Da ist sie endlich, die Belohnung für das jahre- und jahrzehntelange Warten, der Traum und das Ziel von Generationen von Fans von Borussia Mönchengladbach, das Ergebnis einer wunderschönen Saison, die schon wieder lang vorbei scheint. Das Hinspiel in der Zwischenrunde der Europa League 2012/13 steht an, und auch wenn schon Champions League Qualifikation und eine Vorrunde absolviert sind, geht es jetzt erst richtig in die Vollen. Zwei Ausscheidungsspiele und ein namhafter Gegner machen einfach das Flair eines europäischen Vergleichs aus und ein Tabellendritter der italienischen Serie A ist allemal ein formidabler Gegner.


Die Gladbacher Borussen, die sich gerade noch von einem Duell mit einem Tabellendritten erholen, dürften das wissen. Das 3:3 gegen Leverkusen war spannend, abwechslungsreich und ganz schön glücklich. Dieses Mal mit einem glänzenden ter Stegen, einer oft überforderten Abwehr und wieder mit der Fähigkeit, aus fast nichts Tore zu erzielen. Nur zwei dieser Eigenschaften taugen dazu, sich am  Donnerstag gegen Lazio Rom durchzusetzen.

Wenn die Borussen, vor allem nun die Fans, sich mit Lazio beschäftigen, wird es ihnen vertraut vorkommen, dass überall ein "1900" prangt. Wie bei den Niederrheinern taucht das Gründungsjahr des römischen Clubs bei allen Gelegenheiten auf. Oft wird dem Club S.S. ( für Società Sportiva = Sportverein) Lazio nachgesagt, er würde mehr das Umland Roms präsentieren, eben die Provinz Lazio. Vor allem die Anhänger des Lokalrivalen A.S. Rom finden viel Gefallen an solchen Unterstellungen. Tatsächlich ist der Club aber eine urrömische Gründung und 27 Jahre jünger als A.S. Rom, die aus einer Initiative der italienischen Faschisten enstand. Dem Druck der Faschisten, dieser Gründung beizutreten, widerstand Lazio seinerzeit, was man angesichts des Rufs der heutigen Laziali als ironisch empfinden mag.

Es dauerte über 70 Jahre, bis Lazio seine erste Meisterschaft feiern durfte. Schuld daran waren weniger die Nachbarn vom A.S. Rom sondern vielmehr die erdrückende Vormachtstellung der Clubs aus dem reichen Norden Italiens, aus Mailand und Turin. Stattdessen hat der Verein eine ordentliche Beteiligung an Unregelmäßigkeiten und Skandalen vorzuweisen, womit er in Italien allerdings auch nicht übermäßig auffällt. 1974 aber ist es soweit und Lazio Rom wird zum ersten Mal in seiner  Geschichte italienischer Meister. Der überragende Spieler des Teams ist der Stürmer und Nationalspieler Giorgio Chinaglia, der die Geschichte des Clubs noch nach seiner Karriere bereichern wird.

Der frischgebackene Meister Italiens darf schon mal nicht im damaligen Europacup der Landesmeister antreten, schuld sind Tumulte der Fans im Uefa Cup Spiel gegen Ipswich Town. Nichts neues unter der Sonne. Nachdem Chinaglia in die USA wechselt, kann das Niveau der Mannschaft nicht gehalten werden und spielt beim Kampf um den Meistertitel keine Rolle mehr, zumal auch der Mittelfeldspieler Luciano Re Cecconi nicht nur den Verein sondern das Leben auf eine Weise verlässt, die ihn bis heute unvergessen macht. Als er 1977 das Geschäft eines römischen Juweliers betritt, richtet er in der Manteltasche den Finger auf den Geschäftsmann und ruft "Gib alles her, das ist ein Überfall!" Der Juwelier, kein Fußballfan und zuvor zweimal überfallen worden, erschießt den Spieler. Heute würde man ihn für den Darwin-Award nominieren, aber sein Verlust und der Tod des legendären Meistertrainers Maestrelli ein Jahr zuvor rauben dem Verein die Substanz.

