Der holprige Saisonstart Borussias wirft tiefgehende Fragen auf, für deren Beantwortung naheliegende Antworten unzureichend, ja irreführend wären. Natürlich ist die vergangene Transferperiode anders gelaufen als erhofft, selbstverständlich muß ein neuer Trainer erst eine Handschrift entwickeln, und ohne Zweifel bleiben Verletzungen und Erkrankungen nicht ohne Folgen. Das Kernproblem ist jedoch die Mannschaft: eine Ansammlung von Spielern, die erfolgreiche Zeiten kannte, nach Jahren des Fortschritts inzwischen jedoch ihren Zenit überschritten hat und im Niedergang begriffen ist.

Es ist noch ungewiß, ob man eines Tages die Periode 1965-1979 mit dem Zeitraum 2011-2021 (oder 2022, 2023…) vergleichen wird. Große Unterschiede bestehen allein schon im Erfolg, sofern er sich in „Blech“ mißt: einer Ansammlung von Titeln nach dem ersten Bundesligaaufstieg stehen im letzten Jahrzehnt viele Versuche, aber nichts Zählbares entgegen, das eine Ergänzung meines zuletzt 1995 aktualisierten Vereinswimpels erfordern würde. Chancen waren da, vor allem im DFB-Pokal sowie in der Europa League. Letztlich blieb unter dem Strich viel Ehre übrig, sonst nichts.

Andererseits sprechen wir ohne Zweifel von einer Erfolgsgeschichte, wenn wir das letzte Jahrzehnt betrachten. Von der Relegation in die Champions League; sechs Mal Europapokal; acht Wochen am Stück Tabellenführung; von Manchester und Turin über Rom und Barcelona zurück nach Manchester: a hell of a ride. Daß es überhaupt so weit kommen konnte nach zwischenzeitlichen Jahrzehnten des Niedergangs, ist außergewöhnlich, fast einzigartig. Es ist da Resultat des Ineinandergreifens aller Zahnräder, systematisch aufgebaut und hochgradig professionell orchestriert.

Weder der Corona-Pandemie noch den Geldbörsen aller Scheichs und Oligarchen ist es gelungen, Borussias zentralen Erfolgsfaktor zu bremsen: die Philosophie, frühzeitig Talent zu scouten, junge Spieler gut aus- und weiterzubilden und genügend von ihnen gewinnbringend zu verkaufen. Dies zu stoppen gelang der zweijährig amtierenden Probstheidaer Ich-AG mit Red Bull-Vergangenheit ebensowenig, auch wenn Marco Rose für die Kaderplanung nichts Bleibendes geleistet, das Scouting torpediert und den Durchstrom der Jugend eher behindert hat. Die Philosophie ist immer noch intakt, Management und Umfeld sowieso, und nach sechs Pflichtspiele eine Trainerdiskussion anzuzetteln, ist absurd (was nicht heißt, daß ich bislang die Handschrift von Adi Hütter habe entziffern können, aber im Moment suche ich die Ursache hierfür noch bei mir selbst).

Was allerdings immer weniger funktioniert, ist die Mannschaft an sich. In einer guten Mannschaft wiegt das Ganze mehr als die Summe aller Einzelnen. In einer ordentlichen Mannschaft gibt es Schwankungen um einen Mittelwert, und solange der Durchschnitt in Ordnung ist, mag das so sein. Zur Zeit trifft nichts hiervon zu. Bei Borussia habe ich zunehmend das Gefühl, es laufen mit großen Namen beflockte Trikots auf dem Platz herum, die mit vielerlei beschäftigt sein mögen, nur nicht damit, das gegnerische Tor zu suchen. Das ist nicht gänzlich neu, aber es wird zum Saisonbeginn, wenn alle wieder bei null anfangen, besonders augenfällig. Im Prinzip gab es das schon früher ab und an, aber seit einem halben Jahr, seit aus einer Rose eine Hagebutte wurde, haben wir es durchgehend. Warum?

