Die Ausgangslage gleich sich jedes Jahr: Der FC Bayern München geht als unumstrittener Top-Favorit in eine neue Bundesligasaison. Und was für 17 Mannschaften der Bundesliga ein erfolgreicher Saisonabschluss wäre, löst an der Säbener Straße seit Jahren Sinnkrisen und seit jüngster Zeit auch Einkaufsorgien aus: Tabellenplatz 2. Es ist das eigentliche Drama der Kräfteverhältnisse innerhalb Deutschlands höchster Spielklasse: dass trotz der überraschenden Meisterschaften der Stuttgarter oder Wolfsburger in den vergangenen Jahren diese Erfolge nur möglich sind und sein werden, wenn die großen Bayern schwächeln und damit einem anderen Team den Gewinn der Meisterschaft „erlauben".

Die größte Veränderung beim Rekordmeister ist nicht auf dem Mannschaftsposter zu sehen, sondern spätestens beim ersten Pflichtspiel im TV zu beobachten. Nach 30 Jahren verlässt Manager Uli Hoeneß seinen Platz auf der Trainerbank und wird zukünftig in den Logen der Republik zu finden sein. Wer die Stimmungslage beim FC Bayern in diesen 30 Jahren ohne viele Worte beschreiben oder darstellen wollte, dem reichte der Gesichtsausdruck Hoeneß' unmittelbar nach Schlusspfiff oder während eines Spiels. Auf herzliche Umarmungen mit dem neuen Trainer van Gaal wird der Zuschauer also verzichten müssen.

Nach dem missglückten Experiment mit Jürgen Klinsmann besinnt sich man sich an der Isar nun auf alte Gewohnheiten. Mit Louis van Gaal übergab man das Kommando einem sehr erfahrenen Trainer, der u.a. schon Ajax Amsterdam und den FC Barcelona zu nationalen und internationalen Titeln führte. Der Niederländer, der sich selbst als „autoritär und arrogant" bezeichnet, hat die schwierige Aufgabe, nicht nur die nationale Ehre seines neuen Arbeitgebers wiederherzustellen, nein, auch in Europa hecheln die Bayern seit dem Triumph in der Champions League 2001 hinterher. Trotz prominenter Neuzugänge (Gomez, Tymoschtschuk) sind die Spitzenclubs aus England (Manchester United, FC Chelsea) oder Spanien (Real Madrid, FC Barcelona) nach wie vor Welten entfernt. Dass der FC Bayern nicht gewillt ist, den Status quo als gegeben hinzunehmen, verdeutlicht die harte Haltung, die gegenüber dem offensiven Werben Real Madrids an den Tag gelegt wurde, als Franck Ribéry ein weiteres Spielzeug von Reals altem und neuem Präsidenten Florentino Pérez werden sollte, nachdem dieser schon Kaka vom AC Mailand und Christiano Ronaldo von Manchester United in die spanische Hauptstadt lotste.

Im direkten Vergleich der Ab- und Zugänge ist zu konstatieren, dass vor allem die qualitative Breite im Kader erhöht wurde. Speziell die schon erwähnten Mario Gomez und Anatolij Tymoschtschuk dürften ihre jeweiligen Mannschaftsteile deutlich verstärken. Mit dem Ukrainer, der im Sommer für knapp elf Millionen Euro von Zenit St. Petersburg verpflichtet wurde, verfügen die Bayern nun über ein Mittelfeld, das in Europa sicherlich zum oberen Drittel zu zählen ist. Im Sturm läuft zudem nichts Geringeres als der deutsche Nationalmannschaftssturm auf. Das Werben um Schalkes Torwart Manuel Neuer scheiterte an der konsequenten Haltung Felix Magaths, somit wird Jörg Butt ein weiteres Jahr im Kasten stehen; das „Talent" Michael Rensing, von Uli Hoeneß noch vor wenigen Jahren als neue deutsche Nr. 1 postuliert, wird wohl bald einen Vereinswechsel anstreben, will er seiner Karriere noch eine Wende geben. Nach dem Abgang Lucios zu Inter Mailand setzt van Gaal in der Defensive auch auf ihm bekannte Kräfte. Bayern-untypisch wurde mit Edson Braafheid ein hierzulande unbekannter Verteidiger für wenig Geld (ca. 2 Millionen Euro) vom FC Twente Enschede geholt. Als Linksfuß erfüllt er die Vorgabe van Gaals, dass der linke Innenverteidiger seinen starken Fuß ebenso links haben sollte. Manchmal sind Transfers auch in München von entwaffnender Logik und Leichtigkeit. Mit Lahm, Demichelis, van Buyten und dem Shootingstar aus der eigenen Jugend, Holger Badstuber, ist die Abwehrreihe ordentlich besetzt. Zumindest für nationale Verhältnisse, denn spätestens im Viertelfinalspiel beim späteren Champions League-Sieger aus Barcelona wurden dem FC Bayern hier mehr als deutlich die Grenzen aufgezeigt.

Ein weiterer Neuzugang aus den Niederlanden ist Danijel Pranjic (SC Heerenveen), der im linken Mittelfeld den Platz von Ribéry einnehmen könnte, sofern der Franzose als Spielmacher hinter den Spitzen zum Einsatz kommt. Bei einem System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (van Bommel, Tymoschtschuk) würden Schweinsteiger und Ribéry die offensiven Halbpositionen bekleiden. Ex-Borusse Alexander Baumjohann wird unter diesen Namen sicherlich nur eine Jokerrolle zukommen, allerdings trauen ihm viele Kritiker zu, auch im Starensemble der Münchener Bayern aufgrund seiner starken Technik und seiner Fähigkeiten im Passspiel eine gute Rolle zu spielen - wenn er denn spielt.

Weltmeister Luca Toni wird durch die Verpflichtung von Mario Gomez auf der Bank Platz nehmen müssen, ebenso wie Neuzugang Ivica Olic, den die Bayern ablösefrei vom Hamburger SV loseisen konnten. Ob sie Olic zum Zeitpunkt der Verpflichtung wirklich benötigten, steht auf einem anderen Blatt. Wichtiger scheint den Münchenern (mal wieder) zu sein, einem nationalem Konkurrenten einen guten Spieler weggeschnappt zu haben. Dennoch erhöht Olic die Flexibilität im Angriffsspiel, der Kroate ist aufgrund der spielerischen Fähigkeiten, die das Mittelfeld hinter ihm bietet, durchaus für einige Tore gut. Zumal der FC Bayern wie üblich auf mehreren Hochzeiten tanzen wird, da ist jede qualitativ hochwertige Alternative willkommen.

Fazit: Wie eingangs bereits erwähnt, wird auch in diesem Jahr der Weg zur Meisterschaft nur über die Bayern gehen. Gelingt es van Gaal, seinen in Deutschland konkurrenzlos starken Kader über 34 Spieltage einigermaßen auf Kurs zu halten, kann und wird der neue Deutsche Meister nur FC Bayern München heißen. Auf europäischem Parkett werden auch in der kommenden Saison die Teams aus England und Spanien zu stark sein, eine Halbfinalteilnahme wäre bei entsprechendem Losglück durchaus möglich.


SEITENWAHL-Prognose:

Mike Lukanz: Platz 1-2
Michael Heinen: Platz 1
Christoph Clausen: Platz 1-3
Christian Spoo: Platz 1-2

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