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Der Bann ist gebrochen, die nächste Hürde genommen, die Ambitionen untermauert. Borussia gewinnt hochverdient, wenngleich erneut unnötig knapp mit 3:2 beim FC Augsburg und bleibt Teil der Spitzengruppe der Bundesliga. Allerdings rückte das Spiel selbst erneut schnell in den Hintergrund. Das, was gestern im Nachgang zum Spiel des FC Bayern in Sinsheim geschah und gesagt wurde, lässt einen fassungs- und sprachlos zurück. Es wird Zeit, dass wir reden. 

Doch zunächst zum Sportlichen. Über die erste Hälfte in Augsburg darf getrost der Mantel des Schweigens gelegt werden. Einigermaßen überraschend startete Borussia eher defensiv orientiert, spielte Tobias Strobl anstelle Alassane Pleas. Die Gastgeber wiederum spielten so, wie der FC Augsburg eben zu Hause spielt: bissig, lauf- und zweikampfstark, aber fußballerisch eher limitiert. Allerdings war genau dies in der Vergangenheit eine scheinbar unüberwindbare Hürde für die Fohlenelf, die sich allzu oft den Schneid hat abkaufen lassen. Und genau so verlief der erste Abschnitt auch. Augsburg verstand es, einer einigermaßen ideenlose Gladbacher Mannschaft mit vielen Läufen und Pressing den Spaß am Spiel zu nehmen. Jonas Hofmann vergab die einzige nennenswerte Chance kurz vor Pausenpfiff bemerkenswert kläglich.

Einmal mehr brachte eine Umstellung in der Halbzeit die Wende. Marco Rose wechselte Plea für Thuram ein, mit nun einem richtigen Mittelstürmer nahm das Spiel sofort Fahrt auf. Der Doppelschlag zum 1:0 durch Ramy Bensebaini und zum 2:0 durch Lars Stindl brachte jedoch nicht die erhoffte Ruhe, ebenso wenig das technisch wertvolle 3:1 durch den Kapitän, da der FCA zweimal binnen weniger Minuten konterte. Am Ende wurde es also wieder zittrig und knapp, der Sieg war jedoch mehr als verdient.

Borussia war das ganze Spiel hindurch die reifere, dominantere und schlicht bessere Mannschaft. Es ist ein nicht zu unterschätzender Luxus, dass Rose zurzeit personell aus dem Vollen schöpfen kann, denn jede Woche gibt es einen anderen Spieler, der nicht die erhoffte Leistung bringt. Dieses Mal fiel Hofmann nach zuletzt sehr starken Leistungen ab. Eine Ersatzbank mit Embolo, Plea, Raffael, Herrmann und Kramer muss man sich als Gladbacher Fan auch erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Nun steht also die wichtige Woche mit drei Spielen binnen einer Woche an, mit dem Auftakt im Spitzenspiel gegen den BVB, der, womit die Brücke geschlagen ist, seit jeher mit einer Abwandlung seines eigenen Fangesangs bedacht wird, indem das von Dortmundern intonierte „09“ durch das Wort „Hurensöhne“ ersetzt wird. Was diese dann gerne kontern, indem „Die Elf vom Niederrhein“ derart abgewandelt wird, dass man die Steine auf die Fohlenelf nicht schwört, sondern wirft. Übliche Fußball-Folklore also. Oder?

Denn damit kommen wir zum bemerkenswerten Schauspiel, das sich gestern nur knapp 250km weiter nordwestlich von Augsburg in Sinsheim ereignet hat. Wir haben bei SEITENWAHL vergangene Woche an gleicher Stelle die Form des Protests gegen Dietmar Hopp auch scharf kritisiert. Gleichzeitig auch betont, dass die Kritik am Thema selbst durchaus wichtig und angebracht ist und dass die Wort- und Bildwahl der eigentlichen Botschaft einen Bärendienst erwiesen hat.

Nachdem gestern in mehreren Stadien Ultras diverser Vereine (Köln, Dortmund und eben des FC Bayern) erneut gegen Kollektivstrafen durch den DFB protestierten und erneut die Person Dietmar Hopp persönlich angegriffen wurde, überschlugen sich die Ereignisse und vor allem die Reaktionen. All die, die gestern nach Abpfiff der Partie in Augsburg rüber schalteten zum Spiel Hoffenheim gegen Bayern und auch noch spät abends das „Aktuelle Sportstudio“ sahen, saßen sprachlos vor den TV-Geräten.

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Von Sportjournalisten, die jedes Maß in ihren Reaktionen und jede journalistische Distanz aufgaben (Boris Büchler im ZDF: „Aus Protest werde ich die Tore des FC Bayern nicht kommentieren“) über Funktionäre (DFL-Boss Seifert: „Wir haben einen Tiefpunkt erreicht“), Trainern (Christian Streich: „Jeder, der sich ein bisschen auskennt, braucht nur die Geschichte der Weimarer Republik zu studieren, um dann zu wissen, wo es hingehen kann.“) bis hin zu Spielern (Thomas Müller: „Ist das der Fußball, den wir wollen? NEIN! Gebt Hetzkampagnen, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und allen anderen Anfeindungen keine Chance"): Man rieb sich selbst als Fan verwundert die Augen. Ja, auch wir von SEITENWAHL haben die Form der Proteste im Kontext des Hoffenheim-Spiel kritisiert, nicht jedoch den Grund. Die Wucht, mit der Teile der Fußballbranche nun reagieren, ist kaum erklärbar und mindestens irritierend. Es reichte ein Blick in die Sozialen Medien, um zu sehen, wie tief gespalten in dieser Frage sowohl Fans als auch Journalisten und Beobachter sind: Die Einen sehen endlich eine harte Hand gegen Hass und Hetze im Stadion, die Anderen sehen einen Kulturkampf zwischen Kommerz und Fankultur nun offen entflammen, der schon lange flackert. 

Der so oft und gerne zitierte „Whataboutism“ (Wikipedia: Es bezeichnet (…)  die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf ähnliche oder andere wirkliche oder vermeintliche Missstände auf der Seite des Kritikers) in diesen Fällen verfängt allerdings nicht. Man muss, und viele haben dies bereits richtigerweise betont, schon offen fragen, wo hier die Verhältnismäßigkeit liegt. Und dass DFB und DFL mit ihrer (angekündigten) harten Hand einen Maßstab für künftige Spielunterbrechungen und -abbrüche angelegt haben. Es bleibt der fale Eindruck, dass verschiedene Zielgruppen verschieden geschützt werden. Es gab am gestrigen Abend nicht wenige, die sich an das Wegducken, Schweigen und Rumeiern erinnert haben, mit denen große Teile der Verbände, Funktionäre, Trainer und Spieler in Deutschland auf Clemens Tönnies‘ zutiefst rassistische Bemerkungen reagiert haben (Thomas Müller damals: "Vom Rassismus im Sport und in der Nationalmannschaft kann keine Rede sein.") Und das ist nur ein Beispiel. 

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es ist zu begrüßen, dass Hass und persönliche Beleidigungen verurteilt werden. Wir werden bei SEITENWAHL dieses Thema in der notwendigen Tiefe angehen. Es ist komplex und vielschichtig. Aber viele spüren, dass es schon längst nicht mehr um Banner gegen Einzelne geht, die kritisiert werden dürfen und müssen, sondern um viel Grundsätzlicheres.  


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