BC8T6953Seitenwahl 19Sep19Wie konnte Borussia Mönchengladbach dieses Spiel nur verlieren? Diese Frage wurde gestern sowohl von Kommentatoren als auch von Interviewern mehrfach gestellt. Die Antwort darauf lautete mehr oder weniger unisono: Eigentlich habe man viel richtig gemacht in diesem Spiel, die Räume ordentlich besetzt, Chancen herausgearbeitet, Mut gezeigt. Man habe auch gesehen, dass die Mannschaft wolle, dass Mannschaft und Trainer eine Einheit seien, dass mithin der schon fast unheimlich anmutende Absturz von Borussia Mönchengladbach rein gar nichts mit dem bevorstehenden Trainerwechsel zu tun haben könne. Man habe dann aber am Ende die Chancen nicht verwertet und sei so von den sehr effizienten Augsburgern bestraft worden, man habe sich – wieder einmal – für den getriebenen Aufwand nicht belohnt.

Rein vordergründig stimmt das: Der Wille, das sei vorangestellt, war niemandem in der Mannschaft abzusprechen. Auch sprechen alle Statistiken des Spiels für Borussia Mönchengladbach: 65% Ballbesitz, 26:10 Torschüsse, deutlich mehr gespielte und angekommene Pässe, eine Passquote von 85%:72%, 10:1 Eckbälle, ja sogar 60% gewonnene Zweikämpfe deuten darauf hin, dass da am Freitagabend ein recht einseitiges Spiel stattgefunden zu haben scheint. Einzig in der Laufleistung liegen die Augsburger vorn, dass allerdings deutlich.

Diese statistischen Zahlen geben aber nur die halbe Wahrheit wieder. Wenn überhaupt. Unabhängig davon, dass am Freitagabend eine Gladbacher Mannschaft auf dem Platz stand, bei der jeder einzelne Gladbacher in puncto fußballerische Qualität, Marktwert, Reputation, Potential etc. (wie auch immer man das bezeichnen will) seinem Augsburger gegenüber überlegen war, hat eines der beiden Teams als Mannschaft funktioniert und das andere nicht. Das funktionierende Team war nicht Borussia Mönchengladbach.

Stattdessen erleben wir in den letzten Wochen ein Versagen des Gladbacher Spielsystems, das sich anfühlt wie die Niederlage gegen den Wolfsberger AC, nur über mehrere Wochen andauernd. Die Niederlage gegen Wolfsberg konnte man mit Arroganz (Gegner unterschätzt!), den Anlaufschwierigkeiten unter einem neuen Trainer (System noch nicht vollständig verinnerlicht!) und einem der Tage erklären, die einfach eine komplett negative Eigendynamik entwickeln („Haste Sch .. am Fuß, …!“). Wenn ein solcher Systemausfall über mehr als ein halbes Dutzend Spiele andauert und sich in unterschiedlichen Konstellationen jeweils wiederholt, liegen die Ursachen tiefer. Jenseits von Formschwächen einzelner Spieler (am offensichtlichsten ist derzeit Plea völlig von der Rolle) drängt sich dem Zuschauer der letzten Spiele der Eindruck auf, dass die Mannschaft keinerlei konzeptionelle Idee mehr hat, wie sie Spiele gewinnen soll. Und zwar in unterschiedlichsten Konstellationen: Gegen die Dosenvermarkter hatte die Mannschaft kein Konzept gegen deren Pressing im Mittelfeld. Jeder Augsburger Konter im gestrigen Spiel (das muss man zugeben, ohne Herrn Husefack 1.0 für einen großen Taktiker zu halten) war strukturierter aufgebaut als alles das, was unsere Helden im Spiel gegen Fuschl am See zustande gebracht haben. Gegen Manchester City hatte die Mannschaft keinerlei Idee, wie sie deren präzises, schnelles Passspiel mit 10 ständig in Bewegung befindlichen Feldspielern unterbinden kann (gut, daran sind vielleicht auch schon andere gescheitert). Schließlich hatte die Mannschaft gegen Gegner wie Union Berlin, Augsburg, Mainz und Köln keinerlei Idee, wie sie deren tiefstehende, dicht gestaffelte Abwehrreihen überwinden kann. Wie gestern zu sehen war, sind Dribblings von Thuram (die entweder im Elfmeter oder mit Ballverlust enden) oder hohe Flanken von Lainer und Wendt (Wer soll die eigentlich verwerten? Plea ist nun wirklich kein Kopfballmonster …) das einzige erkennbare Stilmittel gegen solche Teams. Zwar hat Lars Stindl recht, wenn er gestern nach dem Spiel sagte, dass man die Räume besetzt habe. Das geschah jedoch dermaßen statisch, dass es die Augsburger im Grunde genommen vor keine großen Probleme gestellt hat. Statt eines schnellen, direkten Passspiels, bei dem die Gladbacher Spieler in Bewegung bleiben, sehen wir momentan das gute alte „Stoppen. Gucken. Passen.“ Manchmal auch mit zweimal Gucken. Da ist keinerlei Bewegung im Spiel, keine Raffinesse, keine Kreativiät. Bei eigenen Standards möchte man jedes Mal Juan Arango einwechseln. Defensiv findet auch keine richtige Abstimmung statt. Zweite Bälle vor dem Strafraum gehören regelmäßig dem Gegner. Bälle in die Schnittstellen sorgen für höchste Gefahr. Dass Augsburg gestern beim zweiten Tor mit Überzahl in den Strafraum rennen durfte, ist kein Einzelfall. Auch da stimmt das Mannschaftsspiel nicht.

