„Wir spielen am Samstag gegen einen unmittelbaren Konkurrenten“. Diese Äußerung von Michael Zorc, Sportdirektor beim Ballspielverein Dortmund vor der für Samstagabend angesetzten Partie bei Borussia Mönchengladbach zeigt, dass die Dortmunder den medial ausgerufenen Dreikampf um den Deutschen Meistertitel 2020 mindestens für einen Vierkampf halten. Borussia ist Stand jetzt bei einem Spiel weniger auf Augenhöhe mit Bayern, Leipzig und eben Dortmund, zumindest was die Punkteausbeute angeht. Damit ist die Partie VfL gegen BvB ein echtes Spitzenspiel

Zwei Fragen stehen vor diesem Spitzenspiel im Zentrum: Wird es regulär angepfiffen und wird es regulär abgepfiffen. Letztere Frage stellt sich als Konsequenz aus den Fan-Protesten des vergangenen Spieltags und ist wegen der direkten Involviertheit beider Fanszenen vielleicht etwas akuter als auf den meisten anderen Plätzen, auf denen am Wochenende Fußball gespielt wird. Zu diesem Thema ist von unserer Seite vorerst alles gesagt. Wer mag, lese die letzten Artikel der Kollegen Heinen und Lukanz oder wühle sich durch die durchaus kontroverse Diskussion im Seitenwahl-Forum.

Die Frage nach dem Anpfiff hat Borussia in Absprache mit dem Gegner und dem Gesundheitsamt beantwortet: Trotz der grassierenden Sorge vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus wird am Samstagabend gespielt. Eine Entscheidung, die bei einigen besorgten Fans für Unmut gesorgt hat. Das Echo aus der Anhängerschaft ist allerdings überwiegend positiv. Das Stadion dürfte trotz Corona voll werden, zumal Borussia angekündigt hat, Desinfektionsmittel-Spender aufzustellen, was vielleicht die Ansteckungsangst bei einigen noch Unentschlossenen ein wenig lindern wird. Etwas merkwürdig mutet die Bitte des Vereins an die Fans aus dem Kreis Heinsberg an, doch besser zu Hause zu bleiben. Zum einen gibt es – auch wenn es bei regelmäßigen Social-Media-Konsum vielleicht einen Eindruck gibt – zwischen Geilenkirchen, Selfkant und Kuckum immer noch mehr als 99 Prozent Nicht-Infizierte. Zum anderen mutet eine solche Bitte inkonsequent an. Entweder man macht sich Sorgen, dass bei einem Fußballspiel ein erhöhtes Infektionsrisiko für die Zuschauer besteht, dann sagt man ab. Oder man geht davon aus, dass das Risiko sehr gering ist, dann zieht man das durch, aber dann auch ohne Einschränkungen. Die freiwillige Exklusion von Fans aus einem bestimmten Landkreis erinnert ein wenig an die merkwürdige Haltung derjenigen, die jetzt die Straßenseite wechseln, wenn ihnen ein Mensch mit asiatischem Aussehen entgegenkommt. Wollen wir hoffen, dass keine fehlgeleiteten Stadionbesucher die Gladbacher Straße aus Richtung Erkelenz blockieren oder sich an Autos mit HS-Kennzeichen vergreifen.

Zum Sport, der Stand jetzt am Samstagabend ab 18 Uhr 30 auf dem Rasen des Borussia-Parks geboten wird:

Bei Borussia ist der Einsatz von Marcus Thuram noch fraglich, Lars Stindl hat nach seinen Toren in Augsburg von Trainer Marco Rose fast schon eine Einsatzgarantie erhalten. Rose lobte den Kapitän vor der versammelten Fach- und Lokalpresse fast schon überschwänglich. Darüber hinaus hat Borussia alle Mann an Bord. Die Frage, wer davon gegen Dortmund auf dem Platz stehen sollte, lässt sich ohne Blick auf Personal und Spielweise des Gegners kaum beantworten.

In Augsburg überraschte Marco Rose mit der Aufstellung von Tobias Strobl als zweiter Sechser neben Denis Zakaria. Der offenbar wechselwillige Bayer hatte dabei einige Schwierigkeiten. Im Aufbau spielte er wenig hilfreiche Pässe und seine langen Bälle landeten selten da, wo sie hinsollten. Nach der Pause war Strobl dann zentraler Teil eines Fünfer-Mittelfelds, weil Rose auf Dreierkette umgestellt und Zakaria zurückgezogen hatte. Hier lief es etwas besser, vor alle, da Strobl mit einem Ballgewinn ursächlich an der Entstehung des 2:0 beteiligt war. Für einen erneuten Einsatz hat er sich dennoch nicht aufgedrängt. Sollte Marco Rose gegen Dortmund erneut mit einer 4-2-Defensivformation beginnen, spricht viel für die Doppelsechs Kramer, Zakaria. Eine Dreierkette wäre gegen die geballte Dortmunder Offensivkraft eine überraschende Herangehensweise, aber auch da hätte vermutlich Kramer als zentraler Mittelfeldmann die besseren Karten. Laszlo Benes spielt aus Gründen, die von außen kaum zu beurteilen sind, zurzeit überhaupt keine Rolle. Das in der Winterpause ausprobierte (und seinerzeit zumindest offiziell für gut befundene) Experiment mit Florian Neuhaus zentral defensiv ist unter Wettkampfbedingungen noch ungetestet und sollte vielleicht nicht gerade gegen diesen Gegner als Option gelten. Vorne könnte Marco Rose dank des guten Eindrucks, den das Duo Stindl/Plea in Augsburg gemacht hat, sogar auf einen gesunden Marcus Thuram verzichten. Die offene Frage hieße in diesem Fall vermutlich Thuram oder Hofmann – mit einer Außenseiterchance für Patrick Herrmann, da Jonas Hofmann in Augsburg zumindest die Nerven der Zuschauer zeitweise arg strapazierte, nicht zuletzt bei seinen eher kläglich anmutenden Versuchen, den Ball im gegnerischen Tor unterzubringen. Andererseits gibt es bei wohl keinem Spieler im ganzen Kader eine derart große Differenz in der Wahrnehmung durch das Publikum und die Trainer. Die Qualitäten eines Jonas Hofmann sind – ganz ohne Sarkasmus gesprochen - offenbar zumindest teilweise für das Laienauge unsichtbar.