1980 kam dann der Tiefpunkt des Clubs, als der Verein in die weitreichenden Manipulationen verstrickt war, die als "Totonero" bekannt wurden und für die Lazio und Milan in die zweite Liga geschickt wurden und Spieler wie Paolo Rossi lange Sperren erhielten. Der Aufstieg wurde geschafft, nur um mit einem Michael Laudrup im Team wieder abzusteigen und 1986 gab es einen Abzug von 9 Punkten wegen Verstrickung in den nächsten Wettskandal, heute als "Totonero zwei" numeriert. Der Weg zum Skandalclub war geschafft.

Doch dann kommt in den 90er Jahren der "Finanzier" Sergio Cragnotti und verschafft dem Verein mehr Glamour als je zuvor. In diesem Jahrzehnt wird die Serie A die mit Abstand stärkste Liga der Welt, dank Leuten wie Berlusconi, Moratti, Sensi, der Familie Agnelli und eben Cragnotti, aber auch noch vielen anderen großen und kleinen Millionären, die ihr Geld in den Fußball stecken, vor allem um sich gesellschaftlich zu präsentieren. Die Abermillionen, die vor allem Berlusconi und Moratti in ihre Vereine stecken und die tückischen Manipulationen von Luciano Moggi in Turin sorgen dafür, dass die Vereine, die an der Spitze mithalten wollen, zu absurden Ausgaben gezwungen sind. Vereine wie Florenz und Neapel gehen darüber pleite und Cragnotti tut sein bestes, Lazio auch auf diesen Weg zu schicken. 

Vorher aber holte Cragnotti den Trainer Sven Göran Eriksson und dazu einige Spieler. Und was für Spieler: Veron, Crespo, Nedved, Nesta, Poborsky, Simeone, Mihailovic, Stam, Ravanelli, Mancini, Boksic, Vieri, zuvor auch Gascoigne, Doll und Riedle, alle dürfen für Unsummen an Geld dazu beitragen, Lazio im oberen Bereich der Liga zu halten. Und nicht ohne Erfolg: drei Pokalsiege von 98 bis 2004 und endlich die zweite Meisterschaft 2000 springen dabei heraus und sogar ein europäischer Titel, der letzte Europapokal der Pokalsieger 1999. Doch als Cragnotti mit seiner Firma Cirio in die Pleite steuert, ist es auch fast um Lazio geschehen, denn die Firmen der Clubbesitzer und die Fußballclubs verschmelzen oft zu einem undurchsichtigen ganzen. Aber wie fast immer in Italien taucht ein neuer Sponsor und Clubbesitzer als Retter auf, der Unternehmer Claudio Lotito kauft die Reste des Vereins.

Er konsolidiert den Club und hält ihn im Mittelfeld der Tabelle, auch wenn ihm eine Vereinsikone dabei böse in die Quere kommt - Giorgio Chinaglia ist 2006 wieder zurück. Als ob diese Zeit nicht genug Skandale für den italienischen Fußball hätte (auch beim Moggi-Skandal Calciopoli darf Lazio natürlich nicht fehlen), hat Chinaglia sogar noch übleres für den Fußball vor. In der Zwischenzeit mal bankrottiert und auf Geldsuche, muss der ehemalige Stürmerstar irgendwann Kontakt mit der Mafia bekommen haben, genauer gesagt mit der neapolitanischen Camorra. Und über Drohungen und Erpressung versucht Chinaglia, die Aktienmehrheit für seine Gangsterfreunde in die Hand zu bekommen. Der Versuch scheitert, Chinaglia wird verhaftet und stirbt 2012.