Was sagt uns das? Angesichts dessen, dass sich diese Entwicklung mit der Serie unnötiger Unentschieden in der Bundesliga bereits im Herbst angedeutet hat, komme ich zu dem Ergebnis, dass das Trainerteam in seinem zweiten Jahr nicht nur keinerlei fußballerische Weiterentwicklung mehr bewirkte, sondern in manchen Punkten vielleicht sogar eine Rückwärtsentwicklung zugelassen hat. Der immer offensichtlicher werdende Qualitätsverlust im Zusammenspiel wurde im Herbst überdeckt durch gute Ergebnisse in der Champions League gegen ein überfordertes Team aus Donezk und Teams aus Mailand bzw. Madrid, die sich jedenfalls partiell im Schongang befanden. Dieses Auseinanderfallen des Teams, der Verlust von Struktur erinnert an die Endphase der Schubert-Ära.  Man könnte zu dem Ergebnis kommen, dass das System Rose eindimensional nur gegen Mannschaften wirklich funktioniert, die einerseits selbst offensiv ausgerichtet, dabei aber fahrlässig genug sind, dem anderen Team Zeit und Raum zum Spielen zu lassen. Trifft einer der Punkte nicht zu, so mein Eindruck, zerfällt das System. Da es sich hier um die wahrscheinlich talentierteste Gladbacher Mannschaft seit der Saison 11/12 handelt, ist dieses Defizit klar dem Trainerteam zuzuordnen. Wenn Marco Rose und sein Trainerteam auf ihrer nächsten Station wirklich etwas erreichen wollen, werden sie sich für diese Problematik etwas einfallen lassen müssen. Ansonsten sind sie schneller wieder in Österreich, als ihnen das lieb ist. Dass sie diese Idee nicht mehr in Mönchengladbach verwirklichen werden, ist angesichts der letzten Ergebnisse wohl nicht unbedingt zum Schaden des Vereins, bei dem Rose derzeit zum Gesicht der Misere wird. 

Für die Besetzung des Trainerpostens bei Borussia Mönchengladbach bleibt zu wünschen, dass ein Übungsleiter geholt wird, der sich einerseits mit der Aufgabe identifiziert und andererseits eine weniger eindimensionale Spielidee hat.  


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