Grausamer kann ein Fußballspiel kaum verlaufen, als es die Fans der Borussia an diesem Samstag nachmittag erleiden mussten. Der zuletzt wiedererstarkte SC Freiburg, der seit dem Ausscheiden aus der Europa League ganz und gar nicht mehr wie ein Abstiegskandidat auftritt, konnte in der 1. Halbzeit keine einzige Torchance verbuchen. Zu überlegen gestaltete sich das Spiel der Gäste, die in diesen 45 Minuten ihre mit Abstand beste Rückrunden-Leistung ablieferten. Schon früh war die Elf von Lucien Favre mit der ersten Großchance in Führung gegangen, die per herrlicher Kombination über Granit Xhaka, Juan Arango und Patrick Herrmann herausgespielt wurde. Borussia spielte endlich wieder Fußball, erfreuten sich die Fans, die auf solch brillante Spielzüge zuletzt einige Monate nahezu komplett verzichten mussten.

Bis zum Halbzeitpfiff hätte es zum einen schon einen Elfmeterpfiff geben müssen, als Raffael höchst unsanft umgestoßen wurde. Dies darf aber keine Entschuldigung dafür sein, dass die Mannschaft es nicht auch so vermochte, aus den zahlreichen guten Torgelegenheiten ein ruhigeres Polster als nur ein 1:0 in die Kabine mitzunehmen.

So kam es nicht überraschend, dass die Breisgauer nach dem Wechsel endlich aktiv am Spielgeschehen teilnehmen wollten. Die leichte Angriffswelle verpuffte aber schon nach wenigen Minuten, als Raffael einmal mehr eine gute Torchance liegen ließ und der indisponierte Innenverteidiger Höhn beinahe ein Eigentor fabrizierte. Das Spiel schien jetzt wieder in geordneten Bahnen zu verlaufen, ehe mit der ersten echten Torchance der Heimmannschaft dann urplötzlich aus dem Nichts der Ausgleich fiel. Für die Köpfe der Borussen-Spiele war dies der erste gewaltige Nackenschlag, da sich wieder einmal die alte Fußball-Weisheit bewahrheitete, die bei zu vielen ausgelassenen Großchancen so oft zum Tragen kommt.

Es überraschte daher nicht, dass Borussia ein paar Minuten brauchte, um sich von diesem Schock zu erholen. Aber dies gelang durchaus. Zwar spielten die Gäste fortan nicht mehr so dominant wie noch in Hälfte 1. Sie hatten aber weiterhin die besseren Chancen und bekamen dann per Elfmeter die ultimative Chance zur erneuten Führung. Ausgerechnet der früher so souveräne Elfmeterschütze Daems scheiterte wie schon zuletzt gegen den HSV - mit dem unschönen Unterschied, dass er dieses Mal im Nachschuss nicht mehr erfolgreich einschieben konnte.

Die grausame Psychologie des Nachmittags setzte sich bald darauf fort, als Granit Xhaka ein dämliches Foul in der Spielfeldmitte beging und vom Platz gestellt wurde. War die erste Gelbe Karte noch höchst strittig, so steht außer jeder Frage, dass ein vorbelasteter Spieler nicht dermaßen plump agieren und seine Mannschaft ohne größere Not schwächen darf.

Als Sorg kurz darauf einen Sonntagsschuss auspackte, den er in seinem Fußballerleben vermutlich nie wieder in dieser Form erleben wird, schien klar, dass an diesem Nachmittag erneut keine Punkte von der Dreisam mitzunehmen sein würden. Nur eine Minute später sorgte der 3. Torschuss der Streich-Elf für das 3. Tor. Grausamer kann der Fußball-Gott nicht zuschlagen.

Der Frust der Fans über eine dermaßen unglückliche, unnötige und vermeidbare Niederlage ist mehr als verständlich. Borussia hatte alle Chancen  der Welt, die 3 Punkte mitzunehmen, damit die Europa League bereits vorab zu sichern und sogar noch die Hoffnung auf den Champions League-Quali-Platz 4 am Leben zu erhalten. Bis zu Minute 71 war die Leistung insgesamt höchst erfreulich. Defensiv wurde eine einzige Torchance zugelassen und offensiv eine Vielzahl von Hochkarätern herausgespielt.