Lotitos Bemühungen werden 2009 mit einem italienischen Pokal belohnt und mit Plazierungen für die Europa League in den letzten Jahren. Im sportlichen Bereich hat er Unterstützung durch jemanden, der auch in Deutschland mal einen (nicht ganz so großen) Namen hatte: Der frühere Spieler von Fortuna Düsseldorf Igli Tare ist 2008 direkt vom Profitum in eine Anstellung als direttore sportivo gewechselt, was hierzulande mit dem Sportdirektor oder Manager

eines Vereins gleichzusetzen ist. Es gelingt Tare, auch dank Lotitos Finanzen, den Verein in kleinen Schritten nach oben zu schieben. Der Transfer von Miroslav Klose war dabei sicher ein großer Schritt, die Verpflichtung des vorher kaum bekannten Trainers Vladimir Petkovic sicher auch. Der achtsprachige gebürtige Kroate und Schweizer Staatsbürger wechselt seine Formation lustvoll zwischen einem und drei Stürmern und lässt durchaus einiges Gewicht auf der Offensive. Die Catenaccio-Zeiten sind ohnehin schon lange vorbei, auch wenn das in Deutschland nicht alle mitbekommen haben, man hält sich ja so gerne an Klischees fest. Wer von Lazio die große Defensive erwartet, kann schneller den Ball aus dem eigenen Netz holen, als ihm lieb ist.

Und das auch trotz des Ausfalls von Miroslav Klose. Sicher ist dessen Verletzung für Borussia ein klarer Vorteil; der ausserhalb des Feldes so zurückhaltende Stürmer ist in eineinhalb Jahren zur Symbolfigur von Lazio geworden. Durch seine Tore, seinen Einsatz, aber auch durch preisgekrönte Fairplaygesten. Sein Vertreter Floccari ist durchaus torgefährlich, hat aber eben nicht die volle Wirkung eines Klose. Der neugekaufte Ersatz Louis Saha, einstmals Manchester United, hat Kloses Alter aber nicht die Fitness. Ein anderer möglicher Ersatz, Mauro Zarate, Bruder des früheren Nürnberger Stürmers, hat sich durch eine Ausleihe nach Inter die Karriere irreparabel beschädigt und hofft noch auf einen Last Minute Verkauf nach Kiew. Umso mehr werden die Augen auf Hernanes gerichtet sein, den brasilianischen Offensivmann, von dessen Inspiration und Vorlagen Klose bzw dessen Ersatz lebt.

Und Lazio wäre nicht Lazio, wenn es nicht auch in den aktuellen Wettskandal verwickelt wäre, der die Liga erschüttert. Besonders Kapitän Stefano Mauri ist im Kreuzfeuer der Ermittlungen, war bereits in Untersuchungshaft und hat eine Reihe juristischer Vorwürfe vor sich. Aber wenn man über den italienischen Fußball eins weiss, dann dass seine Protagonisten nach jedem Skandal mit Glanzleistungen weiter machen.

Aufstellungen:

Borussia: ter Stegen; Jantschke, Stranzl, Brouwers, Wendt; Cigerci, Marx, Nordtveit, Arango; Herrmann, de Jong
Lazio: Marchetti; Konko, Biava, Dias, Radu; Candreva, Gonzales, Ledesma, Hernanes; Kozak, Floccari

SEITENWAHL-Meinung:

Christian Heimanns: Eine  harte Nuss wartet auf die Borussen, die sich aber mit 1:0 durchsetzen können.

Michael Heinen: Borussia wird sich gegenüber den letzten Auftritten gewaltig steigern müssen, um europäisch bestehen zu können. Mit einem 2:1-Sieg gelingt dies zumindest teilweise.

Christian Spoo: Die Stimmung im Borussiapark wird europapokalwürdig sein und die Mannschaft sich ordentlich verkaufen. Gegen gute Italiener gelingt ein 2:1-Erfolg, den in Rom zu verteidigen eine extrem komplizierte Aufgabe werden wird.

Christoph Clausen: Nach dem 1:1 ärgern sich die Borussen sehr über ein unnötiges Gegentor. Die Europacup-Arithmetik ist bekannt. 


Christian Grünewald: Lazio ist keine Übermannschaft und Borussia hat nach der "Karnevals-Partie" in Leverkusen etwas gut zu machen. Das sollte für einen Heimsieg reichen - und ein 1:0 zuhause ist in der Euro-League schon einiges wert.

 


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