Um zunächst die mildernden Umstände aufzulisten, sei Folgendes erwähnt. Es ist unbestritten, daß Borussias Profimannschaft im Frühjahr unter besonderem Druck stand. Spiele gegen hochkarätige Gegner folgten im Drei-Tages-Rhythmus aufeinander; Regeneration, geschweige denn ordentliches Training, fielen dem Zeitplan zum Opfer; Thuram- und Embolo-Gate sorgten für unschöne Nebenschauplätze; und der Einfluß des jetzt die Biene Majas trainierende M.R. wurde bereits hinlänglich thematisiert. Zudem sahen sich sieben oder acht vermeintliche Weltklasse-Spieler mit der europäischen Crème de la Crème des Fußballs in Verbindung gebracht, was zusätzlich Unruhe schuf, und über allem lag Corona wie Mehltau, alles andere als förderlich für Teambuilding und normale Abläufe.

Erklärt dies aber, warum die Mannschaft zweimal in Folge Spiele gegen Manchester City anging wie David gegen Goliath, nur ohne Steinschleuder? Dankbar, nicht abgeschlachtet zu werden und nach 15 Minuten in Unterwürfigkeit verharrend? Erklärt dies, warum man gegen spielerisch limitierte Mannschaften grundsätzlich keinen Schlüssel zum Erfolg fand, körperlos, pomadig, willensarm, es sei denn, der Gegner spielte so, wie man das selbst gerne hat? Erklärt es, warum Ballbesitz und expected goals zunehmend mehr zum Fetisch wurden (vermutlich die beiden schwachsinnigsten Statistiken, die es im Fußball gibt), aber die Null stets häufiger auf der falschen Seite des Doppelpunktes stand und steht?

Wenn in jedem normalen Berufsfeld der Chef seinen Abgang ankündigt, darf man erwarten, daß die Belegschaft für zwei, drei Monate den Laden am Laufen hält, sich selbst organisiert, auf die vorhandenen Grundlagen zurückgreift, sich eine Führungsstruktur gibt. Wie viele Nationalspieler/Weltmeister/Confederations Cup-Sieger/EM-Helden haben wir noch mal? Außerdem Spieler, die die Raute so tief inhaliert haben, daß sie am liebsten lebenslang im Borussia-Park bleiben würden? Natürlich sind die Corona-Regeln nicht förderlich für spontane Grillfeste, aber die Mannschaft verfügt doch über eine hervorragende Infrastruktur und befindet sich auch neben dem Training oft lange Zeiten am selben Ort. Kann man dann keine Selbstorganisation, keine Problemaufarbeitung, keine Strategie erwarten?

Die Antwort ist anscheinend: nein. Die Kaderstruktur hilft zu erklären, warum das so ist. Grob gesagt teilt sich die Spielerschar in drei Gruppen. Die erste besteht aus Fußballern, die eigentlich zu gut sind für Borussia, dort aber den Absprung schaffen wollen zu noch größeren Clubs und manchmal für mehr als zwei oder drei Jahre gehalten werden können, wenn Erfolg da ist. Die zweite – und sie ist bei Borussia deutlich größer als bei vergleichbaren Vereinen, was zugleich Segen und Fluch ist – identifiziert sich in einem derartigen Ausmaß mit dem Klub und seiner Philosophie, daß sich zunehmend die gesamte Lebensplanung auf einen Verbleib am Niederrhein ausrichtet oder dies zumindest vorstellbar ist. Die dritte Gruppe schließlich ist jung, ehrgeizig und oft noch unbedarft, und sie bildet den Zulauf für die ersten beiden Gruppen mit der Verzögerung von ein paar Jahren.

Jede dieser Gruppe hat ihre Berechtigung, und nichts hiervon ist schlecht. Seit einiger Zeit aber weist jede dieser Gruppen zunehmend Schwachstellen auf. In der Summe wird dies nun zu viel. Gruppe eins wollte weg, ist aber vollständig noch da. Wie viel Identifikation mit dem Verein noch vorhanden ist, ist fraglich. Das gilt nicht für jeden, so nehme ich Matthias Ginter hiervon aus, aber für den Großteil trifft es zu. Hinzu kommen bei einigen Verletzungen und Eskapaden, die nicht karriereförderlich sind. Gruppe zwei richtet sich stets mehr in einer Wohlfühloase ein: Man hat schlechtere Zeiten gesehen, nun geht es uns gut, bis zum Ruhestand halten wir das noch durch. Gruppe drei mußte in den letzten beiden Jahren sehen, daß ein Teil der Neuzugänge auch nicht besser Fußball spielt und daß es inzwischen zu viele Spieler gibt, die verliehen werden, aber nicht verkauft werden (können), und dies alles macht den Durchlauf nach oben schwieriger.

