stuttgart neu

Es ist beeindruckend, wie schnell ein Sieg gegen den übermächtigen FC Bayern München die Stimmungslage verändern kann. Hatten bereits nach 30 Minuten die ersten den Sender gewechselt, scheint es auch eine Woche nach Abpfiff kein Ende der Begeisterung über die brutal effektiven Borussen zu geben. Doch einer spielte schon direkt nach dem Abpfiff nicht mit. Klar freute sich auch Marco Rose über den Sieg, machte jedoch gleichzeitig deutlich: "Wir müssen dran bleiben, das ist die Kernbotschaft."

Des Trainers Warnung kommt nicht von ungefähr. Erstens werden auch Siege gegen Spitzenmannschaften nur mit drei Punkten belohnt. Legt man in den folgenden Spielen nicht nach, kann man sich für den Ruhm des Champions-League-Besiegers nicht mehr viel kaufen. Ein Blick in den Kraichgau zeigt, dass die ambitionierten Hoffenheimer sich ohne ihre Siege gegen Bayern und Gladbach im grauen Alltag zwischen Köln und Schalke auf einem Abstiegsplatz befinden würden. Zweitens folgte nach Gladbacher Siegen gegen den Klassenprimus die Ernüchterung oft und postwendend mit dem nächsten Auswärtsspiel: Zuletzt mit 1:2 und 0:3 in Wolfsburg oder gar mit einem 0:5 in Leverkusen. Das letzte Mal konnte man einen Sieg gegen die übermächtigen Bayern auswärts im Januar 2012 veredeln, passenderweise gegen den nächsten Gegner VfB Stuttgart. Wenn sich die Geschichte wiederholen soll, dann bitte genau hier!AJ7X2569Seitenwahl 17Aug19

Doch zugegeben, jeder Vergleich hinkt. Waren in den vergangenen Jahren Siege gegen die Bayern die Krönung eines guten Laufes, was zu übertriebenen Träumen bei der Anhängerschaft führte, hofft man diesmal, dass der Sieg einen Wendepunkt darstellt. Denn bislang verlief die Bundesligasaison allenfalls durchwachsen. Überzeugen konnte man jenseits der Königsklasse nur selten. In der Offensive ineffizient, in der Defensive höchst anfällig. In der Partie vom vergangenen Freitag zeigten die Borussen dann aber, dass sie es auch anders können. Dies wird auch am kommenden Samstag notwendig sein, denn auch in der Tabelle steht man so ein wenig zwischen Baum und Borke. Denkbar knapp hinter den Plätzen für die Europa League könnte man bei einer Niederlage aber auch auf einen zweistelligen Tabellenplatz abrutschen. Und genau da steht zurzeit der VfB.

Nach dem 4:1 im Schwaben-Derby schwebt man dort auf Wolke 7. So sehr, dass man mittlerweile sogar offen über Abgänge sinniert und sie sogar mit ein wenig Stolz kommentiert. Der Erfolg hat Begehrlichkeiten geweckt. Das ist erstaunlich für eine Mannschaft, die sich noch vor einem halben Jahr in einem Schneckenrennen erst in die Bundesliga quälen musste. Dass der Erfolg in Augsburg aber keine Momentaufnahme ist, zeigt schon ein Blick auf die Auswärtstabelle, die man überlegen anführt. So glanzvoll die Auswärtsleistungen sind, so trist ist aber auch die Heimbilanz. Keines der sieben Bundesligaspiele konnte bislang gewonnen werden und auch im Pokal hat der 1:0-Erfolg gegen Freiburg spielerisch keine Begeisterungsstürme entfacht. Das Auseinanderklaffen von Auswärtserfolgen und Heimtristesse hat ihren Grund. Der VfB Stuttgart besticht durch schnelles Umschaltspiel mit schnellen Stürmern, fast so, als hätte man den alten Gladbachern das Konterspiel abgeschaut. Einer anderen Mannschaft sein Spiel aufzuzwingen, soweit reicht dann die Qualität des Aufsteigers dann doch nicht.

Wie spielt man nun gegen solch eine Mannschaft? Die Borussia aus dem Dezember wäre geeignet, einem solchen Gegner mit zunehmender Spieldauer ins offene Messer zu laufen. Eine Borussia der letzten Woche könnte hingegen ihre Qualität in die Waagschale werfen. Natürlich hängt viel vom Personal ab. Auf Thuram, Lazaro und vermutlich Embolo wird Marco Rose wohl verzichten müssen. Dagegen steht Plea vor der Rückkehr. Wichtig ist auch, dass Hofmann und Bensebaini wieder im Team sind. Und auch Zakaria machte zuletzt stetig Fortschritte. Trotz der Ausfälle wird eine Mannschaft nach Stuttgart reisen, die sich am Ziel Europa messen lassen muss - und es objektiv betrachtet auch kann. Wenn die Mannschaft Roses Mahnung also nicht nur gehört, sondern auch verinnerlicht hat, dann könnte der vergangene Freitag tatsächlich ein Wendepunkt in der Saison gewesen sein. Und ein Sieg gegen die Bayern erstmals seit 2012 wieder vergoldet werden. Damals war man am Ende übrigens Vierter. Das würde auch dieses Jahr sicherlich niemand ablehnen.

 Copyright: Ulrich Hufnagel/Hufnagel PR

Vorausichtliche Aufstellung

Borussia: Sommer – Lainer, Ginter, Elvedi, Bensebaini – Kramer, Neuhaus, Zakaria – Plea, Stindl, Hofmann

Stuttgart: Kobel – Stenzel, Anton, Kempf – Endo, Sosa, Mangala, Wamangituka – Castro, Gonzales, Klimowicz

 

Einschätzungen Seitenwahl:

Thomas Häcki: Egal, wie man es tippt, es wird vermutlich verkehrt sein. Am Ende eines sehr unterhaltsamen Spiels steht schließlich ein 2:2, welches der Borussia leider nicht wirklich weiterhilft.

Christian Spoo: Stuttgart selbstbewusst, Borussia selbstbewusst. Ein munterer Kick endet mit einer Punkteteilung. 2:2.

Claus-Dieter Mayer: Endlich ist die Borussia in der Liga in Schwung gekommen, da kommt ein heimschwacher Aufsteiger gerade recht. Mit 4:1 siegt der VfL relativ problemlos im Schwabenland und hat das internationale Geschäft danach wieder fest im Visier.

Mike Lukanz: Der Sieg gegen die Bayern gibt Rückenwind, Plea ist zurück, Bensebaini noch ein bisschen fitter als vorher, Hofmann in der Form seines Lebens. Stuttgart spielt durchaus frech und nicht destruktiv, das kommt Borussia beim souveränen 2:0-Auswärtssieg entgegen. So langsam beginnt Marco Roses Mannschaft, sich einige der verlorenen Punkte aus den ersten Saisonspielen zurückzuholen. Zeit wird's. 


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