union berlin neuMit dem 1. FC Union Berlin verbindet den Verfasser dieses Vorberichts eine sehr persönliche Erinnerung – es ist der einzige Verein, von dessen Fans ich mal eins auf die Nase bekam. Es war der 28. Mai 1988, letzter Spieltag der DDR-Oberliga: Der FC Karl-Marx-Stadt – damals vor dem Amtsantritt von Hans Meyer (unter dem tatsächlich alles besser wurde) ein mäßig ambitionierter DDR-Oberligist mit dem Hang zur Bequemlichkeit und überschaubarer Fangemeinde – hatte das vorherige Spiel beim so gut wie feststehenden Absteiger FC Vorwärts Frankfurt/O. 0:5 verloren, was einen Fanboykott im letzten Heimspiel der Saison zur Folge hatte. Im Karl-Marx-Städter Block waren nur ein paar desorientierte Teenager, unter ihnen ich, weil ein paar meiner Kumpels FCK-Fans waren. Gegenüber gab es einen aus allen Nähten platzenden Union-Block, die Berliner mussten gewinnen, um nicht abzusteigen. In der Halbzeit verteilten sich dann die Unioner mangels sie daran hindernden Sicherheitskräften (einmal im Leben wäre die Volkspolizei zu etwas nütze gewesen) über das ganze Stadion, insbesondere wurde der leere Block des FCK okkupiert. Als dann der FCK 2:1 in Führung ging, setzte das ein gewisses Aggressionspotential in der Fangemeinde des 1.FC Union frei, so dass alle, die keinen Union-Schal trugen, sehr schnell rennen mussten. Das gute Ende hatte Union dann für sich – mit einem Siegtreffer zum 3:2 in der 90. Minute, was zum Klassenerhalt reichte, der frenetisch gefeiert wurde.

Der 1. FC Union Berlin in der damaligen und letztlich auch heutigen Form war einerseits ein typisches Produkt der DDR-Sportpolitik und ist auf der anderen Seite auch ein Symbol von deren Scheitern.  Angestrebt war die Bildung eines Fußballklubs als Leistungszentrum in jedem der 15 Verwaltungsbezirke der DDR. Diese „Klubs“ sollten jeweils den uneingeschränkten Zugriff auf alle Talente in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet haben. Talente wurden zu den Klubs „delegiert“, wer das nicht wollte, musste ganz plötzlich zur Armee oder wurde vor die Alternative gestellt, entweder zu wechseln oder für höherklassigen Fußball ganz gesperrt zu werden. Erst danach konnten andere Vereine, meist Betriebssportgemeinschaften eines Trägerbetriebs, sich um Spieler kümmern. Ganz konsequent wurde das nie durchgehalten, Schwerin, Neubrandenburg, Gera und Cottbus gingen beispielsweise trotz ihrer Eigenschaft als Bezirkshauptstadt leer aus. Stattdessen konnten sich Vereine wie die BSG Wismut Aue, die BSG Sachsenring Zwickau oder zeitweise auch die BSG Chemie Leipzig länger in der Oberliga halten und auch Erfolge erzielen.  Für Berlin galt dagegen die Begrenzung auf ein Leistungszentrum pro Bezirk nicht, zeitweise gab es mit dem BFC Dynamo (Hausverein des Ministeriums für Staatssicherheit), dem ASK Vorwärts Berlin (Armeesportklub, später nach Frankfurt an der Oder versetzt, siehe oben) und dem 1.FC Union Berlin (1966 als ziviles Gegenstück zu den beiden anderen Berliner Vereinen mit Polizei- bzw. Armeegeruch gegründet) sogar drei Leistungszentren.  Union war darunter immer der unterprivilegierte Verein, der nur das an Talenten und Mitteln abbekam, was die Konkurrenz übrig ließ und der deshalb zu DDR-Zeiten eine klassische Fahrstuhlmannschaft war, jedoch weit mehr Sympathien genoss und weit mehr Zuschauerzuspruch hatte als der privilegierte, aber DDR-weit verhasste BFC Dynamo. Nach der Wende zunächst im Chaos versunken wie so viele der ostdeutschen Sportvereine verbindet man heute mit dem 1.FC Union Berlin überwiegend positive Emotionen wie Stadionrenovierung in Eigenregie, Weihnachtssingen und tolle Stimmung im Stadion (wenn man mal das unrühmliche Ende der Gladbacher Pokalsaison 2001 außer Acht lässt).

