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90 Minuten Dauerdruck, kaum Entlastung, eine stabile Abwehrleistung und tolle Torwartparaden. Das kennt Borussia nicht nur aus Leverkusen sondern auch aus München. Recht früh in der vergangenen Saison traten die Gladbacher zum bisher letzten Mal in der Bayerischen Landeshauptstadt an und holten einen glücklichen Punkt. Marcus Thuram, der eine oder andere wird sich erinnern, brachte das Team sogar in Führung, am Ende jubelten die Borussen über ein 1:1. Der Aspekt „Glück“ kam in der Nachbetrachtung des 0:0 in Leverkusen vielleicht etwas kurz. Denn bei allem Respekt für die Defensivleistung am vergangenen Samstagabend hätte es durchaus zwei-drei Mal „klingeln“ können, hätten Frimpong, Wirtz und Hofmann nicht in Reihe zu schwach oder zu wenig zielstrebig abgeschlossen.

Nun steht wieder die Reise nach München an und nicht wenige erwarten, dass Borussia die Herangehensweise aus dem Leverkusenspiel kopieren und sich erneut hinten einigeln wird – und mit Herz und viel Bein eventuell wieder einen Punkt ermauern kann. Nun ist das, auch eingedenk zahlreicher Abwehrwackler im Lauf dieser Saison, keine unbedingt erfolgversprechende Spielweise. Das Glück lässt sich nicht zwingen, und darauf, dass beispielweise Harry Kane oder Leroy Sané ähnlich lässlich mit den Chancen umgehen werden, wie ihre Meisterschaftskonkurrenten aus Leverkusen, sollte man nicht bauen. Nun hat Gerardo Seoane zwar noch am vergangenen Samstagabend klargestellt, dass er sich etwas mehr Entlastung gewünscht hätte, auf der anderen Seite führten die wenigen Versuche Borussias, mal hinten raus zu kommen, direkt zu brandgefährlichen Kontern. Und die Grätsche von Florian Neuhaus war eine Once-in-a-Lifetime-Aktion. Die unneuhausigste Tat im Leben des Florian ist gut für allerlei Internet-Memes, ob sie darüber hinaus tatsächlich das Zeichen für einen neuen Geist im Team und vor allem im Neuhaus ist, mag man sich wünschen; Kollege Claus-Dieter Mayer aus der Seitenwahl-Redaktion, seines Zeichens promovierter Statistiker, würde die Wahrscheinlichkeit vermutlich auf die sechste Hinterkommastelle berechnen können, aber selbst Zahlen-Legastheniker wie der Autor ahnen: Vor dem Komma wird sich keine zweistellige Zahl finden.

Halten wir fest: Relativ unabhängig von Seoanes Matchplan wird Borussia sich in München vor allem in der eigenen Hälfte wiederfinden. In Sachen Dominanz und Spielstärke ist Bayern in dieser Saison zwar eine Nummer kleiner als Bayer, dennoch wäre ein Erfolg in München, und sei es auch nur ein Remis, irgendwo zwischen Überraschung und Sensation einzuordnen.

Die Helden des Punktgewinns von München im August 2022 sind nicht am Start. Yann Sommer hatte die Bayern mit einer geradezu überirdischen Leistung seinerzeit so überzeugt, dass sie ihn kurzzeitig für den möglichen Nachfolger des Heiligen Manuel hielten und ihn wenige Monate später unter Vertrag nahmen. Da allerdings hatten sie ihre Rechnung ohne die ausgewiesenen Neuer-Fanzines kicker und BILD gemacht, den nach dem Wechsel des Schweizers zum Rekordmeister plötzlich auffiel, wie vergleichsweise klein gewachsen Sommer ist. Fortan wurde jedes Gegentor der Körpergröße des Keepers angelastet, denn Neuer hätte den selbstverständlich gehabt. Und selbst die Bälle, die Sommer hielt, hätte Neuer festgehalten. Mit dem Mund. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt: Sommer wurde nach einem halben Jahr nach Mailand verscherbelt und Manuel Neuer hält jüngst in Weltklassemanier erneut das Bayerntor sauber. Und wenn doch mal einer reingeht, kann er nichts dafür. Schreiben kicker und BILD, deswegen muss es wahr sein.

Der zweite Borussenheld vom 1:1, Ko Itakura, ist weiter beim Asien-Cup aktiv. Im Viertelfinale gegen Bahrain wirkte er mit, Japan kam weiter aber Itakura verletzte sich. Ob das seine Rückkehr in sein Vereinsteam in irgendeiner Form beeinträchtigen wird, ist Stand heute (Donnerstag) ungewiss. Neben Itakura fällt auch Max Wöber weiter aus, der Österreicher ist nach seinem schweren Infekt noch nicht wieder spielfit. Die Abwehr stellt sich mithin fast von alleine auf, allein auf der rechten Seite könnte Stefan Lainer Franck Honorat ersetzen, der mit der defensiven Ausrichtung in Leverkusen bei allem Einsatz doch merklich fremdelte.

