bayern neuZeitunglesen macht im Moment Spaß. Jedenfalls dann, wenn man Fan von Borussia Mönchengladbach ist und sich - unter Ausblendung unerfreulicher Themen wie beispielsweise dem Klimawandel und den unambitionierten Maßnahmen dagegen oder dem Rechtsruck im Allgemeinen unter Berücksichtigung der AfD im Besonderen - ausschließlich der Lektüre der Berichterstattung über die Elf vom Niederrhein widmet. Sowohl die Dichte der Berichterstattung als auch deren Tenor haben sich in den letzten Wochen gravierend gewandelt.

Wurde die Berichterstattung bis vor einigen Wochen von der üblichen Bayernlastigkeit geprägt – an einem Tag habe ich mal kicker.de geöffnet und von den zehn ersten Artikeln beschäftigten sich sage und schreibe sieben mit dem FC Bayern, dessen Krise, Uli Hoeneß, Nico Kovac und Hansi Flick – gibt es mittlerweile sowas wie den täglichen Gladbach-Artikel. Anfangs geprägt vom Narrativ des Tabellenführers aufgrund der Schwäche der anderen gibt es mittlerweile die fast schon flächendeckende Erkenntnis, dass die Tabellenführung alles andere als Zufall ist. Aus diesem Grund liest man jede Menge Lobeshymnen – Texte unter Überschriften wie „Kategorisch gut. Warum Kant Gladbach lieben würde.“ (Link) von Ilja Behnisch oder „Vielleicht werden sie sogar noch besser“ (Link) von Oliver Fritsch gehen natürlich runter wie Öl, auch weil man bei der Lektüre ehrliche Anerkennung spürt und nicht den Eindruck hat, dass da jemand den gängigen Mechanismus des Hochjubelns bedient, um nach der erwarteten Niederlage gegen Bayern München umso lustvoller herausarbeiten zu können, warum Gladbach eben doch noch nicht soweit ist und vielleicht nie soweit sein wird, dem einzig wahren Lieblingsverein bestimmter Medien  Paroli bieten zu können.  

Denn natürlich lebt die Berichterstattung der letzten Woche in erster Linie von der Vorfreude auf das Duell mit den Bayern. Ungeachtet dessen, dass die Siebziger lange vorbei sind und auch nie wiederkommen werden, ist Gladbach gegen Bayern immer noch und in den letzten Jahren seit dem Wiederaufstieg der Borussia in das obere Drittel der Liga zunehmend wieder eines der elektrisierendsten Duelle des deutschen Fußballs.

Was also macht Borussia Mönchengladbach in diesem Jahr um bisher vier Punkte besser als Bayern München?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Teams ist die Breite und Ausgeglichenheit des Gladbacher Kaders. Während Bayern bisher mit nur 19 eingesetzten Spielern durch die Saison geht und man den Eindruck hat, dass der derzeitigen Stammelf nicht mehr viel passieren darf, kamen für Gladbach schon 22 Spieler zum Einsatz und die angesichts der Menge der Einsätze unvermeidliche Rotation bzw. die Kompensation von Ausfällen klappte ohne wesentlichen Qualitätsverlust. Noch gravierender ist der Unterschied beim Blick auf die Torschützen: Von den 28 Gladbacher Treffern haben die Stürmer Embolo, Plea, Thuram und Herrmann bei gleichmäßiger Verteilung 20 geschossen, wohingegen Bayern München bei 34 eigenen Treffern sage und schreibe 16 – also knapp die Hälfte – der Treffsicherheit eines Robert Lewandowski zu verdanken hat. Natürlich ist es wunderbar, einen solchen Weltklassestürmer im Team zu haben. Andererseits ist aber die Abhängigkeit der Bayern von Lewandowski unübersehbar. Gelingt es einem Gegner, Lewandowski weitgehend aus dem Spiel zu nehmen, wird es schwierig. Einen längeren Ausfall ihres Mittelstürmers können sich die Münchener auf keinen Fall leisten – auch deshalb wurde eine eigentlich notwendige Operation zunächst einmal verschoben. Dem gegenüber beinhaltet die Gladbacher Offensive ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit, auf die sich jedenfalls bisher die Gegner nur schwer einstellen konnten. Ein anderer Grund für den derzeitigen Tabellenstand sitzt (bzw. saß) auf der Trainerbank beider Vereine. Während darüber, dass Marco Rose ein absoluter Glücksgriff für Gladbach ist, mittlerweile uneingeschränkte Einigkeit herrschen dürfte, konnte auch ein neutraler Beobachter nicht übersehen, wie wenig es zuletzt zwischen Bayern München und dem nach der Niederlage in Frankfurt gefeuerten Nico Kovac gepasst hat. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass Kovac in München nie die uneingeschränkte Unterstützung der Vereinsführung hatte – entscheidend war aber wahrscheinlich, dass der fußballerische Ansatz, den Kovac aus Frankfurt mitbrachte (und mit dem die „alte“ Borussia ganz nebenbei gravierende Schwierigkeiten hatte) letztlich nicht zu Bayern München passte. Dem entsprechend sieht das Bayernspiel seit dem Trainerwechsel deutlich anders aus und aus München sind laute Lobeshymnen über den neuen Übungsleiter Flick zu vernehmen. Trotzdem schwankt man derzeit wohl noch in der Entscheidung darüber, Flick vom Interimstrainer zum Chef zu befördern – abhängig ist diese Entscheidung natürlich von den Ergebnissen bis zur Winterpause und damit nicht zuletzt davon, ob es der Mannschaft gelingt, sich der Tabellenspitze zu nähern. Dass die Bayern auch unter Flick schlagbar sind, hat Bayer Leverkusen in der letzten Woche bewiesen.

