17 Bundesligisten haben wir in der vergangenen Woche einer kurzen Prüfung unterzogen und unsere Einschätzung kundgetan, wo die jeweiligen Clubs sich am Ende der Spielzeit wohl tabellarisch wiederfinden werden. Einer fehlt noch: Der Grund, wadum wir alle überhaupt nur hier sind. Der, Grund, dass ein Großteil der Redaktion und sicher auch einige unserer Leser sich überhaupt noch mit Profifußball beschäftigten. Seitenwahl-Publikum, bist Du bereit? Hier ist die Bestandsaufnahme nebst Saisonprognose der kompletten Seitenwahl-Redaktion für Borussia Mönchengladbach:

 

Thomas Häcki: Ganz klar, heiß war diese Transferperiode sicherlich nicht. Die Borussia setzte auf Beständigkeit und machte bereits sehr früh klar, dass man nicht gedenkt, auch nur einen Leistungsträger abzugeben. Mehr noch, mit Wolf und Lazaro gelang es, die Qualität des Kaders zumindest auf dem Papier noch zu erhöhen. Umso erfreulicher ist es, dass in der Vorbereitung noch einige Talente auf sich aufmerksam machten, von denen man einiges erwarten darf. Endlich möchte man sagen, den mit Nachwuchs aus den eigenen Reihen hatte man sich in den vergangenen Jahren schwer getan. Berücksichtigt man zudem, dass die Borussia zudem ein komplett neues Spielsystem mittlerweile verinnerlicht hat, kommt man zu dem Schluß, dass die Borussia besser ist, als in der vergangenen Saison - auf dem Papier wohlgemerkt.

Die direkte Konkurrenz kann das indess nicht so zweifelsfrei behaupten. Leverkusen hatmit Harvetz und Volland zwei Basisspieler verloren, die den Unterschied ausmachten. Wolfsburgs Verstärkungen sind eher ein Versprechen in die Zukunft, Freiburg leidet unter enormen Qualitätsverlust, Hertha kämpft mehr mit facebook, als mit dem Gegner und Hoffenheim ... na ja Hoffenheim zählt nicht. Ist die Borussia also erneut ein Kandidat für die Champions League? Ja,die Antwort muss sein, dass auch in der kommenden Saison mit der Borussia gerechnet werden muss - auf dem Papier wohlgemerkt.

Denn auch am Niederrhein ist nicht alles Gold was glänzt. Die ersten drei der Tabelle haben im Vergleich zu der klug und besonnen agierenden Borussia eben noch tiefer in die Tasche gegriffen. Es ist damit zu rechnen, dass sich der qualitative Abstand noch einmal vergrößert haben dürfte. Bereits in der vergangenen Saison konnte die Borussia - nimmt man mal die zerpfiffene Partie in Leipzig aussen vor - zwar Achtung erringen, war aber spielerisch in jedem Duell teilweise deutlich unterlegen. Das galt auch für die Begegnungen gegen Leverkusen. Wer aufgrund der aktuellen Transferperiode die Borussia automatisch stärker als den Konkurrent aus der Chemiestadt sieht, der sieht die Welt schon rosarot. Hinzu kommt, dass mit Plea, Thuram und Zakaria gleich drei wichtige Basisspieler die gesamte Vorbereitung verpasst haben. Embolo fehlt zudem auf unbestimmte Zeit. Daneben dürfte das System Rose zwar weiterhin variabel sein, aber der Überraschungsmoment hält sich zunächst in Grenzen.

Die Borussia startet mit verbesserten Vorzeichen in die neue Saison. Die Mannschaft ist in der Breite qualitativ deutlich besser aufgestellt, als noch in der Vergangenheit. Der Spieler, der den Unterschied ausmacht, fehlt allerdings. Und das wird man in den Spielen gegen die Spitzenmannschaften weiterhin schmerzhaft spüren. Dem steht eine mannschaftliche Geschlossenheit entgegen und ein Teamspirit, der über die gesamte Saison den Unterschied ausmachen KANN, nicht muss. Eine erneute Qualifikation für Europa muss daher das Saisonziel sein, alles andere wäre eine Enttäuschun. Eine erneute Qualifikation für die Champions League wäre hingegen ein Geschenk. Da man Geschenke nicht zwingend erwarten sollte, tippe ich daher auf einen soliden Platz 5.

Michael Heinen: Nein, auch wenn es weh tut: Borussia wird 2021 nicht Deutscher Meister. Genauso wenig 2022 oder 2023. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem Jahrzehnt überhaupt einmal gelingen wird, dürfte im unteren einstelligen Prozentbereich liegen. Weit wahrscheinlicher ist es, dass der FC Bayern auch in den 20er Jahren weiter die Liga dominieren und einen Großteil der nationalen Titel einheimsen wird. Der Wettbewerb an der Bundesliga-Spitze ist tot und könnte nur durch dubiose externe Geldgeber wiederbelebt werden, die dann aber ihrerseits wiederum den Wettbewerb massiv verzerren würden. 

