AJ7X7817Seitenwahl 19Sep19

Wir sind hier weit davon entfernt, den sonntäglichen „Doppelpass“ auf Sport1 als Maßstab irgendeiner Art herzunehmen. Und dennoch, die Ruhe und Sachlichkeit, mit der am Sonntagmorgen Gladbachs Sportdirektor Max Eberl und die Journalisten in der Runde am Münchner Flughafen über die 0:2-Niederlage bei Union Berlin vom Vortag sprachen, sollten ein guter Indikator sein. Die Niederlage an der Alten Försterei war ohne Frage ärgerlich, aber freilich nichts, was Panik oder Frust auslösen sollte.

Natürlich waren sie schnell wieder da, die Mahner und Nörgler, die fast nur darauf gewartet haben, endlich wieder ein Spiel zu verlieren, um sich bestätigt zu sehen. Das Spiel sei der Nachweis, dass Borussia „noch keine Spitzenmannschaft“ sei, einige wollten sogar einen „Rückfall in ganz schlimme Zeiten“ gesehen haben. Geht es eine Nummer kleiner? So wenig, wie vorher alles perfekt war, so wenig ist jetzt alles schlecht. Es wären allen geraten, den Blick aufs Ganze nicht zu verlieren und nicht ständig dem profanen Reflex zu erliegen, nach Siegen alles toll und nach Niederlagen alles doof zu finden. Die an gleicher Stelle während der Länderspielpause diskutierte Frage, ob Borussia Meister werden könne, hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Selbst Eberl sprach im „Doppelpass“ weiterhin davon, „da sein“ zu wollen, wenn die anderen schwächeln.

Viel wurde nach Spielende und der verdienten Niederlage gegen Union über die Schlüsselszene in der 12. Minute gesprochen. Ja, wäre Patrick Herrmanns Kopfball ins Tor statt nur an den Pfosten geflogen, das Spiel hätte ziemlich wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen. Auch Plea hatte sicher schon Spiele, in denen er eine 1:1-Situation gegen den Torwart erfolgreicher löst. Borussia hat in dieser Saison jedoch schon häufiger Spiele erlebt, in denen es exakt andersherum lief – man erinnere sich an das im Nachhinein als „souverän“ eingestufte 3:0 auswärts in Hoffenheim, das gut und gerne auch 0:3 hätte enden können, wenn Hoffenheim seine Chancen im ersten Abschnitt genutzt hätte. Haben sie aber nicht. Für die Beurteilung der Lage sollte jedoch nicht selektiv gemosert werden. Die alte Lesart, nach der sich solche Spiele im Laufe einer Saison abwechseln, ist jedoch schon früh in der Saison bestätigt.

Die Führung der Gastgeber durch Ujah nach 15 Minuten nach einem leider kapitalen Fehler von Zakaria und Lainer, zudem überragend gut herausgespielt, war dann ein sichtbarer Dämpfer für die Mannschaft. Union tat in der Folge das, was sie am besten können – und leider taten sie dies extrem gut: aggressiv, laufstark, diszipliniert, getragen vom Publikum. Ja, Borussia fehlten in der Folge die Mittel, in der zweiten Halbzeit gab es keine einzige Torchance. Das ist für eine Mannschaft mit der Qualität Borussias schlicht zu wenig.

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Das Spiel zeigte auch, dass Borussia eine Mannschaft ist, die sich in der Bundesliga nicht erlauben kann, wenn nur wenige Leistungsträger nicht ihre beste Form erreichen. Union wusste, wie sie den Fohlen wehtun konnte: Konsequentes Zustellen von Zakaria und Neuhaus im Zentrum, auch Thuram sah sich ständig zwei Gegenspielern gegenüber. Ob Spielertypen wie Benes, Rafael oder Stindl (von Beginn an) geholfen hätten, ist eine theoretische Diskussion. Zu oft war in der Vergangenheit zu sehen, dass gerade Spieler aus der Feinkostabteilung in Auswärtsspielen der Kategorie „Drecksspiel“ auch nicht viel besser aussahen. Insofern war Roses Impuls, Körperlichkeit statt Technik in den Ring zu werfen, nachvollziehbar.

Viel wichtiger wird nun sein, wie die Mannschaft reagiert. Eberl sprach davon, dass solche Spiele fast „zum Glück“ passierten, so dass Marco Rose weiter Ansätze geliefert bekommt, an Dingen zu arbeiten und Lehren zu ziehen. Nach den bisherigen vier Pflichtspielniederlagen folgten jeweils Siege. Jetzt geht es nach Wolfsberg, mit denen noch eine Rechnung offen sein sollte. Danach folgen bis Mitte Dezember drei Heimspiele in Serie gegen Freiburg, Bayern München und Istanbul Basaksehir. Das Spiel in Berlin war für viele die erste „Reifeprüfung“, drei weitere folgen nun. Erste Urteile sollten erst danach gefällt werden. Bis dahin ist Borussia weiter Tabellenführer der Bundesliga.

Die SEITENWAHL-Einschätzung

Michael Heinen: Als es zu Jahresbeginn schon einmal Meisterträume in Mönchengladbach gab, fogte eine Niederlage gegen Berlin und anschließend eine monatelange Krise. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Mannschaft unter ihrem neuen Trainer und mit zusätzlichen Charakterspielern jetzt mit dieser Niederlage in Berlin umgeht, die für sich alleine kein Beinbruch ist. Schon innerhalb der nächsten Woche gibt es zwei gute Gelegenheiten zu beweisen, dass sich die Geschichte aus der ersten Jahreshälfte nicht wiederholt, sondern dass die Mannschaft inzwischen so gefestigt ist, dass sie zurecht dauerhaft in den oberen Bereich der Tabelle gehört.

Christian Spoo: Berlin hat gezeigt, dass neben Rose-Input auch ein gewisses Maß an Glück die gloriosen vergangenen Wochen begünstigt hat. Wäre in den ersten 15 Minuten das 1:0 für Borussia gefallen, redeten wir jetzt von der Herbstmeisterschaft, stattdessen gucken wir uns die Tabelle schon mit einem Gefühl des bevorstehenden Abschieds vom Stammplatz vergangenen Wochen an. Jetzt werden wir sehen, wie weit wir wirklich schon sind.

Thomas Häcki: Wer weiß, wozu es gut ist. Borussia stellte sich der größten Fankurve Deutschlands und hat nicht bestanden. Damit nört nun wenigstens das unseelige Meistergelaber auf. Wenn die Borussia aber nun ähnlich reagiert wie nach der peinlichen Wolfsberg-Pleite, wird man Weihnachten fröhlich feiern.

Claus-Dieter Mayer: Vom Spielverlauf war es ein bisschen eine Wiederholung des Romspiels. Guter Beginn, dann nach dem unerwarteten Gegentor ein Bruch im Spiel. Danach zwar bemüht aber nicht mehr zwingend. Der Unterschied war, dass diesmal kein William Collum ex Machina erschien und der Borussia einen Dusel-Elfer schenkte. Ohne Topleistung und Glück ist also auch die Borussia besiegbar. Diese unheilvolle Kombination sollte man daher in Zukunft tunlichst vermeiden, wenn man denn deutscher Meister werden will, …, sonst wird es einfach “nur” eine ziemlich gute Saison!

 


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