Borussia Mönchengladbach kann das Spiel mit der Meldung „Alle Mann an Bord!“ angehen, auf der Liste der Ausfälle stehen mit Doucouré, Müsel und Poulsen nur noch Spieler, die man gegen Bayern ohnehin nicht im Kader erwarten würde. Bayern dagegen tut nach wie vor der Ausfall von Hernandez und Süle weh, die im Grunde genommen als Stammspieler in der Innenverteidigung eingeplant waren. Möglich, dass David Alaba erneut die für ihn ungewohnte Rolle als Innenverteidiger spielen muss. Das käme zwar der Qualität des Münchener Aufbauspiels zugute, kann aber andererseits auch eine Einladung für die Wucht des Gladbacher Angriffs sein, wenn der eher zierliche Alaba auf Embolo oder Thuram treffen sollte. Möglich aber auch, dass sich Flick genau aus diesem Grund für Boateng auf der Innenverteidigerposition entscheidet. Was wiederum die Gefahr oder aus Gladbacher Sicht Chance beinhaltet, dass der eher behäbig gewordene und nicht mehr sehr wendig wirkende Boateng in Sprintduelle muss und in Situationen wie in Frankfurt kommt. Stichwort: Unberechenbarkeit der Gladbacher Offensive.

Egal wie am Samstag letztendlich die Aufstellung lautet, egal ob Dreier- oder Viererkette, ob Alaba oder Boateng in der Münchener Verteidigung, am Samstag wartet ein Duell auf Augenhöhe. Ein Duell, bei dem der Gegner mitspielen will, was den Gladbachern eher liegen dürfte. Ein Duell, das nicht zuletzt im Kopf entschieden wird. Mein Lieblingssatz der Woche stammt deshalb von Stefan Lainer: „Wir sind Borussia, wir können jeden schlagen!“ Möge es so kommen …

 

Der SEITENWAHL-Tipp:

Uwe Pirl: Lewandowski wird auch im Borussia-Park treffen. Das unvermeidbare Lewandowski-Tor reicht den aber Bayern nicht. Gladbach ist der Herausforderung mental gewachsen und gewinnt 3:1.

Claus-Dieter Mayer: Nicht jedes Spiel kann ein Fussballfest sein - gegen wacker dagegenhaltende Münchener hat die Borussia mehr Probleme als erwartet, müht sich aber letzten Endes zu einem 3:1-Arbeitssieg, der die Tabellenführung sichert. Danach heißt es Mund abwischen und sich auf die echten Bewährungsproben gegen Istanbul und in Wolfsburg konzentrieren.

Christian Spoo: Wasser in den Wein. Borussia geht gegen abgezockte und motivierte Münchener unter. Nach dem 0:4 hat Marco Rose die schwierige Aufgabe, das Team bis Donnerstag wieder auf Betriebstemperatur zu bringen.

Michael Heinen: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass die Bayern ihre individuelle Qualität ausspielen und den Tabellenführer stürzen. Wenn Borussia aber einen ähnlich guten Tag erwischt wie am letzten Sonntag, dann wird sie auch diesen Gegner schlagen. Samstag ist ein guter Tag: Borussia gewinnt mit 2:1.

Thomas Häcki: Kaum auszudenken was passiert, wenn man München schlägt. Die Bayern werden der Borussia aber nicht den Gefallen tun. Mit dem 2:2 schlägt man sich achtbar, verliert aber auch die Tabellenführung an die Sachsenpest.

Mike Lukanz: Spitzenspiel gegen die Bayern und Borussia ist die Gejagte. Man fasst es ja immer noch nicht. In solchen Spielen sind die Bayern immer am gefährlichsten, weil sie der Liga zeigen wollen, wer die wahre Nummer 1 ist. Allerdings sind sie lange nicht mehr so dominant und unschlagbar wie noch unter Pep Guardiola und Borussia hat keinen Grund, sich zu verstecken. Das 1:1 wahrt den Abstand, geht aber auch mit dem Verlust der Tabellenführung einher.


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