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Dass Rocco Reitz in München wieder spielen wird, darf als sicher gelten. Nach seiner Einwechselung in Leverkusen war er direkt mit der ihm eigenen Bissigkeit am Start und leitete so den einzig nennenswerten Borussen-Angriff der zweiten Hälfte ein. Die Wiederfitwerdung des Rocco Reitz dürfte zu Lasten von Grätschenkönig Neuhaus gehen, für den in der Mannschaft dann schlicht kein Platz ist.

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In Sachen Rocco Reitz vermeldete Borussia am heutigen Donnerstag die angestrebte Vertragsverlängerung. Der Ur-Borusse, wohl kaum angefochten bislang Spieler der Saison, hat bis 2028 unterschrieben. „Ich liebe den Verein. Ich liebe die Stadt. Meine Familie und ich fühlen uns hier sehr wohl. Diese Vertragsverlängerung fühlt sich für mich perfekt an.“ So spricht der Jungstar, dem nicht wenige zutrauen, es noch vor der EM zum Nationalspieler zu bringen. Das klingt romantisch, obgleich sich bei den Anhängern die Diskussionen eher um die Höhe einer möglichen Ausstiegsklausel drehen. Dass der Publikumsliebling zum Gesicht einer neuen Ära in Mönchengladbach werden könnte, mag kaum jemand glauben. Dass man sich als Fußballfan an kein Gesicht zu sehr gewöhnen sollte, haben die vergangenen Jahre deutlich gezeigt – ebenso, dass man das eine oder andere Gesicht irgendwann nicht mehr sehen mag. Freuen wir uns einfach, dass Reitz zurzeit bei Borussia spielt, hoffen wir auf eine erfolgreiche gemeinsame Zukunft, aber richten wir uns darauf ein, dass Erfolgreichtum und Länge dieser gemeinsamen Zukunft umgekehrt kausal zueinander stehen – Kollege Mayer wird korrigierend eingreifen, falls das jetzt fachlich falsch sein sollte.

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Neuzugang Sacha BoeyPhoto by FC Bayern München

Auch die Bayern haben Personalnot. Im Gegensatz zu Borussia reagieren sie auf nahezu jeden Ausfall direkt mit einem Neueinkauf. So holte der Rekordmeister kurz vor Ende der Transferperiode noch den Spanier Bryan Zaragoza vom FC Granada, der beide offensive Außenpositionen bekleiden kann. Außerdem kam Rechtsverteidiger Sacha Boey vom türkischen Meister Galatasaray. Schon seit Jahresbeginn in München ist Innenverteidiger Eric Dier, den die Bayern aus Tottenham holten. Dier ist  aufgrund der Ausfälle von Coman, Upamecano, Sarr und Laimer so gut wie gesetzt. Boey und Zaragoza sollen zumindest schon im Kader stehen.

Mögliche Aufstellung

Bayern: Neuer – Mazraoui, Dier, de Light, Davies – Pavlocic – Goretzka, Guerreiro – Sané, Musiala – Kane

Borussia: Nicolas – Lainer, Scally, Friedrich, Elvedi, Netz – Weigl, Reitz, Koné – Plea - Jordan

SEITENWAHL-Prognose

Christian Spoo: Leverkusen war die Ausnahme, Bayern ist die Regel. Nicht, weil Borussia in München zuletzt meist gut aussah, sondern weil sich der Unterschied zwischen Spitzenmannschaft und grauer Maus an diesem Samstag deutlich zeigt. Bayern gewinnt mit 5:0.

Michael Heinen: Borussia hat gegen die Bayern traditionell immer dann die besten Chancen, wenn ihr niemand einen Sieg zutraut. Der Rekordmeister gewinnt gegen den besten Klub der Welt mit 3:1.

Thomas Häcki: Niemand soll Borussia nachsagen, sie würde das Meisterschaftsrennen nicht spannend machen. Bayern hält nach dem 2:1 den Anschluss.

Michael Oehm: Diesen Freitag ist Maria Lichtmeß, da muss der Hoeneßsche Mega-Weihnachtsbaum abgebaut sein. Seines Besitzers Birne leuchtet trotzdem dauerhaft rot wie der Stuttgarter Gästeblock: Nicolas' zweiter Streich sichert ein erneutes sensationelles 0:0. Immer Glück ist Können.

Claus-Dieter Mayer: Nein, es gibt kein „zweites Leverkusen“. Zum einen weil die Bayern diese Saison ein gutes Stück schwächer als die Werkself sind und zum zweiten weil die Borussia diesmal erheblich offensiver agiert als in der Vorwoche. Durch Kanes Anschlusstreffer kurz vor Schluss muss man zwar noch etwas zittern, aber letztendlich heisst es 2:1 für den grössten Bayern-Schreck der Welt!