Lgnerin

Kaum ein Borussenfan hatte vor dem siebten Spieltag auf dem Schirm, dass die Mannschaft als Tabellenführer in die Länderspielpause gehen könnte. Die völlig unerwartete Heimniederlage der Bayern gegen Hoffenheim, das nicht ganz so unerwartete Unentschieden der Verfolger Leverkusen und Leipzig und schließlich der wiederum eher überraschende Last-Minute-Punktverlust von Schalke gegen Köln machten es möglich. Ungläubig schauten viele am Samstagabend auf die Tabelle und konstatierten: Wir können Erster werden. Um vielfach direkt abzuwinken. Wir sind Borussia, wir vergeigen solche Chancen in schöner Regelmäßigkeit. Ob diese These einer Überprüfung standhalten würde, wissen wir (noch) nicht. Dass „Wir können keine Big Points“ in Fankreisen als borussiatypisch empfunden wird, wird indes kaum jemand bestreiten. Welch ein Glück, dass in den – erneut gefühlt – frühen Morgenstunden des Sonntag mit dem FC Augsburg ein wirklich bemerkenswert schwacher Gegner im Borussia-Park vorstellig wurde. Und welch eine Freude, dass die Heimmannschaft dieses Quasi-Geschenk freudig annahm und in rekordverdächtigem Tempo Fakten schuf. Am Ende stehen ein auch in der Höhe durchaus verdienter 5:1-Sieg und zwei Wochen auf dem Platz an der Sonne. Eine wirklich schöner und fast schon surreal wirkender Zustand, den die Anhängerschaft entspannt genießen kann. Gucken wir nächste Woche Länderspiel? Och nö, gucken wir lieber noch ein bisschen Tabelle.

Soweit der Gefühlsteil – wer seinen Wein ohne Wasser bevorzugt, höre jetzt auf zu lesen. Denn die gerne bemühte Phrase, wonach die Tabelle nicht lügt, entspricht nicht der Wahrheit. Die Tabelle schwindelt uns nach diesem siebten Spieltag doch einiges vor – zumindest denen, die Borussia jetzt tatsächlich für die aktuell beste deutsche Mannschaft und einen Titelkandidaten halten. Wirklich überzeugt hat die Mannschaft in den bisher zehn Pflichtspielen dieser Saison eher selten. Es gab sehr gute Halbzeiten, die erste gegen Augsburg ist eine davon. Es gab aber auch glückliche Punkte und wahre Gruselkicks. Der letzte in Istanbul ist erst ein paar Tage her. Der famose Tabellenstand ist außerdem dem Spielplan gedankt, denn mit Ausnahme von Leipzig und in der Rückschau dann doch den anfangs schwächer eingeschätzten Schalkern hatte Borussia es nur mit Mannschaften zu tun, die zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens starke Probleme hatten. Mainz, Köln, Hoffenheim, Düsseldorf, Augsburg – das sind Spiele, die zu gewinnen schön ist, die zu gewinnen aber auch Pflicht ist, wenn man die obere Hälfte der Bundesligatabelle als sein natürliches Habitat betrachtet.

De facto stottert der Motor von Borussia noch recht häufig, hat die Mannschaft das, was das neue Trainerteam möchte, noch lange nicht im Blut. „Rose-Fußball“ mit frühem Anlaufen, hohem Pressing, schnellem vertikalen Spiel gibt es fast nur, wenn der Gegner sich das ohne große Gegenwehr gefallen lässt. So war es in der ersten Halbzeit in Köln, so war es in der ersten Halbzeit gegen Augsburg – um zwei Abschnitte zu nehmen, in denen das Dargebotene wohl dem ominösen Rose-Fußball sehr nahekam. Das Leipzig-Spiel bleibt die große Ausnahme. Da funktionierte es trotz eines guten und wehrhaften Gegners. Ansonsten aber bleibt evident, dass Borussia sofort Probleme bekommt, wenn der Gegner die Mannschaft mit den eigenen Waffen angreift. Noch jeder Gegner, der früh anlief, hoch presste und aggressiv zu Werk ging, löste bei den Gladbachern Verunsicherung aus. Selbst der schon geschlagene FC Augsburg hatte mit dieser Herangehensweise in der zweiten Halbzeit zumindest zeitweise Erfolg. Gegen Gegner wie Düsseldorf reicht in solchen Fällen immer noch die hohe individuelle Qualität. Die Spiele in der Euro-League zeigen aber deutlich, dass die Qualitätsunterschiede im internationalen Vergleich nicht so groß sind. Was das für die anstehenden Spiele beispielsweise gegen Dortmund bedeutet, wird man sehen. Denn dort verläuft die Suche nach einem Gegengift gegen Morbus Mentalis Reus bisher erfolglos, was die Verhältnisse im besten Fall wieder ausgleicht.

