wolfsburg neu

Wer sich mit dem Virus Fußball einmal infiziert hat (meist in der Kindheit), wird ihn selten wieder los. Die Arbeit mag gerade stressvoll sein, die Beziehung nicht funktionieren, die ärztliche Diagnose beunruhigend sein, aber wenn dann eine Kicker-Eilmeldung im Handy blinkt oder der Ball gar über den Bildschirm läuft, guckt man doch hin, weil man ja auch gar nicht anders kann. Nur ganz selten tritt der Moment ein, an dem einem Fußball auf einmal völlig egal wird und komplett in den Hintergrund rückt. Gestern war so ein Tag! Was interessiert es mich, wer eventuell für Kramer in der Startelf Platz machen wird, wenn gleichzeitig ein europäisches Land in ein anderes eindringt, Raketen geschossen werden, Menschen sterben und die Sicherheit auf ein friedliches Leben, mit dem mehrere Generationen hierzulande groß geworden sind, auf einmal bedroht ist. Und wenn zu den schlimmen globalen Nachrichten auch noch eine weitere schlimme im Mikrokosmos „mein Verein“ hinzukommt (Ruhe in Frieden, Jordi Bongard!), dann möchte man sich bei der redaktionsinternen Frage „wer macht den Vorbericht?“ ganz hinten in eine Ecke verkriechen.

Andererseits nützt das auch nichts, denn das Leben wird weitergehen und der Fußball erst recht. Und so gibt es dann morgen in Mönchengladbach ein Fußballspiel, in das man auch unter normalen Umständen mit einem mulmigen Gefühl gegangen wäre. Denn es hat sich einiges geändert, seitdem die Borussia im Hinspiel mit einem starken Auftritt die lange Serie der Erfolglosigkeit in Wolfsburg beenden konnte, mit einem 3:1 Sieg den anscheinenden Fehlstart in die Saison korrigierte und man rund um den Verein das Gefühl hatte, jetzt würde alles wieder gut. Optimisten konnten sich diese Stimmung mit etwas Anstrengung noch bis zum 27. November so gegen 16:00 aufbewahren. Zu diesem Zeitpunkt stand es nämlich 1:1 im Derby und Köln, die Borussia war kurz davor in Führung zu gehen und damit auf den fünften Platz zu springen. Und man hatte in (fast) 13 Spielen gerade mal 15 Gegentore kassiert. Doch dann brach die Borussia ein, nicht nur in diesem Spiel (Köln erzielte drei Treffer in einer Viertelstunde), sondern auch im nächsten (ich erspare uns Details) und ganz überhaupt. In 10 Spielen + 15 Minuten gab es seit dem 31 Gegentore, im Schnitt also drei pro Spiel. Das brachte bislang in diesem Millennium nur Michael Frontzeck in der Hinrunde 2010/11 zustande! Es ist nicht so, dass die Borussia das Fußballspielen gänzlich verlernt hat: Der Auftritt gegen Augsburg war ok, die Anfangsphase in Dortmund auch, aber vor allem defensiv geht dem Team jegliche Stabilität ab und auch die größte Gurkentruppe (ja, genau Du, Hannover 96) weiß inzwischen, dass man gegen Gladbach immer eine Bude machen kann. Manche Taktik-Fetischisten und vor allem Favristen glauben den Hauptgrund für die Misere ausgemacht zu haben: Die böse Dreierkette, die der noch bösere Adi Hütter den armen Spielern aufzwingt. Man könnte einige Einwände dazu anbringen: z.B. dass der absolute Einbruch in der Schlussphase letzte Woche mit Viererkette passierte oder dass die Mannschaft dieses System schon seit Schuberts Zeiten (das sind mehr als 6 Jahre her) gelegentlich praktiziert hat, ab und an auch sehr erfolgreich. Vor allem aber passt die taktische Erklärung irgendwie nicht zu diesem plötzlichen massiven Zusammenfallen. Das heißt nicht, dass wir Adi Hütter von jeglicher Verantwortung für den Zustand des VFL freisprechen wollen, - ihm ist seit November wenig eingefallen, um den anhaltenden Zerfall der Mannschaft aufzuhalten - bloß sollte man es nicht nur an der Dreier vs Viererkette-Diskussion aufhängen.

