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Freunde klassischer deutscher Fernseh-Komik erinnern sich sicher an die Sendung „Nonstop Nonsens“, in der Didi Hallervorden 45 Minuten lang allerlei Unfug treiben durfte, nur um dann am Ende seinen gesamten Mitarbeiterstab vor den Kopf zu stoßen, indem er den Abspann in höchster Geschwindigkeit laufen ließ, um somit Zeit für einen letzten Sketch zu gewinnen: den von ihm sogenannten „gespielten Witz“. Das Ende eines Borussia-Spiels in der Saison 2020/21 erscheint mittlerweile ähnlich vorhersehbar. Ob der Gegner ein spätes Ausgleichstor erzielt, ein eigener Spieler wegen Spuck-Attacke rot sieht oder (wie am Samstag) die Fehlanwendung des VAR in letzter Sekunde einen Auswärtssieg vereitelt: Es endet stets mit einer Pointe, bei der leider Anhänger des VFL wenig zu lachen haben.

Wir wollen das „Kommunikations- und Darstellungsmissverständnis“ (VAR-Projektleiter Jochen Drees) vom Samstag jetzt gar nicht noch einmal detailliert skizzieren, denn dass da gewaltig was schiefgelaufen ist, haben die Offiziellen ja mehr oder weniger direkt inzwischen bestätigt oder wie Schiedsrichter Felix Brych es euphemistisch umschrieb: Stuttgart kam mit der Entscheidung auf Elfmeter „glücklich“ davon. Man sollte allerdings hinzufügen, dass dieses Glück durchaus hart erarbeitet war, denn der Aufsteiger, der neben Union Berlin als die positive Überraschung der Saison hervorsticht, hatte auch in diesem Spiel gezeigt, dass man nicht zufällig weit vor den Abstiegsrängen steht. Nach dominanten Beginn der Borussia in den ersten 20 Minuten schafften es die Schwaben das Spiel ausgeglichen zu gestalten. Der Führungstreffer durch einen Stindl-Elfmeter in der 35. Minute war zwar nicht unverdient für die Gladbacher, kam aber in dieser Spielphase eher überraschend, denn die Schwaben und vor allem der glänzend aufgelegte Gonzalez waren mittlerweile gut im Spiel. Zu Beginn der zweiten Hälfte war der VFB dann die bessere Mannschaft und das 1:1 nach 58 Minuten war der verdiente Lohn. Dass die Borussia bis zur letzten Sekunde des Spiels dann doch in Führung lag, hatte seinen Ursprung in einer Energieleistung Zakarias, der sich bei einem Konter nach Stindl-Pass mit Kraft und Geschwindigkeit gegen Stenzel durchsetzen konnte und dann auch noch erfolgreich abschließen konnte. Es hätte einer dieser Arbeitssiege werden können, die Spitzenmannschaften gern mal mitnehmen. Aber es wurde kein Sieg und ob die Borussia zurzeit eine Spitzenmannschaft ist, kann man auch kontrovers diskutieren.

Es war kein wirklich schlechter Auftritt der Mannschaft, aber gerade die in der Vorwoche so starken Hofmann und Neuhaus hatten in Stuttgart einen ihrer schwächeren Tage erwischt und somit fehlte dem Gladbacher Angriffspiel etwas die Kreativität, was auch der erneut starke Lars Stindl nicht allein wettmachen konnte. Hinzu kam noch, dass der stets engagierte aber glücklose Breel Embolo kaum etwas zustande brachte. Zuspiele auf den Schweizer waren eigentlich nur Fehlpässe mit eingebauter Verzögerung: Man wusste stets, dass der Ball eine Sekunde später in den Stuttgarter Reihen seien würde. Auch die Defensive war nicht immer sattelfest; vor allem Elvedi und Lainer hatten in ihren Duellen mit Gonzalez und Sousa so ihre Schwierigkeiten. Aber sowohl die Detailanalyse der einzelnen Spielerleistungen wie auch die Medienweite Konzentration auf die grimmige Mär vom fiesen Felix und der bösen Bibi (nicht unterschlagen werden sollte dabei die Rolle von Risky Ramy, der seine Hände ja auch einfach mal bei sich behalten hätte können) verschleiern ein wenig, wo die Borussia wirklich steht zurzeit: Es war bereits das siebte Unentschieden in dieser Spielzeit, was schon zwei mehr sind als in der gesamten Vorsaison. Die Gegner hießen dabei Union, Wolfsburg, Freiburg, Augsburg, Hertha, Frankfurt und Stuttgart. Jedes Mal war die Borussia Favorit, sechsmal ging sie auch in Führung, hatte immer eine Chance das Spiel zu gewinnen, aber auch in fast allen Fällen (das Heimspiel gegen Augsburg vielleicht ausgenommen) war das Ergebnis am Ende gerecht oder gar etwas glücklich (Freiburg, Frankfurt). Ein Spieltag vor Hinrunden-Ende steht man nun tabellarisch inmitten dieser 7 Teams und das kann man jetzt nicht nur darauf schieben, dass einem ein fehlerhafter VAR-Einsatz am Wochenende zwei Punkte gekostet hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig; die Konzentration auf die Champions-League im Herbst hat sicher eine Rolle gespielt, aber vielleicht ist die Wahrheit aber auch, dass man sich nicht so sehr dieses Jahr unter Wert verkauft, sondern in der Vorsaison auch etwas über dem eigentlichen Niveau gespielt hat.