Fast aus dem Vollen schöpfen kann auch Marco Roses Vor-vor-Vorgänger im Amt. Dass man nach einem Vor überhaupt noch weiterzählt, unterstreicht das Ansehen, das Lucien Favre weiterhin in Gladbacher Vereins- wie Fankreisen hat. Verzichten muss der in Gladbach einst vielgeliebte Übungsleiter auf den ebendort einst nochmehrgeliebten Marco Reus. Da der die dumme Angewohnheit hat, seinem früheren Klub in jedem Spiel mindestens ein Gegentor beizubringen, ist das bei allem Mitgefühl eine gute Nachricht. Andererseits herrscht an torgefährlichen Offensivleuten in Dortmund auch ohne Reus kein Mangel. Von der Treffsicherheit des Julian Brands können die Gladbacher nach dem äußerst unglücklichen und -verdienten Pokalaus ein trauriges Lied singen. Jadon Sancho hat in der Vergangenheit die Gladbacher Defensive auch schon gelegentlich schwindelig gespielt und dann ist da ja noch der große Typ mit dem immer leicht verweint wirkenden Babygesicht. Mit Trump-Fanboy Erling Haaland hat Borussia bisher noch keinerlei Erfahrung sammeln können. Dass dieser Spieler eine Waffe ist, ließ sich in den vergangenen Wochen ein ums andere Mal beobachten. Wie man diese Waffe entschärft, hat sich unter Abwehrspielern noch nicht herumgesprochen. Auch Marco Rose hat da keine direkte Lösung – mehr eine indirekte. Er empfiehlt, schon die Pässe auf Haaland zu verhindern, offenbar in der Annahme, dass der Norweger, wenn er den Ball dann einmal hat, kaum mehr zu verteidigen ist. Auf Borussias Abwehr wartet eine der schwierigst denkbaren Aufgaben mit Brandt und zwei Stürmertypen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Neben Entschlossenheit dürfte Tempo der Schlüssel zum möglichen Erfolg sein, was klar für den Einsatz von Ramy Bensebaini spricht und was das defensive Mittelfeld – egal wer neben Zakaria spielt – als potenzielle Achillesferse offenlegt.

Hoffnung macht da allenfalls, dass Dortmund im letzten Spiel gegen Freiburg nicht überzeugend auftrat. Einen gewissen Spannungsabfall diagnostizierten Beobachter wie Verantwortliche im Nachgang. Diese Diagnose dürfte die Mannschaft bemüht sein zu widerlegen. Wenn nicht von alleine, dann dürfte spätestens die oben erwähnte  Ansage, es gehe gegen einen „unmittelbaren Konkurrenten“ den Dortmundern Beine machen. Keine gute Nachricht für die echte Borussia.

mögliche Aufstellung

Borussia: Sommer – Lainer, Ginter, Elvedi, Bensebaini – Kramer, Zakaria – Neuhaus, Hofmann – Stindl, Plea

Dortmund: Bürki – Pisczczek, Hummels, Zagadou – Hakim, Can, Witsel, Guerreiro – Brandt, Haaland, Sancho

SEITENWAHL-Prognose

Christian Spoo: Der unmittelbare Konkurrent ist am Samstag um 20:30 Uhr keiner mehr. Borussia findet kein Mittel gegen entschlossen auftretende Dortmunder und geht auch in der Höhe verdient mit 0:4 baden.

Claus-Dieter Mayer: Was haben die Ultras beider Clubs nicht nächtelang an Plakaten und Bettlaken gearbeitetet, sich Gedanken darum gemacht wie man jemandem fantasievoll unterstellt seine Mutter sei womöglich Prostituierte gewesen, nur um dann festzustellen, dass dieses Fussballspiel viel zu spannend ist, um solchen Kindskram hochzuhalten. Das dramatische 3:3 in Mönchengladbach verdrängt selbst den Colonia..äh Corona-Virus kurzfristig als Hauptschlagzeile, auch wenn es keine der Borussias in der Tabelle weiterbringt.

Mike Lukanz:  Ich war schon vor dem Leipzig-Spiel skeptisch und unkte, dass Borussia diese ganz großen Spiele noch nicht gewinnen kann. Dann spielte die Mannschaft die hochgelobte Auswahl des Marketingprojekts schwindelig. Gegen den BVB sah man in der Vergangenheit chronisch schlecht aus, was oft auch an Marco Reus lag. Der fehlt ja nun, was aufgrund dieses Norwegers niemanden so wirklich stört in Dortmund. Trotz Corona und Hopp: Ich haue mal einen raus und sage, dass unsere wahre Borussia mit einem 2:1 ein Ausrufezeichen setzt. 


Folge uns auf Twitter