Die guten Nachrichten vorab: Real Madrid wird am Dienstagabend im Borussia-Park ohne Santillana antreten und der Schiedsrichter der Partie kein Niederländer sein. Zwei wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Fortsetzung der Champions-League-Saison sind also erfüllt. Dennoch wird das Aufeinandertreffen mit dem Rekordtitelhalter für Borussia mindestens so herausfordernd wie der letzte Auftritt in Mailand. Es wird erneut einer starken Leistung und etwas Glück bedürfen, um gegen den nächsten Hochkaräter in der Gruppe zu punkten.

Viele Worte braucht man über die Qualitäten des 13fachen Champions-League-Siegers und 34fachen spanischen Meisters nicht zu verlieren. Auch ohne Cristiano Ronaldo ist Real immer noch eine der hochwertigsten Adressen im europäischen Vereinsfußball. Dies unterstrich zuletzt der 3:1-Erfolg im Classico, mit dem eine für Real-Verhältnisse ungeheuerliche Negativserie von zwei Niederlagen in Folge beendet wurde. Davor setzte es in der Liga nämlich ein peinliches 0:1 gegen den Aufsteiger FC Cadiz. Wenige Tage danach hatte die Mannschaft von Erfolgstrainer Zinedine Zidane zu allem Überfluss den Start in die Champions League-Saison in den Sand gesetzt.

Der ukrainische Meister Shakthar Donezk überraschte die B-Elf der Königlichen und lag bereits zur Halbzeit mit 3:0 vorne. Durch die Einwechselungen von Benzema, Vinicius und Kroos konnte Real auf 2:3 verkürzen und erzielte in der Nachspielzeit den umjubelten Ausgleich. Erst der VAR klärte auf, dass dieser aufgrund einer Abseitsstellung irregulär zustande gekommen war. Genau wie etwas später am Abend in Mailand beim wegweisenden Elfmeter zum 1:1 verhinderte der Videoschiedsrichter so einen vermutlich spielentscheidenden Fehler, ohne dass davon in den (sozialen) Medien groß Notiz genommen wurde. Es ist das unvermeidliche Schicksal des VAR, dass seine zahlreichen guten und richtigen Entscheidungen als selbstverständlich hingenommen werden, während jede subjektiv bezweifelte Entscheidung von den nur bedingt objektiven Fans mit großem Gezeter beklagt wird.

Einen Videoschiedsrichter hätte Borussia bereits im März 1976 sehr gut gebrauchen können, als sich ein gewisser Leo van der Kroft in die Geschichtsbücher der Fohlenelf verpfiff. Nicht minder tragisch war das Ausscheiden im Achtelfinale des UEFA-Cups 1985 als Borussia nach einem 5:1 im Hinspiel kurz vor Schluss das 0:4 in Madrid kassierte. Zweifacher Torschütze zum 0:3 und 0:4 war hierbei ausgerechnet jener Santillana, der bereits 1976 das finale 1:1 erzielt und so Borussias Aus besiegelt hatte.

Mit den damals erzielten Ergebnissen könnte Borussia in diesem Jahr insgesamt sehr gut leben. Für Real wäre ein 2:2 und ganz besonders ein 1:5 aber zu wenig, um sich in dieser schwierigen Gruppe die (guten) Aussichten auf ein Weiterkommen zu erhalten. Von daher erscheint es unwahrscheinlich, dass Zidane noch einmal wie gegen Donezk auf einen Großteil seiner besten Spieler verzichten wird. Eine gewisse Rotation gegenüber dem Classico wird es aber erneut geben müssen, um die Belastung zu steuern.

Innenverteidiger Raphael Varane ist der einzige, der in allen drei letzten Pflichtspielen in der Startformation stand. Durch den verletzungsbedingten Ausfall von Nacho Fernandez, Daniel Carvajal und Alvaro Odriozola sind die Defensivoptionen bei Real aber überschaubar, sodass er vermutlich eine weitere Partie wird durchhalten müssen. Neben ihm sind besonders die Altmeister Sergio Ramos (34) und Marcelo (32) Garanten für eine meist starke Defensive. Hinzu kommt mit Belgiens Nationalkeeper Thibaut Courtois einer der weltbesten Torhüter, der auf der Linie ebenso gut ist wie im Umgang mit dem Ball.

