Das Wichtigste vorab: Hass, Gewalt- oder gar Todesdrohungen dürfen im Fußball wie in unserer Gesellschaft keinen Platz haben und müssen überall scharf sanktioniert werden. Von daher war die Darstellung des Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp in einem Fadenkreuz vergangene Woche durch einen Teil der Gladbacher Fans absolut inakzeptabel – selbst wenn die dahinterstehende Intention eine andere gewesen sein mag. Durch die Ereignisse in Hanau wurde diese Geschmacklosigkeit in der Öffentlichkeit noch deutlich stärker wahrgenommen und bekam verständlicherweise eine besondere mediale Aufmerksamkeit. Der berechtigten Kritik an der Wettbewerbsverzerrung in Sinsheim und am Wortbruch des DFB, keine Kollektivstrafen mehr ausstellen zu wollen, erwiesen die Ultras daher einen Bärendienst, da sich die öffentliche Diskussion in eine völlig andere Richtung verschob.

Dies setzte sich an diesem Wochenende mit den Ereignissen in Dortmund und Sinsheim fort, wo sowohl Fanszenen als auch DFB eine Machtprobe wagten. Die einen verdeutlichten, sich nicht mundtot machen zu lassen, und diffamierten Hopp erneut in Sprechchören und auf Spruchbändern als „Hurensohn“. Die anderen zogen daraus die Konsequenz und setzten erstmals in der Bundesliga den 3-Stufen-Plan (Spielunterbrechung, vom Platz gehen, Abbruch) um, der 2009 von der FIFA entwickelt wurde, um rassistische Entgleisungen in den Stadien zu sanktionieren.

In einigen nach Skandalen lechzenden Medien wurde das Geschehen in Dortmund und Sinsheim zu einem Event ausgeschmückt, das selbst die Berichterstattung über die Korruptionsskandale von 1971, 2005 (Hoyzer) und 2006 (Sommermärchen) in den Schatten stellte. Ob auf Sky, in der Sportschau oder im Sportstudio wurde der Eindruck vermittelt, als seien Beleidigungen in den Fankurven ein Phänomen, das sich erst seit kurzem entwickelt habe und im direkten Zusammenhang stünde mit den rassistischen oder sexistischen Hassbotschaften dieser Tage. DFB-Präsident Keller ließ sich im ZDF u. a. zu der Aussage hinreißen, Rassismus sei zunächst ein Problem anderer Länder gewesen und habe erst vor kurzem in deutschen Stadien Einzug gehalten. Nun mag die Welt in Freiburg eine etwas heilere sein als anderswo. Mit der Realität in fast allen Stadien der letzten Jahrzehnte hat diese Sichtweise leider nichts zu tun.

Es darf allerdings als ein zivilisatorischer Fortschritt gewertet werden, dass heutzutage auf Rassismus, Sexismus oder Homophobie weit empfindlicher reagiert wird als früher. Affenlaute gegen dunkelhäutige Spieler waren in den 1980er-Jahren schon indiskutabel, wurden damals aber noch weitgehend ignoriert. Die Diskussion darüber, inwieweit diese gesellschaftlichen Veränderungen auch in den Fußballstadien Einzug halten sollten, ist längst überfällig. Ist es noch zeitgemäß, wenn z. B. im Derby „schwule Kölner“ homophob diffamiert werden und wie lassen sich solche Rufe verhindern, die für nicht wenige Fans als selbstverständlicher Teil ihrer Fußballkultur angesehen werden? Wo setzen wir hier die Grenze des Erlaubten an?

Fakt ist: Das Fußballstadion ist kein rechtsfreier Raum. Dessen sollte sich jeder Besucher bewusst sein. Andererseits geht es im Stadion seit jeher ähnlich rau zu wie sonst nur im Straßenverkehr. Schmährufe, Schmähplakate und persönliche Diffamierungen gegen einzelne Spieler, Verantwortliche oder Schiedsrichter gibt es seit Anbeginn der Bundesliga bei so gut wie jeder Partie und waren bislang kein Grund für besondere Aufregung. Die öffentliche Stimmungslage der vergangenen Tage lässt darauf schließen, dass einige dies jetzt ändern wollen.