In Sachen individuelle Qualität droht nach der Partie ein weiterer Aderlass. Die ruppigen Augsburger fanden in Robert Schröder einen recht gnädigen Richter. Nur zwei gelbe Karten zog der junge Referee gegen die Mannschaft vom Lech, während er Borussias Besten Patrick Herrmann für ein Allerweltsfoul verwarnte. Die offenkundig schwereren Verletzungen von Stephan Lainer und Matthias Ginter resultierten allerdings weniger aus brutalen Fouls als aus fast schon harakirihaften Rettungstaten. Als Augsburg im zweiten Durchgang besser wurde und zu Kontern (!) kam, retteten die beiden Verteidiger unter Einsatz ihrer Gesundheit den Vorsprung. Ob bzw. wie lange diese beiden Basisspieler fehlen werden, ist Stand Montagmorgen noch ungewiss. Klar ist: Mit Lainer würde der „Rose-Fußballer“ schlechthin ausfallen, einer der wenigen, die sich das Etikett „Führungsspieler“ in dieser Saison bisher mit einiger Berechtigung anheften darf. Matthias Ginter spielt zwar bisher eine durchwachsene Saison, ist aber doch der nominelle Abwehrchef. Der Nationalspieler scheint aber derzeit eher ersetzbar zu sein, als Dauerläufer und -kämpfer Lainer.

Aber auch wenn die Zukunft ungewiss und die Tabelle eine schöne Lügnerin sein mag: Gönnen wir uns erst einmal in Ruhe und Frieden zwei Wochen Tabellen-Bingewatching.

Und so sieht es der Rest von SEITENWAHL

Thomas Häcki: Saison beenden. Sofort. Besser kann es nicht werden. Nachdem alle anderen die Tabellenführung verschmäht haben, ergreifen die Fohlen ganz unborussisch die Gunst der Stunde. Bleibt zu hoffen, dass der Erfolg mit den Ausfällen von Lainer und Ginter nicht zu teuer erkauft wurde.

Mike Lukanz: Zwei Wochen lang werden in ganz Deutschland ausgedruckte Tabellen in Büros und an Arbeitsplätzen hängen. Und das ist gut so. Borussia erledigt zumindest in der Bundesliga ihre Hausaufgaben recht souverän. Die erste Standortbestimmung folgt dann in zwei Wochen in Dortmund. Bevor wir jetzt aber zu sehr unken und die erwarteten Horrorszenarien ob des Ausgangs beim BvB ausmalen, bitte ich, mich zu entschuldigen. Der Drucker ruft.

Uwe Pirl: Tabellenführer zu sein ist eine Momentaufnahme. Allerdings eine sehr schöne. Euphorie ist dennoch fehl am Platze. Der Sieg gegen Augsburg kam gegen einen schwachen Gegner zustande (auch wenn man die erstmal so beherrschen muss…) Und: Letztes Jahr waren wir schon einmal so weit, ehe in der Rückrunde der Einbruch kam. Insofern dürfen sich zwar alle über die Tabelle freuen. Gleichzeitig muss die Mannschaft dieses Mal aber bestätigen, dass so eine Tabelle mehr als eine Momentaufnahme sein kann

Michael Heinen: Wie in der Hinrunde der Vorsaison hat Borussia die bisherigen Pflichtaufgaben gut gemeistert. Nach der Länderspielpause folgt aber die Kür, und erst dann wird sich zeigen, wie stabil die Mannschaft bereits ist. Wenn sie sich am 03. November immer noch unter den Top-Sechs befindet und realistische Chancen auf ein Überwintern in der Europa League hat, dann wird man zufrieden sein können.

Claus-Dieter Mayer: „Wenn andere Vereine da oben schwächeln, wollen wir da sei“ so und ähnlich hat sich Max Eberl über die Jahre immer mal wieder geäußert. Schön, wenn sich jetzt ausnahmsweise mal die Realität den Phrasen anpasst. Ob die anderen Vereine nach der Länderspielpause weiterhin schwächeln und ob die Borussia dann auch wieder da (wo eigentlich genau?) ist, darf man bezweifeln, aber bis dahin dürfen wir alle ein bisschen träumen.

  • 26. Januar 2020 @ballreiter Du näherst Dich deiner Topform!
  • 26. Januar 2020 So kritisch wie Sky heute #Toennies zu seinem #Rassismus befragt hat, war man zuletzt gegenüber Beckenbauer bei der #Sommermärchenaffäre.
  • 25. Januar 2020 @heinzkamke Marcel Halstenberg schon, Jochen Breyer nicht
  • 25. Januar 2020 @s_hermanns Mooie aanvaller, heel wat jammer!
  • 25. Januar 2020 @frankie1960 Ja, doch schon so ein bisschen. Und so wie das Spiel bis dahin lief, wird er es bestimmt von oben eingefädelt haben.
  • 25. Januar 2020 Es war das 1.Mal seit wirklich einiger Zeit, daß ich bei Chancen der Fohlenelf überlegt habe, ob der Lange den wohl…
  • 25. Januar 2020 @ullrich001 War auch gegen Mainz, aber damals war Heinz Müller im Tor.

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