierte den Fakt, dass der 1.FC Köln Borussias Lieblingsgegner ist und bleibt. Aber nicht nur das pure Ergebnis war Anlass zur Freude, sondern auch das souveräne Zustandekommen, das zwischenzeitlich einen Klassenunterschied zum rheinischen Rivalen offenbarte.

Zugegeben: Der FC spielte besonders in der 1. Halbzeit erschreckend schwach und lieferte seine schwächste Saisonleistung ab. Dies hatte aber nicht wenig damit zu tun, dass Borussia von Anfang an den Kampf angenommen hatte und sie mit ihrem hohen Pressing wenig Gelegenheit zur Entfaltung gaben. Der BVB tat sich vor einigen Wochen jedenfalls deutlich schwerer in Köln. Borussia agierte extrem körperbetont und damit so ganz anders als man es in den letzten Jahren von ihr gewohnt war.

Hatte man nach den ersten drei Pflichtspielen noch gewisse Bedenken, es könne länger dauern bis die Mannschaft die Ideen ihres neuen Trainer adäquat umsetzt, so scheint das System Rose inzwischen immer mehr zu greifen. In jedem Saisonspiel war bislang eine Steigerung zu erkennen. Selbst das 1:3 gegen Leipzig war ein Fortschritt, denn mit der dort gezeigten Leistung wären die meisten anderen Bundesligisten besiegt worden, wie sich im Derby belegen ließ.

Zwei personelle Änderungen hatte Rose dort vorgenommen, die sich beide positiv auswirkten. Gemischte Gefühle löste das Debüt von Ramy Bensebaini aus, der den kurzfristig erkrankten Oscar Wendt vertrat. Der Algerier legte nach wenigen Minuten gleich mal mit einer Marcelo-Pletsch-Gedächtniskerze los und wirkte in manchen Aktionen noch etwas fahrig. Die Abstimmung mit seinen Nebenleuten konnte zudem nach der jüngsten Länderspielreise noch nicht optimal sein. Bensebaini deutete gleichzeitig aber in einigen vielversprechenden Szenen an, perspektivisch ein echtes Upgrade zum bislang alternativlosen Schweden sein zu können. Einzig seine manchmal etwas übertriebene Theatralik sollte er sich dringend abgewöhnen.

Die zweite Änderung kam ein wenig überraschend, denn Christoph Kramer wurde nicht etwa im defensiven Mittelfeld aufgeboten, sondern als Ersatz für Fabian Johnson im rechten Mittelfeld. Denis Zakaria war neben Sommer bislang der konstant stärkste Borusse dieser Saison und hat sich damit auf der 6er-Position festgespielt. Borussias Weltmeister rückte daher etwas nach vorne und fügte sich direkt sehr gut ins Team ein.

Mit dem Europacup-Auftakt gegen Wolfsberg am kommenden Donnerstag dürfte bei Rose die Zeit der Rotation beginnen und da zahlt es sich aus, dass sich ihm so viele hochkarätige Optionen bieten. Matthias Ginter z. B. könnte unter der Woche seine Rippenprellung auskurieren und gegen die Kärntner durch Jordan Beyer oder den zuverlässige Tony Jantschke ersetzt werden. Auch Laszlo Benes hätte sich mal wieder eine Chance von Beginn an verdient. Möglicherweise wird dafür dem jungen Thuram oder Embolo eine Verschnaufpause gegönnt. Die beiden bilden gemeinsam mit Plea so etwas wie Borussias Büffelherde und harmonieren bereits jetzt erstaunlich gut. Sie sollten aber mit ihren gerade einmal 22 Jahren nicht verheizt werden. Es war erfreulich zu sehen, dass sie am Samstag über die volle Distanz gehen konnten, nachdem sie in den Spielen zuvor noch gewisse konditionelle Defizite offenbart hatten. Gerade bei Embolo darf nicht dessen Verletzungsgeschichte vergessen werden, die zu besonderer Vorsicht mahnt. Bleibt er fit, so wird er zu einem Fixpunkt in der Gladbacher Offensive. Anfängliche Zweifel, dass seine Spielweise im offensiven Mittelfeld zur Geltung kommen kann, hat er durch seine letzten Auftritte mittlerweile pulverisiert.feier