Der neue Trainer hat nun ein gewaltiges Problem. Gruppe eins muß er spielen lassen, denn nur so lassen sich diese Spieler (erneut) ins internationale Schaufenster stellen und irgendwann gewinnbringend verkaufen. Gruppe zwei ist bei den Fans am beliebtesten sowie der eigentliche Kern des Vereins: andere kommen und gehen, Herrmann, Jantschke, Kramer und Stindl bleiben. Aus Fansicht wunderbar, aber dieser Kern wird älter und muß den Spagat schaffen zwischen der Führungsrolle im Kader einerseits und immer weniger spielentscheidendem Einfluß andererseits. Die dritte Gruppe kann nur über zunehmende Spielpraxis an den Kader herangeführt werden, weist aber naturgemäß die größte Schwankungsbreite in den Leistungen aus. Beyer, Netz und Scally gleichzeitig in der Defensive? Mutig, zukunftsträchtig … und gleichzeitig bei weitem noch keine solide Grundlage, mit der man ernsthaft andere Ziele verfolgen könnte als nicht abzusteigen.

Daß Gruppe eins eigene Ziele verfolgt, erscheint mir legitim, daß Gruppe drei noch fehlende Reife aufweist, sowieso. Warum aber schafft es der Kern nicht, die „wahren“ Rautenträger, mehr Struktur zu schaffen, Biß aufzuweisen, auch mal schmutzige Energie zu produzieren? Zunehmend dominiert bräsige Leblosigkeit, fehlt der Funke auf dem Platz, ist kein echter Wille erkennbar. Findet es ernsthaft hinter den Kulissen statt, daß sich ein gestandener Spieler einen Neuhaus zur Brust nimmt, der in jedem Spiel ein bis zwei katastrophale Fehlpässe im Mittelfeld spielt, die höchste Gefahr bringen? Ist es Thema, daß nur ein Spieler ordentliche Ecken schlägt, nur ein anderer Flanken zielgenau zum Mann bringt und insgesamt immer weniger Bälle aufs gegnerische Tor kommen? Fällt es immer weniger auf, daß einige anscheinend lieber Heiligenbildchen aufstellen als in den Zweikampf zu gehen? Die Spieler, denen man eine durchsetzungsfähige Haltung auf dem Platz anmerkt, sind aktuell verletzt, aber der große Rest nicht, und von denen sollte man es auch erwarten können.

Der grundlegende Punkt ist somit, daß es – vielleicht bedingt durch die von der Pandemie beförderte Weichei-Kultur – inzwischen in der Mannschaft viel zu viele Ausreden, viel zu viel Nabelschau bei sich selbst und viel zu wenig gelebte Ambition gibt. Das Problem ist nicht die Vereinsphilosophie, nicht die Finanzen, nicht das Management und nicht der Trainer. Das Gras ist grün, das Essen gut, das Konto voll. Was fehlt, ist eine echte Mannschaft, die einfach nur Fußball spielt. Keine Weltklassekombinationen, keine Besonderheiten, einfach nur Fußball, nach vorne, drei Drittel des Spielfelds entlang und nicht nur die ersten beiden. Das ist einzig und allein Aufgabe der Mannschaft und von niemandem sonst.

Stattdessen höre ich nur Gerede (Höhepunkt bislang die Auslassungen des Weltmeisters nach dem Rose-Abgang), allenfalls schmerzlose Selbstkritik in Endlosschleife fünf Minuten nach einem Scheiß-Spiel, und ich merke – das Schlimmste von allem – eine Kuschel-Romantik in Wort und Körpersprache, die allmählich den Bezug zur Realität verliert. Diese Realität kann sehr schnell Abstiegskampf heißen, und dazu ist diese Mannschaft in ihrer jetzigen mentalen Verfassung nicht fähig. Vergeßt den Europapokal; Manchester City bleibt für längere Zeit das letzte Highlight. Mit Glück gegen Bielefeld zu gewinnen und sonst gegen niemanden sollte ein Warnschuß gewesen sein. Hört ihn, ansonsten endet 2021 eine Epoche, von der die Jüngeren sagen werden, sie war schön, doch die Älteren wissen, daß sie im Gegensatz zur ersten Glanzzeit der Fohlen keinen bleibenden Wert darstellen wird.


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