Im zentralen Mittelfeld wird die immense Erfahrung ebenso deutlich wie das hohe Alter der weltberühmten Stars Luka Modric (35), Toni Kroos (30) und Isco (28). Mit Karim Benzema ist zudem der beste Stürmer ebenfalls bereits 32 Jahre alt. Die Altersstruktur bei den wichtigsten Spielern im Kader zeigt: Real hat es in den vergangenen Jahren versäumt, den Umbruch erfolgreich einzuleiten und setzt stattdessen weiterhin auf die goldene Generation, die zwischen 2014 und 2018 viermal die Königsklasse gewonnen hat. In diesem Sommer wurde kein einziger Spieler neu gekauft. Mit Martin Ödegaard kehrte das einstige Wunderkind von einer Leihe aus San Sebastian zurück. Der 21jährige Norweger wird wegen einer Wadenverletzung aber mindestens für das Hinspiel am Dienstag noch ausfallen. Besser stehen die Chancen für Eden Hazard, ausgerechnet im Borussia-Park seine Rückkehr zu feiern. Der große Bruder von Thorgan ist der wichtigste Spieler der Madrilenen und kann bei entsprechender Verfassung die ohnehin schon hohe Qualität noch einmal massiv steigern. Ob Zidane den 29jährigen Belgier aber nach seiner langen Verletzung direkt wieder in die Startformation beordert, darf bezweifelt werden. Gut vorstellbar dagegen, dass er nach Borussias 3:0-Halbzeitführung im weiteren Verlauf der Partie eingewechselt wird.

Nicht minder schwer als Reals Aufstellung ist zu prognostizieren, wie Marco Rose seine Elf in diese prestigeträchtige Partie schicken wird. In Mainz übertrieb er es mit den Veränderungen und gefährdete so den immens wichtigen (Pflicht-)Sieg. Am langen Ende ging es gut und der Topsturm konnte erfolgreich geschont werden. Thuram und Plea sollten daher ebenso wie Jonas Hofmann in die Startelf zurückkehren. Für Rocco Reitz wird es trotz seines bemerkenswerten Debüts nur zu einem Platz auf der Bank reichen. Unabhängig von der Aufstellung sollte Borussia aber nicht den Fehler machen, mit zu viel Ehrfurcht vor den großen Namen in diese Partie zu gehen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass das alternde Real schlagbar ist. Borussia wiederum sollten die jüngsten Erfolgserlebnisse Selbstbewusstsein geben, um gegen den nächsten internationalen Topklub ein achtbares Resultat zu erzielen.

Borussia: Sommer – Ginter, Elvedi, Bensebaini – Lainer, Kramer, Neuhaus, Hofmann, Wendt – Plea, Thuram

Real: Courtois – Marcelo, Ramos, Varane, Mendy – Isco, Kroos, Modric – Rodrygo, Benzema, Vazguez

SEITENWAHL-TIPPS

Michael Heinen: Real kann sich einen weiteren Ausrutscher nicht leisten. Borussia hält zwar beachtlich mit, muss sich am Ende aber dem spanischen Bayern-Dusel mit 1:2 geschlagen geben.

Uwe Pirl: Corona-bedingt wird das Spiel kurzfristig nach Düsseldorf verlegt. Borussia gewinnt 5:1. Und im Ernst? Borussia kommt in der CL an – auch wenn es nicht zu einem Sieg reicht, unterschreibt das abermalige 2:2 am Ende trotzdem jeder gern.

Mike Lukanz: CL-Heimspiel gegen Real Madrid. Das riecht nach Flutlicht, knisternder Atmosphäre, großem Fight und auch ein bisschen nach den guten alten Zeiten. Bis auf das Flutlicht wird jedoch davon nix vorhanden sein. Immerhin: So sehen deutlich weniger Menschen das mühelose 3:1 der Madrilenen live.

Christian Spoo: Borussia tritt wesentlich dominanter auf als gegen Mailand, leider kommt trotzdem weniger dabei raus. Es gibt eine unglückliche 1:2-Heimniederlage.

Thomas Häcki: Auch Glück ist endlich, besonders gegen eine abgebrühte Spitzenmannschaft. Das 0:3 gibt die Verhältnisse korrekt wieder.

Claus-Dieter Mayer: Diesmal fehlt ein Ewald Lienen um das Pünktchen auf das I zu machen, aber auch so ist das 4:1 der Borussia gegen das große Real eine Sternstunde in der Gladbacher Europapokalgeschichte, bei der lustlose Madrilenen von entfesselten Borussen brutal ausgekontert werden. (Clausi, 8 Jahre)


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