Bei aller Euphorie, die es auch in der Vergangenheit regelmäßig nach Derbysiegen gab: Es gibt noch einiges, was Rose weiter verbessern muss. Die Abwehr stand zwar wieder deutlich gefestigter, aber es ist eben doch ein Unterschied, ob einem mit Terodde und Cordoba klassische Zweitligastürmer gegenüberstehen oder erstklassige Kaliber der Marke Timo Werner. Haarsträubend war im Derby die Chancenverwertung, die bis zum Schluss unnötige Spannung aufkommen ließ. Die bis zum Strafraum hervorragend herausgespielten Angriffe wurden im Abschluss zumeist verdaddelt – ein Problem, das bereits in der vergangenen Saison so einige Punkte gekostet hatte.

Ebenfalls verbesserungswürdig ist Borussias Heimbilanz. Zur Erinnerung: Voriges Jahr wurde Dieter Hecking zurecht für die Einstellung eines Vereinsrekords gefeiert, weil sein Team 12 Bundesliga-Heimspiele in Folge siegreich geblieben war. Selbst wenn dies den Gegnern mit zumeist überschaubarer Qualität geschuldet war, ist so eine Serie aller Ehren wert. Dass ihr direkt im Anschluss allerdings eine neuerliche Reihe mit inzwischen 10 sieglosen Heimspielen gefolgt ist, gehört zu den statistischen Kuriositäten, die der Fußballsport allzu oft zu bieten hat. In der nächsten Woche bietet sich die große Chance, mit machbaren Begegnungen gegen den Wolfsberger AC und Fortuna Düsseldorf den Knoten zu durchschlagen und im Idealfall wieder eine positive Serie zu starten.

Schaut man auf die aktuelle Tabellensituation in der Bundesliga, so haben sich in der oberen Hälfte bereits bis auf die überraschend starken Freiburger alle üblichen Verdächtigen eingenistet, während ab Platz 11 ausnahmslos die Riege der vermeintlichen Abstiegsanwärter zu finden ist. Es ist angesichts der Systemumstellung keine Selbstverständlichkeit, dass sich Borussia diesen Erwartungen ebenfalls so schnell angepasst hat. Die deutliche Überlegenheit, mit der die Kölner über weite Strecken dominiert wurden, hat aber einmal mehr die qualitativen Unterschiede aufgezeigt, die zu den schwächeren Teams der Liga vorherrschen. In den nächsten drei Bundesliga-Spielen warten mit Fortuna, Hoffenheim und Augsburg drei solche Gegner, wodurch sich der Fohlenelf die Chance bietet, sich nachhaltig im oberen Tabellendrittel festzubeißen.

Die Seitenwahl-Einschätzungen:

Christian Spoo: Der Derbysieg ist so erfreulich wie verdient. Aber es bleibt dabei: Wenn Borussia vor dem gegnerischen Tor nicht schleunigst effizienter wird, werden wir noch so manchen bitteren Punktverlust beweinen.

Mike Lukanz: Borussia gewinnt das Derby, weil sie schlicht die besseren Spieler hat. So langsam reift die Erkenntnis, dass sich die Mannschaft tatsächlich im oberen Drittel der Tabelle festsetzen kann. Irgendwann wird auch die Effizienz steigen, denn wichtiger ist, dass sie sich aus dem Spiel heraus Chancen kreiert. Note 2, weitermachen!

Uwe Pirl: Wer fragt in 3 Jahren noch nach der Effizienz im Auswärtsderby 2019/20? Genau: Niemand. Gewonnen ist gewonnen ist gewonnen. Wichtig ist daneben das Gefühl, dass die einzelnen Module in Borussias Spiel zunehmend besser zusammen funktionieren. Das macht optimistisch.

Claus-Dieter Mayer: Rhein hin, Derby her, nüchtern betrachtet war es ein Pflichtsieg bei einem Abstiegskandidaten. Angesichts des freundlichen Empfangs mit Buttersäure und Kanonenschlägen ist es verständlich, dass die Borussie den Gastgeber nicht mit dem möglichen klaren Sieg demütigen wollte und manche Chance liegen ließ. Die neuen Stammelf-Alternativen Bensebaini und Kramer sowie die erneute Leistungssteigerung machen Hoffnung für die anstehenden englischen Wochen.


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