Einige Hoffnungen auf mehr Stabilität ruhen daher an diesem Wochenende auf Christoph Kramer, der nach Corona-Erkrankung zum ersten Mal wieder im Kader steht und dort vermutlich wieder seine Rolle neben Koné in der Doppel-Sechs einnehmen wird. Wer dafür weichen muss, ist unklar. Sowohl Florian Neuhaus als auch Alassane Plea gehörten in den letzten Wochen eher zu den besseren Spielern auf dem Platz, sodass womöglich der immer fleißige, aber oft unglückliche Embolo rausrücken könnte.

Etwas Mut macht, dass der Gegner aus Wolfsburg momentan auch nicht besonders gut dasteht. Dem überraschenden Sieg in Frankfurt folgte nämlich gleich wieder eine Heimniederlage gegen Hoffenheim und so liegt man in der Tabelle nur einen Punkt vor der Borussia noch mitten im Abstiegskampf. Ein entscheidender Unterschied zum Wolfsburg der Vorjahre ist, dass Wout Weghorst dort nicht mehr als Zentralstürmer spielt und durch den gänzlich anderen Spielertyp Max Kruse ersetzt wurde. Ausnahmsweise mal eine kluge Entscheidung von Florian Kohfeldt, denn es gibt kaum einen anderen Spieler in der Liga der eigentlich jede Mannschaft so unmittelbar verbessert wie Kruse. Seine Spielintelligenz gepaart mit unerschütterlichem Selbstvertrauen haben auch den Wolfsburgern gutgetan, wie die 6 Punkte aus 3 Spielen mit dem Ex-Gladbacher zeigen. Nachdem der Stürmer die Borussia mit seinem alten Klub Union Berlin bereits vor einigen Wochen im Borussia-Park abgeschossen hat, befürchtet so mancher Gladbach-Fan ähnliches im Spiel morgen.

Auch wenn rein mathematisch jede Begegnung in der Liga ein 6-Punkte-Spiel ist, so machen diese 6 Punkte gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf besonders viel aus. Der Sieger der morgigen Partie könnte sich vorerst von den hinteren Rängen entfernen und gerade der Borussia täte etwas Ruhe nach sehr volatilen Wochen gut. Aber darf man sich in Zeiten wie diesen überhaupt über einen Sieg in einem Fußballspiel freuen (oder umgekehrt über einen Misserfolg ärgern)? Ist das nicht völlig deplatziert, während woanders gekämpft und gestorben wird? In meinen Augen ist das keine rationale Entscheidung und erst recht keine mit moralischer Komponente. Kann gut sein, dass ich morgen absolut keine Lust auf das Spiel habe. Kann aber genauso gut sein, dass ich bei einem Tor von Borussia dann doch jubelnd durch die Wohnung renne. Macht mich das zu einem schlechten Menschen? Nein, nur zu einem, der das Glück hat, es mal für ein paar Sekunden geschafft zu haben, andere schlimme Dinge zu verdrängen.

Seitenwahl-Tipps:

Claus-Dieter Mayer: Es wird kein Leckerbissen, sondern ein zerrissenes Spiel, in dem die Borussia aber die Zeichen der Zeit erkannt hat und am Ende 2:1 gewinnt.

Uwe Pirl: Mir ist angesichts der Weltlage nicht nach tippen

Michael Heinen: Die gute Nachricht: Borussia steigert sich gegenüber der Vorwoche. Die schlechte: VW siegt trotzdem mit 2:1 im Borussia-Park.

Christian Spoo:  Selten hat ein Spieler zweimal innerhalb weniger Wochen die Chance, seinem Ex-Verein richtig weh zu tun. Max Kruse hat nicht nur die Chance, er verwertet sie auch. Wolfsburg gewinnt mit 2:0.

Volkhard Patten: Max ist weg, Max macht den Unterschied. Nach Kruses Doppelpack zum 2:0-Sieg der Radkappen kann Virkus sich an einer ersten Personalentscheidung versuchen.


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