Union Berlin steht heute auch für eine langsame, nachhaltige Entwicklung in Richtung Bundesliga, bei der nichts erzwungen wurde, an deren Ende aber nach mehreren Jahren in der erweiterten Spitzengruppe der zweiten Liga der Aufstieg 2019 stand. Genauso solide erfolgten die Planungen für das Abenteuer Bundesliga: Zugänge wie Christian Gentner oder Neven Subotic zeugen davon, dass man sich der Notwendigkeit von Bundesligaerfahrung genauso bewusst war wie der Beschränktheit der eigenen Mittel. Dazu kommen eine ganze Reihe von Leihspielern. Bisher macht der Auftritt der Berliner den Eindruck, als sei die Kaderzusammenstellung gelungen. Union hat sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten im unteren Mittelfeld der Tabelle etabliert und bereits einen gewissen Abstand zu den unmittelbar gefährlichen Regionen gewonnen. Die Siege gegen Dortmund und Hertha BSC waren echte Ausrufezeichen. Auch wenn mit Andrich einer der bisherigen Schlüsselspieler nach der fünften gelben Karte ausfällt, wird Borussia Mönchengladbach auf einen gut eingestellten, kämpferisch agierenden Gegner treffen, der keinerlei Respekt vor der Tatsache haben wird, dass der Tabellenführer in Berlin gastiert.  Insofern sollte man gewarnt sein und nicht davon ausgehen, dass es sich angesichts des Qualitätsunterschiedes zwischen beiden Teams und angesichts der Favoritenstellung der Borussia um eine leicht zu lösende Aufgabe handelt. Das Gegenteil ist der Fall – mancher meint sogar, es sei das gefährlichste Spiel der jüngsten Vereinsgeschichte (also der seit Übernahme der Tabellenführung), weil Borussia das erste Mal wirklich Favorit ist.

Gladbach kann das Spiel mit einem deutlich gelichteten Lazarett angehen – aus dem Stamm fallen nur noch Bensebaini (gesperrt) und Jantschke (verletzt) aus, alles andere ist an Bord. Die Aussagen auf der Pressekonferenz – flankiert von den guten Nachrichten der Verlängerung der Arbeitsverträge von Neuhaus, Benes und Geideck sowie der konsequenten Ablehnung jeder Herbstmeisterdiskussion – lassen darauf schließen, dass man die Aufgabe ernsthaft angehen wird. Gelingt das, wird Borussia Mönchengladbach auch in Berlin nicht verlieren, wahrscheinlich sogar gewinnen. Denn wenn man gegen Union mit derselben Einstellung wie gegen den AS Rom antritt, wird sich die unzweifelhaft höhere Qualität der Gladbacher Spieler durchsetzen. Für die Mannschaft ist das eine Gelegenheit nachzuweisen, dass der Mentalitätswandel nachhaltig ist.  

 

Der SEITENWAHL-Tipp:

Uwe Pirl: Es wird sehr schwer. Aber da die Einstellung stimmt, setzt sich die Qualität am Ende durch. 2:0 für Borussia.

Christian Spoo: In Berlin endet der Borussen-Lauf. Der Tabellenführer ist zwar besser, beisst sich am aufopferungsvoll kämpfenden Aufsteiger aber die Zähne aus. Eine kampfbetonte Partie endet 0:0.

Michael Heinen: Am Samstag wartet auf Borussia eines der schwierigsten Spiele der Saison. Es wäre eine echte Reifeprüfung, wenn die Mannschaft auch beim starken Aufsteiger besteht und ihrer Favoritenrolle gerecht wird. Ich fürchte allerdings es gibt einen Rückschlag mit einer unglücklichen 1:2-Niederlage.

Thomas Häcki:  Union ist als Kampfmannschaft wie gemalt für eine Gladbacher Niederlage. Doch was ist in Zeiten wie diesen in Gladbach schon normal? Da die neue Borussia auch kämpfen.,kratzen und beissen kann verdient sie sich die 3 Punkte beim 2:1 Erfolg

Mike Lukanz: Jetzt mal die Kirche im Dorf lassen. Union ist unangenehm zu spielen, aber wer Tabellenführer ist, sollte auch diese Hürde nehmen. Einen Schönheitspreis gibt es an der Alten Försterei nicht zu gewinnen, das 1:0 auswärts reicht aber auch so.

Claus-Dieter Mayer: Die Gladbacher Punktemaschine läuft weiter wie geschmiert. Die frühe Borussenführung zerstört den Unioner Matchplan schon nach 5 Minuten und danach spielt es der Spitzenreiter einigermaßen souverän runter. Mit einem 3:0-Auswärtssieg verlängert man die Tabellenführung um weitere 2 Wochen und die Fragen, ob man nicht gleich ein Jahresabo nehmen sollte, werden lauter.

  • 27. Januar 2020 @exprofis Always & forever!
  • 27. Januar 2020 RT @exprofis: Forever Uwe Rahn
  • 27. Januar 2020 @hannoderbus CC: @BaumannKarsten
  • 27. Januar 2020 Jürgen Klopp, so sympathisch. NICHT. #ShrewsburyTown
  • 27. Januar 2020 @s_hermanns Das Lesen lohnte aus einigen Gründen. Und wer noch dazu aufmerksam gelesen hat, ist mit einem humorigen Pointe belohnt worden.
  • 27. Januar 2020 @Herthaner4ever Jern jeschehen!
  • 27. Januar 2020 @_markuskrause Man kann es schon teilen, muss es aber nicht teilen.

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