“Nach der Euro-Pleite ist vor dem Nachbarschaftsduell” könnte man frei nach Sepp Herberger die Situation bei der Borussia im Moment zusammenfassen. Wo Europleague-Teilnehmer sich typischerweise über den Nachteil der Mehrfachbelastung beschweren ist man diesmal bei der Borussia eher froh in zwei Tagen schon das nächste Spiel vor der Brust zu haben. Zum einen lenkt das die mediale Aufmerksamkeit vom desaströsen Auftritt gegen Wolfsberg ab, zum anderen erlaubt es auch den Spielern nicht sich allzu lang mit ihrem kläglichen Versagen zu beschäftigen und dadurch womöglich allzugrosse Selbstzweifel zu entwickeln.

Und so geht es am Sonntag nun schon wieder in der Bundesliga gegen die Fortuna aus Düsseldorf. Legt man nur den geographischen Abstand beider Städte zu Grunde ist dies noch mehr Derby als gegen den FC Köln, was aber zumindest auf Mönchengladbacher Seite nicht so wahr genommen wird. Das mag unter anderem daran liegen, dass beide Mannschaften in den letzten Jahrzehnten nur selten in der gleichen Liga waren (die Kö-Kicker zogen es zeitweilig vor, heisse Derbys gegen Germania Ratingen in der Oberliga Nordrhein zu bestreiten) und die Fortuna in diesen Duellen zumindest im letzten halben Jahrhundert meist Aussenseiter war. Angesichts dessen muss man aber auch zugestehen, dass sich die Borussia oft schwer gegen die Fortuna tat, vor allem wenn man die Reise auf die andere Rheinseite wagte, denn in Düsseldorf gewann die Borussia zuletzt 1990 ein Ligaspiel, als Stefan Effenberg Jörg Schmadtke zum 1:0 überwinden konnte. Seit diesem Spiel gab es das kleine Derby noch 12 mal in der Bundesliga und kein einziges Mal konnte die Auswärtsmannschaft gewinnen (5 Heimsiege für den VFL, 4 für Fortuna, 3 Unentschieden). Man muss aber gar nicht soweit zurückblicken um feststellen zu könnnen, wie schnell sich die Zeiten doch ändern. Vor knapp einem Jahr begegneten sich beide Teams zum letzten in Mönchengladbach. Es war eines der vielen Spiele in jener Hinrunde in denen die Borussia erst in der zweiten Halbzeit klare Verhältnisse gegen einen schwächeren Gegner schaffte in diesem Fall sogar etwas glücklich, da ein umstrittenen Handelfmeter nötig war, um in Führung zu gehen. Der Trainer hiess Hecking, das System war ein 4-3-3 mit viel Ballbesitz mit dem man den Gegner zu Hause müde spielte bis sich dann irgendwann Lücken auftaten. Pikanterweise fand auch jenes Spiel unmittelbar nach einer peinlichen Heimpleite (das Pokal- 0:5 gegen Leverkusen) statt, was vielleicht ein bisschen Hoffnung macht.

Die Herangehensweise unter Marco Rose ist nun eine gänzlich andere und wie man diese zu Hause gegen einen defensiv eingestellten Gegner umsetzt hätte eigentlich gegen Wolfsberg schon mal trainiert werden sollen. Das Spiel hat aber nur aufgezeigt, dass die Taktik irrelevant wird, wenn die Spieler nicht mit der nötigen Konzentration und Einstellung in ein Spiel gehen. Man kann davon ausgehen, dass Embolo wieder in die Startelf rückt. Ob Rose mit weiteren personellen Umstellungen Konsequenzen aus der Blamage gegen Wolfsberg zieht, bleibt abzuwarten