Soweit die schlechten Nachrichten, die einen Borussen aber nicht zu sehr betrüben müssen. Ein 4. Platz ist für Gladbach den gegebenen Voraussetzungen tatsächlich wie ein Titel zu bewerten und mindestens eine genauso starke Leistung wie das öffentlich weit mehr beachtete Triple der Bayern. Die Ausgangslage für die neue Saison erscheint so günstig wie selten zuvor: Borussia musste keinen Stammspieler verkaufen und hat den Kader sogar noch ergänzt. Die Konkurrenz kämpft da aktuell mit ganz anderen Problemen, sodass auf den ersten Blick viel dafür spricht, dass die Elf von Marco Rose ihren “Titel” verteidigen kann. 

Aber Vorsicht: Der Fußball folgt nicht immer der offensichtlichen Logik. Letzte Saison verlief in der Liga ziemlich optimal. Die Mannschaft hatte überschaubare Verletzungssorgen und konnte sich relativ früh auf den Bundesliga-Alltag konzentrieren. Die Neuzugänge schlugen allesamt voll ein. Das System des neuen Trainers griff bereits nach wenigen Wochen. Das alles ist kein Zufall, sondern das Produkt einer überragenden Teamleistung im Verein. Aber es ist leider kein Selbstläufer, der sich unbedingt jedes Jahr wiederholen muss. 

Die gute Nachricht: Selbst wenn es eine schlechte Saison werden solle, ist kaum vorstellbar, dass Borussias Einstelligkeitsserie ihren 10. Jahrestag nicht wird erleben können. Zu schwach erscheint die Konkurrenz ab dem oberen Ligamittelfeld. Selbst das Erreichen der Europa League sollte selbst bei einzelnen Schwächephasen ein realistisches Mindestziel sein. Außer Bayern und dem BVB gibt es keinen Verein, der Borussias Kader überbieten kann. Borussia wird daher am langen Ende einen Platz zwischen 3 und 6 einnehmen und kann ein Stück weit zufrieden in die Zukunft blicken.

Mike Lukanz: Ich habe vor einigen Wochen in unserer geschätzten Seitenwahl-Redaktion ein kleines Experiment gestartet. Mitten im Sommerloch, irgendwo zwischen Geister-Pokalendspiel und Geister-Champions-League, schrieb ich in der internen WhatsApp-Gruppe, dass ich 100 Euro auf die Meisterschaft Borussias in der kommenden Saison setzen werde. Bei einer Quote von 50:1 ein durchaus lohnendes Investment. In den Tagen danach und bis zuletzt wiederholte ich bei jeder Gelegenheit, dass ich es tatsächlich und auch nüchtern betrachtet für absolut realistisch halte, dass wir die Schale im Mai 2021 im Borussia-Park in den Händen eines Gladbacher Spielers sehen werden. 

Die Reaktionen der Kollegen waren natürlich vorhersehbar: zuerst müde lächelnd, dann mir zuletzt den Gemütszustand eines träumenden 12-Jährigen attestierend bis zu ernsthaft formulierten Fragen, die stets mit den Worten „Mal Spaß beiseite …“ begannen. Um eine breitere Grundlage (auch für diesen Text) zu haben, weitete ich das Experiment auf weitere Personengruppen aus. Freunde, Arbeitskollegen, Familie – Fans von verschiedenen Vereinen. Überall das gleiche Spiel: „Hahaha!“, „Da kannste die 100 Euro auch direkt in den Mülleimer werfen“ über „der kleine Mike träumt mal wieder“ bis hin zu ernsthaft vorgetragenen Belehrungen der Art „Das ist faktisch ausgeschlossen“. Aber ist es das? Es fasziniert mich bis heute, wie chancenlos eine Mannschaft betrachtet wird, die „nur“ vier Punkte von der Vize-Meisterschaft entfernt war. Und wie übermächtig stets die direkte Konkurrenz gesehen wird. Bei Borussia wird immer geunkt, was drohe, wenn Leistungsträger ausfallen. Haben nicht selbst die Bayern fast unerklärliches Glück, dass Robert Lewandowski nie verletzt ist? Ist es ausgemacht, dass Leipzig seinen Top-Stürmer ersetzen wird? 