Das einzige Team auf den Rängen 5-13 gegen das Borussia 20/21 noch nicht Unentschieden gespielt hat, kommt nun schon morgen Abend in den Borussia-Park. Werder Bremen konnte im Sommer nur durch die Relegations-Playoffs gegen Heidenheim den Abstieg vermeiden und spielt auch in dieser Spielzeit nicht gerade begeisternden Fußball. Der Kader ist im Wesentlichen die Fastabstiegsmannschaft der Vorsaison, bei der dazu mit Füllkrug der einzige wirklich torgefährliche Spieler fehlt. Der einstige Stern am Trainerhimmel Florian Kohfeldt hat sich in kürzester Zeit vom (scheinbarem) Fussball-Visionär zu einem pragmatischen Defensiv-Strategen verwandelt und lässt sein Team ziemlich uninspiriert aber gelegentlich erfolgreich (wie z.B. am Wochenende gegen Augsburg) herumdümpeln.  Hinzukommt, dass der Borussia-Park kein gutes Pflaster für die Hanseaten ist, die hier in der Bundesliga seit 2010 nicht mehr gewinnen konnten und dabei mehrfach ziemlich unter die Räder kamen. Im Prinzip spricht also alles für die Borussia, wenn, na ja, siehe oben. Marco Rose wird mit großer Sicherheit ein wenig rotieren, da ja am Freitag mit Dortmund schon der nächste Kracher auf den VFL wartet. Mit Sicherheit nicht auflaufen wird Breel Embolo, der wegen eines Corona-Verstoßes (er besuchte eine Party, wie dumm kann man eigentlich sein?) kurzfristig aus dem Kader gestrichen wurde und vermutlich durch Alassane Plea ersetzt werden wird. Aber auch Wendt oder vielleicht gar Hannes Wolff sind Spieler die Bensebaini oder Hofmann in der Startelf ersetzen könnten. Es könnte ein Geduldsspiel gegen tief stehende Bremer geben, aber ein Sieg ist absolute Pflicht für die Borussia um die Hinrunde mit 28 Punkte ordentlich zu beenden und den Anschluss an das obere Tabellendrittel zu wahren Man kann daher nur hoffen, dass der VFL im letzten Hinrundenspiel mit dem Unentschieden-Nonsens aufhört und humorlos ohne gespielten Witz kurz vor Ende gewinnt.

Seitenwahl-Tipps:

Claus-Dieter Mayer: Wie genau es Sergeant in der 93. Minute schafft, den Ball im Gewühl durch die Beine Sommers zu spitzeln, weiß am Ende keiner so recht, aber wiedermal stehen die Gladbacher nach einem 1:1 daheim zum Schluss wie die begossenen Pudel da und beginnen langsam sich mit dem Regelwerk für die Europa Conference League zu beschäftigen

Christian Spoo: Kein Kölner Keller kann verhindern, dass Borussia Werder Bremen schlägt. 2:0.

Michael Heinen: Genug gejammert. Borussia tut gut daran, sich wieder auf sich selbst zu konzentrieren und gewinnt daher souverän mit 4:1.

Mike Lukanz: Jeder bei Borussia hätte vor den drei Spielen gegen Bayern, Stuttgart und Bremen sieben Punkte unterschrieben. Damit das tatsächlich unterschriftsreif wird, braucht Borussia einen Sieg, der mit dem 3:1 auch eingefahren wird.


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