Ganz besonders große Vorwürfe müssen sich aber 3 Spieler machen lassen: Raffael, der einen rabenschwarzen Tag erwischte und zahlreiche Großchancen fahrlässig ausließ. Filip Daems, der in seiner Königsdisziplin versagte und seinen Elfer noch schwächer schoss als noch vor 3 Wochen jenen gegen den HSV. Sowie zu guter letzt Granit Xhaka, der in Hälfte 1 ein wichtiger Aktivposten gewesen war, der dann aber mit der dummen Gelb-Roten Karte die Partie endgültig kippen ließ.

Dabei wäre es so wichtig für die Zukunft der Fohlenelf, wenn gerade der so talentierte Schweizer konstant solche Leistungen wie in den ersten 45 Minute abrufen könnte. Gerade auf der Position des offensiven 6ers zeigten die letzten Wochen deutlich, wo es der Elf von Lucien Favre fehlt. Das Duo Kramer/Nordtveit mag defensiv solide spielen, setzt aber im Spiel nach vorne viel zu wenig Akzente. Allein der Pass, den Xhaka vor dem 1:0 auf Arango spielte, war ein deutliches Zeichen, welches Potential hier schlummert. Durch regelmäßig dämliche Aktionen bringt sich der Schweizer leider immer wieder um bessere Bewertungen und darf sich deswegen auch nicht beschweren, wenn er von Favre gelegentlich auf die Bank verwiesen wird. Ein wenig mehr Selbstkritik und gesunde Selbstreflexion würde dem Kleinbaseler vielmehr gut zu Gesicht stehen. Kennt man sein Naturell und blickt man auf seine Reaktion nach dem Platzverweis, so besteht leider nur wenig Hoffnung auf eine entsprechende Einsicht. Es wäre für seine eigene Entwicklung wie auch für jene des Vereins enorm wichtig, wenn es einem Vereinsverantwortlichen oder einem Menschen aus Xhakas persönlichem Umfeld gelingen könnte, ihm diese unsäglichen Flausen auszutreiben, die einer großen Karriere aktuell ganz entscheidend im Weg stehen.

Doch fernab jener Einzelkritik ist der Mannschaft insgesamt nur wenig vorzuwerfen. So frustrierend es klingt: Solche Tage, an denen sich alles gegen einen verschwört, kommen im Fußball zwar selten, aber immer wieder einmal vor. Die Partie ging nicht durch mangelnden kämpferischen Einsatz verloren, sondern ganz allein durch die grausame Psychologie des Spiels - mit einem frühen Tor, einer Fülle an vergebenen Großchancen, dem Ausgleich aus dem Nichts, der erneut vergebenen Riesen-Chance zur erneuten Führung für den als nahezu unfehlbar geltenden Elfmeterschützen, der unsäglichen Gelb-Roten Karte, dem ebenso unsäglichen Sonntagsschuss zum 1:2 und kurz darauf dem 3. Gegentor mit der 3. Chance des Gegners.

Hauptknackpunkt war die mangelnde Effizienz, wie zuletzt schon in Nürnberg und Bremen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass sich dieselben Spieler in so vielen Partien - vornehmlich der ersten Halbserie - durch eine beachtliche Abschlussstärke auszeichneten und oftmals mit nur wenigen Torchancen zu ihren Erfolgen kamen.

Die Mannschaften sollte sich daher von diesem grausamen Samstag nachmittag nicht zu sehr beeindrucken lassen, sondern lieber auf die gute Anfangsphase aufbauen. Auf Schalke hat Borussia in der kommenden Woche nicht viel zu verlieren. Hier wartet die Elf noch knapp 10 Jahre länger als in Freiburg auf den letzten Sieg, so dass niemand ernsthaft von einem Dreier ausgehen wird. Die Ausgangslage ist damit ähnlich wie vor nicht allzu langer Zeit, als ebenfalls nach einer bitteren Niederlage gegen Augsburg der Gang in den Signal-Iduna-Park angetreten wurde.


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