Um den Elefanten im Raum zu adressieren: Natürlich wird einzig der FC Bayern München entscheiden, wer Deutscher Meister wird. Wenn Hansi Flick es schafft, die Spannung nach acht (oder sind es 15?) Titeln in Serie inkl. Triple in der abgelaufenen Spielzeit aufrechtzuerhalten, wird sich die Liga strecken können, wie sie will. Diese Erkenntnis ist jedoch weder kreativ noch neu, gilt diese Weisheit seit mindestens 30 Jahren. Jeder der Meister in dieser Zeit, der nicht Bayern München hieß, galt vor dem jeweiligen Titelgewinn nicht wirklich als Favorit. Selbst der BVB 2012 nach der gewonnenen Meisterschaft ein Jahr zuvor nicht. 

Borussia hat enormes Potenzial, vielleicht so viel wie seit 40 Jahren nicht mehr. In den sechs (inkl. Pokal sieben) direkten Duellen mit den Bayern, Leipzig und Dortmund war man nur in einer Halbzeit chancenlos: Im Hinspiel gegen die Bayern. Dass am Ende aus 18 möglichen Punkten und einem Sieg im Pokal nur vier Zähler und ein Pokal-Aus heraussprangen, war ein Zusammenkommen von Pech bzw. fehlendem Spielglück, Naivität bzw. fehlendem Killerinstinkt und merkwürdigen Schiedsrichterentscheidungen. Rein sportlich musste sich Borussia aber nicht verstecken. Wie schnell Marco Rose seine Spielidee implementieren konnte, war faszinierend zu sehen. Borussia hat im Gegensatz zur direkten Konkurrenz (Werner, Havertz) keinen Schlüsselspieler abgeben müssen, sie hat sogar zwei weitere Wunschspieler Roses (Wolf, Lazaro) hinzubekommen. Viele zentrale Figuren (Zakaria, Thuram) haben ihren Zenit noch nicht einmal erreicht. 

„Ja, aber dann darf man eben nicht in Freiburg oder Berlin verlieren“, höre ich jetzt einige Leser sagen. Ja, das ist richtig. Aber gilt das im gleichen Maße nicht auch für den BVB, Leipzig oder Leverkusen? Wer Meister werden will, muss natürlich über 34 Spieltage abliefern. Wir reden hier also, und nur darum geht es mir, nicht über das fehlende Potenzial der Mannschaft, sondern einzig über die zu oft zur Schau gestellte Unfähigkeit, diese Spiele in Freiburg, bei Union oder in Wolfsburg zu gewinnen. Das muss Rose in den Griff bekommen und ich bin mir ziemlich sicher, dass er es versucht. Borussia ist stark genug, um jeden Gegner in der Bundesliga zu besiegen. 

Prognosen sind immer schwierig, die für die Meisterschaft noch einmal mehr. Die Chancen, dass im nächsten Sommer bei ähnlich gutem Verlauf der Saison ein Ausverkauf - inklusive Trainerteam - droht, sind leider nicht klein. Die Chance, dass der übermächtige FC Bayern nach dem Triple doch einmal ein Jahr durchatmen wird, jedoch auch. Dazu hat, das zeigen schon wieder die vielen Vorberichte auf die Saison, niemand Borussia wirklich auf dem Schirm. Vielleicht öffnet sich gerade in dieser Saison einfach diese Meistertür. Man muss nur durchgehen. 

Ich weiß, und das hat mein Experiment wenig überraschend gezeigt, dass Borussen-Fans sich qua DNA und Erfahrung mit dem Gedanken schwertun. Doch eines muss ein Deutscher Meister immer tun, Kader hin, Spielglück her: daran glauben.