Aber will man das beim DFB wirklich in der ganzen Konsequenz? Wer ernsthaft glaubt, dem DFB ginge es primär um Moral und ein generelles Bekämpfen von solchen Hass- und Diskriminierungsbotschaften in den Stadien, der ist bestenfalls naiv. In letzter Instanz geht es – wie fast immer im Milliardengeschäft Profifußball – ums liebe Geld. Es geht darum, dass ein DFB-Premiumpartner angegangen wurde, der mit Geldzahlungen und anderen Gefälligkeiten eine besondere Verbindung zum Verband pflegt. Der Sohn des ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wird seinen Job bei der TSG Hoffenheim einst nicht nur aufgrund seiner starken Qualifikationen erhalten haben. Nun ist derlei Korruption und Vetternwirtschaft beim DFB nichts Ungewöhnliches. Es hilft aber schon bei der Einordnung der aktuellen Geschehnisse.

Vor diesem Hintergrund ist es auch kein Whataboutism, wenn darauf verwiesen wird, dass der DFB bei anderen Vergehen bislang nicht ansatzweise so resolut durchgreift wie zum Schutze ihres milliardenschweren Gönners. Wer bei rassistischen Sprechchören wie bei Herthas Torunarigha sogar auf eine Stadiondurchsage verzichtet, weil sich diese schon 20 Minuten vorher ereignet hatten und wer die tief rassistischen Aussagen eines Clemens Toennies ebenso ignorant zur Kenntnis nimmt wie die diskriminierenden Anfeindungen bei Nationalspieler Mesut Özil, der hat in der aktuellen Debatte ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Von der WM in Katar, dem laschen, vertuschenden Umgang mit der Sommermärchenaffäre oder dem kumpelhaften Verhältnis zur FIFA und ihrem mafiösen Chef Infantino ganz zu schweigen. Jegliches Verhalten des DFB wird letztlich stets nur damit erklärbar, was den eigenen finanziellen Geschäftsinteressen dient. Wir sollten uns daher nicht der Lächerlichkeit preisgeben und die Vorkommnisse des vergangenen Wochenendes als einen „Sieg der Moral“ über die „Verkommenheit der bösen Ultra-Fans“ abfeiern.

An den vollmundigen Worten ihres Präsidenten, der 3-Stufen-Plan werde ab sofort bei allen Diffamierungen so umgesetzt, wird sich der DFB jetzt aber messen lassen müssen. Setzt er dies tatsächlich konsequent um, so dürfte es in den nächsten Wochen reihenweise Spielabbrüche geben, denn es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Fankurven dieser drastischen Ansage kampflos fügen werden. Wenn nächste Woche die „Stein auf Stein beworfenen Borussen“ auf die „BVB-Hurensöhne“ treffen, könnte der DFB streng genommen gleich die 3. Stufe zünden. Es ist absehbar, dass es ihnen an dieser Konsequenz einmal mehr fehlen wird, denn letztlich wird der Verband kein Interesse an einem Zermürbungskampf mit sämtlichen Fankurven haben.

Anstatt willkürlich wirkende Exempel (nur) dort zu statuieren, wo es den finanziellen Verbandsinteressen offensichtlich am besten dient, wäre es vernünftig, mit den Vereinen und ihren Fanszenen in den Dialog zu treten und klare Grenzen zu definieren, um diese anschließend konsequent und einheitlich zu sanktionieren. Dabei wird man beidseitig Kompromisse eingehen müssen. Der DFB wird zu akzeptieren haben, dass die Fankurven weiter unbequem den Finger in diverse Wunden legen und gerade jene Auswüchse an Korruption und Kommerzialisierung im Verband, aber durchaus auch an Rassismus in den Stadien, mit deutlichen und manchmal rabiaten Worten kritisieren. Die Fankurven müssen ihrerseits aber ebenfalls erkennen, dass es Grenzen und Regeln gibt für ihr Handeln und dass sie sich für ein Überschreiten zu verantworten haben. Hier ist intelligent-kreativer Protest gefragt, wie er z. B. mit der 15.30-Bewegung einst erfolgreich umgesetzt wurde. Der Verlauf des vergangenen Wochenendes macht wenig Hoffnung darauf, dass es zu einer solch vernünftigen Lösung kommen wird, wodurch letztlich beide Seiten und ganz besonders der Fußball als Verlierer vom Platz gehen werden.


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