Wahrscheinlich wird Lucien Favre ausführliche Videoanalyse diesmal auf der Reise nach Hamburg stattfinden. Seit dem dramatischen Spiel gegen Lazio Rom war ja gerade mal Zeit zum Zähneputzen, wie es Hans Meyer wohl ausdrücken würde. Die Terminierung des 22. Bundesligaspieltages, von Max Eberl als „Katastrophe“ bezeichnet, mehrt die Sorgen der Gladbacher. Als gäbe es deren nicht schon genug: der psychologische Nackenschlag eines Gegentreffers in der vierten Minute; der missliche Umstand, in Rom auf Sieg spielen zu müssen; acht Gegentore in den letzten drei Spielen; Flanken, die hinten freundlich zugelassen und vorne nicht geschlagen wurden.

 

Man kann das Positive sehen: Zweimal drei Treffer erzielt, und das gegen Kontrahenten, die nicht gerade zum fußballerischen Lumpenproletariat zählen. Die Borussia ist nach ruhenden Bällen eine Macht. Juan Arango verleiht seinen Fernschüssen mit solch unheimlicher Konstanz torwartverwirrende Flugbahnen, dass spox.com angesichts seines neuerlichen Geniestreichs nur noch lapidar von einem „ganz normalen Tor im Leben des Juan Arango“ sprach. Der wieselflinke Patrick Herrmann war von den Römern oft nur durch Foulspiel zu stoppen; aus diesen Attacken resultierten der erste Elfmeter sowie ein Freistoß, der um ein Haar das 2:0 bedeutet hätte. Ohnehin: Angesichts zweier Pfostenschüsse und eines vergebenen Elfmeters fehlte am Donnerstag nicht viel zur doppelten Torausbeute.

 

Man kann es auch kritischer sehen: Ohne den römischen Hang zum Freistilringkampf in Toresnähe wäre die Gladbacher Offensive wohl bemüht, aber weitgehend erfolglos geblieben. Luuk de Jong leistete als Balleroberer wichtige Dienste, seine eigentliche Rolle als Strafraumexperte konnte der Niederländer mangels gescheiter Vorarbeit aber erneut nur sehr bedingt spielen. Die Außenverteidiger setzten offensiv kaum Impulse und ließen in der Rückwärtsbewegung zuviel zu. Die Abwehrspieler waren dreimal höflich genug, um im eigenen Strafraum Floccaris und Kozaks personal space zu respektieren. Auf den Halbpositionen tat Cigerci mit viel Aufwand meist das Falsche und war Nordtveit nur eine fahle Erinnerung an hellere Tage.

 

Zum jetzigen Zeitpunkt muss man konstatieren, dass die Neuerungen aus der Winterpause zum Blindgänger geworden sind: Abhanden gekommen ist die Kompaktheit der letzten Spiele der Hinrunde, als die Borussia gegen Mainz und Wolfsburg zu Null spielte und den Bayern wie den Schalkern nur jeweils ein Tor zugestand. Der Versuch, mit Wendt statt Daems mehr Flankenläufe und mit Cigerci statt Rupp mehr Kombinationsfußball zu erreichen, kostete defensive Stabilität, ohne offensiv entscheidende Impulse zu bewirken. Ob daraus folgt, dass der Versuch abzubrechen ist oder nur mehr Geduld braucht, gehört zu den Fragen, über die im Stadion und in Internetforen heißblütig diskutiert werden kann. Kurzfristig wird Lucien Favre in Hamburg womöglich wieder in Richtung Stabilität nachjustieren. Für Cigerci etwa könnte wieder Rupp ins Team rücken.

 

In dieser Situation trifft man auf einen HSV im Aufwind. Vorerst vergessen sind die Irritationen um den Wechsel von Uwe Seelers Enkel in die Nachwuchsabteilung von Bayer Leverkusen, die an der Alster für einiges Medienspektakel sorgten und unter anderem eine flammende Solidarisierung des berühmten Opas mit seinem Nachkommen beinhaltete. Mit dem spektakulären 4:1-Triumph beim Deutschen Meister aus Dortmund setzte der Club, bei dem Seeler die Seele vermisst, ein Ausrufezeichen. Das Sturmduo Rudnevs und Son stürzten die Dortmunder Abwehr immer wieder in Verlegenheit und schraubte sein gemeinsames Torkonto auf beeindruckende 19. Vor allem die linke Hamburger Seite mit Jansen und Aogo setzte die beiden Angreifer immer wieder geschickt in Szene.

 

Umbauen müssen wird Thorsten Fink in der Defensive. Statt des verletzten René Adler wird Jaroslav Drobny das Tor hüten, statt des rotgesperrten Bruma Slobodan Rajkovic in der Innenverteidigung spielen. Zudem kehrt der von Fink hochgeschätzte Milan Badeljj nach absolvierter Gelbsperre auf seine Position vor der Abwehr zurück. Speziell die Rückkehr Rajkovics ist bemerkenswert, denn der Serbe war im Sommer nach einer heftigen Schlägerei im Training und anschließender öffentlicher Kritik am Trainer eigentlich schon aussortiert worden. Da sich aber kein für alle Seiten akzeptabler Käufer fand und neben Bruma auch Mancienne ausfällt, kommt der schon gegen Dortmund eingewechselte Rajkovic zu einem unverhofften Startelfcomeback.

 

Aufstellungen:

Hamburger SV: Drobny – Diekmeier, Rajkovic, Westermann, Jansen – Badelj – Skjelbred, Aogo – van der Vaart – Son, Rudnevs.

Borussia M'gladbach: ter Stegen – Jantschke, Brouwers, Dominguez, Wendt – Marx, Nordtveit – Rupp, Arango – Herrmann, de Jong.

 

Schiedsrichter: Robert Hartmann.
Assistenten: Benjamin Cortus, Thomas Färber.
Vierter Offizieller: Thomas Gorniak.

 

SEITENWAHL-Meinung:

 

Christoph Clausen: Auch mit mehr Erholung wäre für die Borussen beim erstarkten HSV wenig zu holen. Immerhin sind es diesmal nur zwei Gegentore. Drobny hält seinen Kasten sauber.

 

Christian Heimanns: Unter anderen Umständen bekämen die Hamburger gezeigt, dass sich nicht jede Borussia so leicht erlegen lässt wie die vom letzten Spieltag. Keine 48 Stunden nach einem Europa League Spiel dürfen die Hamburger aber mit 2:0 gewinnen.

 

Christian Spoo: Drei Gegentore fängt sich Borussias vor allem dank der Minderleistung im Mittelfeld instabile Defensive auch in Hamburg. Diesmal gelingt vorne aber leider weniger als gegen Leverkusen und Lazio. So gewinnt der HSV mit 3:1.

 

Michael Heinen: Drei Gegentore sind aktuell Standard. Dies wird leider auch beim HSV der Fall sein, so dass es eine deftige 0:3-Schlappe gibt, nach der die Stimmungslage bei den Borussen-Fans gewaltig nach unten kippt.


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