 
Uwe Pirl: Borussia Mönchengladbach ist einer der wenigen Bundesligavereine, die nach dem Ende der letzten Saison keinen einzigen Stammspieler verloren haben. Strobl, Johnson und Raffael waren verdiente Spieler, haben aber zuletzt keine große Rolle mehr gespielt. Borussia Mönchengladbach hat einen Trainer, der in seinem ersten Jahr bewiesen hat, dass er auch in der Bundesliga eine Mannschaft sehr erfolgreich führen kann und der mit der Qualifikation für die Champions League die Vorschlusslorbeeren, mit denen er bedacht wurde, mehr als gerechtfertigt hat. Borussia Mönchengladbach hat Spieler wie z.B. Ginter, Elvedi, Bensebaini, Zakaria, Neuhaus, Benes oder auch Thuram (Aufzählung beispielhaft, nicht abschließend), die nicht am Ende ihres Leistungsvermögens angekommen zu sein scheinen, sondern eine weitere Steigerung versprechen. Borussia Mönchengladbach hat mit Wolf und Lazaro Neuzugänge verpflichtet, die entweder den Trainer oder die Bundesliga kennen und den Kader in der Breite verstärken. Borussia Mönchengladbach hat ein eingespieltes Team voller Selbstvertrauen, das hinter dem Trainer steht und darauf brennt, „den nächsten Schritt zu gehen“ (5 Euro ins Phrasenschwein).  
Wohin dieser Schritt führt? Es wäre – auch angesichts der personellen Entwicklungen bei direkten Konkurrenten wie Leverkusen oder Hoffenheim – Tiefstapelei, wollte man immer noch von „Einstelligkeit“ oder „wenn es optimal läuft, schaffen wir es nach Europa“ reden. Mit dem Kader, dem Trainer und dem Umfeld ist Borussia ein klarer Kandidat für einen der ersten vier Plätze. Das darf man inzwischen auf offensiv formulieren. 
Kann es weiter hoch gehen, gar ganz hoch? Nicht vollkommen ausgeschlossen, aber das hängt nicht nur von Borussia ab, sondern auch von den anderen: Kann die Dosenmarketinggesellschaft den Abgang des notorischen Elfmeterschinders kompensieren? Stirbt Dortmund wieder in Schönheit, schafft es aber nicht zu Konstanz? Sind die Bayern endlich satt? Gibt es eine Überraschungsmannschaft, an die wir alle nicht denken, die aber alles in Grund und Boden spielt? 
Borussia Mönchengladbach wäre jedoch nicht Borussia Mönchengladbach, würde man nicht das tragische Scheitern sofort mitdenken. Wie hoch ist also das Absturzrisiko? Eher gering, lautet meine Antwort, zu gefestigt erscheint mittlerweile die Struktur, zu breit die Qualität des Kaders. Deshalb bin ich optimistisch wie selten vor einer Saison und denke, dass wir auf den Plätzen 1-3 landen.

Christian Spoo: Wer sich unsere Checks der 17 Bundesligisten, die nicht Borussia Mönchengladbach heißen, ansieht, dem fällt auf: Die meisten basteln wenige Tage vor dem Saisonstart noch am Kader. Bestenfalls geht es um Ergänzungen, andere konnten ihre Abgänge noch gar nicht kompensieren und scheinen zunehmend verzweifelt zu prüfen, was der Markt noch hergibt. Wieder anderen droht gar kurz vor der neuen Spielzeit noch der ein oder andere Abgang. Nicht so bei Borussia. Max Eberl hat sich früh festgelegt: Es wird kein Leistungsträger abgegeben. Und wer dachte, bei unmoralischen Angeboten würde man in Gladbach schon noch schwach werden, der muss jetzt feststellen, dass Eberl standhaft geblieben ist – oder dass es die befürchteten unmoralischen Angebote gar nicht gab. Dazu beigetragen haben könnte, dass drei der potenziell für andere interessantesten Spieler in der Vorbereitung nicht oder nur eingeschränkt dabei waren. Und für einen angeschlagenen Zakaria gibt womöglich auch ein scheichgepamperter Premierligist keine Mondsumme aus. 

Wie auch immer: Borussia 20/21 dürfte nicht schwächer sein als Borussia 19/20 – und die war schon gut. Mit Wolf und Lazaro hat Marco Rose offensiv neue Varianten zur Auswahl. Die Offensive ist ohnehin das Prunkstück des Kaders. Selbst wenn Embolo, Thuram und Plea erst einmal noch nicht zu 100 Prozent einplanbar sind, kann Rose eine mehr als schlagkräftige Formation auf den Platz bringen. Wenn es irgendwann einmal eng werden könnte, dann weiter hinten. Im defensiven Mittelfeld wird die Planstelle des nach Augsburg transferierten Tobias Strobl intern besetzt. Florian Neuhaus hat sich am Ende der Vorsaison dort bewährt, in der Vorbereitung zeigte auch Ramy Bensebaini, dass er diese Position spielen kann. Dank der Vielseitigkeit fast jedes Defensivspielers im Kader wären mögliche Ausfälle immer intern zu kompensieren. Ein zusätzlicher gelernter Innenverteidiger würde Borussia aber eventuell noch gut zu Gesicht stehen, zumindest solange man beim bedauernswerten Mamadou Doucouré bei jedem Schritt befürchten muss, dass es der letzte seiner Karriere gewesen sein könnte. 
Aber für mehr war auch wegen Corona kein Geld da und es gibt im Grunde nichts zu kritisieren. 

Wenn es keine eklatanten Schwächephasen gibt, spricht wenig dagegen, dass die neue Spielzeit sportlich mindestens so erfreulich wird, wie die abgelaufene. Ähnlich optimistisch war ich zuletzt vor der Saison 2015/16… Aber da ich ein sonniges Gemüt mit optimistischer Grundausrichtung mein Eigen nenne, wie der geneigte Seitenwahl-Leser seit Jahren weiß, prognostiziere ich Platz drei oder vier in der Abschlusstabelle.


Folge uns auf Twitter