Bei der Fortuna sind Trainer und Taktik ziemlich unverändert, lediglich beim Personal gab es einige Änderungen, dadurch dass mit Lukebakio oder auch Raman einige der Garanten der fantastischen Vorsaison (welche allerdings erst nach der Niederlage bei Borussia fantastisch wurde) die Fortuna verlassen haben. Ein weiterer Leistungstraeger befindet sich mit Kevin Stöger nach einem Kreuzbandriss gerade erst wieder im Aufbautraining, so dass vor Saisonbeginn manch einer in der Fortuna einen Top-Abstiegskandidaten gesehen hatte. Die Düsseldorfer beantworteten diese Zweifel auf ihre Art und Weise mit einem überraschenden Auftaktsieg in Bremen. Danach gab es dann zwar Niederlagen gegen Leverkusen und in Frankfurt, aber dass 1:1 gegen Wolfsburg in der Vorwoche deutete an, dass Friedhelm Funkels Team auch in diesem Jahr ein durchaus unangenehmer Gegner sein kann und wird.

Der Borussia steht also ein echter Charaktertest vor, bei dem man nicht nur gegen einen hochmotivierten Gegner sondern auch mit sich selbst und den Nachwehen des Wolfsberg-Spiels kämpfen wird. Gelingt dies erfolgreich so könnte die Schmach vom Donnerstag angesichts des insgesamt gelungenen Ligastarts schnell als ein “Shit happens”-Ausreisser abgehakt werden. Wenn nicht, droht dem Projekt Rose schon in dieser frühen Phase einiges an Gegenwind ins Gesicht zu wehen. In diesem Fall wird auch die Sieglos-Serie daheim (bislang 10 Ligaspiele anhaltend) zu einem Thema werden, welches zukünftige Auftritte im Borussia-Park belasten wird.

Seitenwahl-Tipps:

Claus-Dieter Mayer: Eine sehr engagierte Borussia will mit aller Macht Wiedergutmachung für die EL-Pleite, wirkt dabei aber zuweilen verkrampft und muss sich am Ende gegen disziplinierte Fortunen mit einem 1:1 begnügen.

Michael Heinen: In den letzten Jahren hat Borussia nach solch einen Debakel meist die richtige Reaktion gezeigt: 2017 folgte dem 1:5 gegen Leverkusen eine Serie mit 4 Siegen und 1 Remis - beginnend mit einen 1:0 über Düsseldorf. 2018 gewann Borussia nach dem 0:5 gegen Leverkusen 3 Spiele in Folge - beginnend mit einem 3:0 über Düsseldorf. Dementsprechend wird es auch jetzt wieder eine Positivserie geben - beginnend mit einem 2:1 über Düsseldorf.

Mike Lukanz: Ein Gutes hat diese Blamage gegen Wolfsberg: Marco Rose hat schon früh auch die hässlich-arrogante Seite seiner hochveranlagten Spieler kennengelernt. Es wird spannend zu sehen sein, welche Reaktion die Mannschaft zeigt. Düsseldorf ist unangenehm zu spielen, daher wird aus der erhofften Trotzreaktion nur ein mageres 1:1.

Christian Spoo: Trotzreaktion oder nachhaltige Verunsicherung? Viel wird am Sonntag davon abhängen, wie Borussia ins Spiel findet. Ich halte Krampf für wahrscheinlicher als Kampf und rechne mit einem unbefriedigenden 0:0.

Uwe Pirl: Nach dem schwächsten Spiel, an das ich mich in meiner Zeit als Borussia-Fan erinnern kann und nach einem kompletten, totalen, schockierenden Ausfall aller Mannschaftsteile - ausgenommen vielleicht Yann Sommer - fällt das Tippen schwer. Optimismus will nicht aufkommen. Fortuna hat gesehen, wie man es gegen Borussia machen muss. Nach dem 1:2 wissen in Gladbach alle, dass es noch ein weiter Weg ist, bis zum Funktionieren aller Systeme.

Thomas Häcki: Dann muß eben Düsseldorf für den ersten Heimsieg herhalten. 1:0


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