Auf Wiedersehen, liebe Vorbereitungseuphorie! Borussia Mönchengladbach und ihre Fans haben nach dem deutlichen und am Ende sogar schmeichelhaften 0:3 in Leipzig schmerzvoll erfahren, dass die Geister der vergangenen Saison noch lange nicht weg sind, auch wenn der Kader richtigerweise halb erneuert worden ist im Sommer.
Wie immer erspare ich mir und unseren geschätzten Lesern und Leserinnen eine detaillierte Aufbereitung des Spielverlaufs, das geht an anderer Stelle besser. Für mich bleiben nach diesem Spiel drei wesentliche Erkenntnisse; gleichwohl mit der gebotenen Vorsicht, nach einem ersten Spieltag keine allzu absoluten Urteile fällen zu dürfen.
Erstens: Es waren richtige Ansätze zu erkennen. Ja, Borussia konnte nur 20-25 Minuten mithalten gegen die konzernfinanzierte Marketingmannschaft. Doch die Art, wie Borussia in diesem Abschnitt spielte, war neu und erfrischend. Hugo Bolin, Wael Mohya und Robin Hack machen Spaß, da ist Tempo drin, endlich gab es wieder Dribblings zu sehen und gute Laufwege. Mit dieser Energie in der Offensive wird Borussia in dieser Saison Tore erzielen und Spiele gewinnen, wenn Tim Kleindienst wieder zu alter Form findet, wovon er nach einem Jahr Pause noch ein Stück entfernt ist, doch dazu kommen wir später noch. Mit ein bisschen Glück wäre sogar eine 1:0-Führung drin gewesen, was der Mannschaft sicher Halt und mehr Räume gegeben hätte. Doch Fußball ist auch in der Saison 2026/27 kein Konjunktiv und mit Blick auf die ungleichen spielerischen Verhältnisse am Samstag hätte wahrscheinlich auch diese Führung nicht zu einem Sieg gereicht.
Natürlich machen junge Spieler wie Mohya und Bolin noch Fehler, verheddern sich und lassen mitunter Zielstrebigkeit oder die Einfachheit einer Franck-Honorat-Flanke vermissen. Doch das wird besser werden. Weiter eine Bank im Tor ist Moritz Nicolas, der mit mehreren (!) Weltklasseparaden ein Debakel verhindert hat. Es ist unbegreiflich und mit gesundem Menschenverstand nicht mehr zu erklären, warum Nicolas in der aktuellen öffentlichen Diskussion um die Position im DFB-Tor noch nicht einmal erwähnt wird.
Zweitens: Der Kader wurde erneuert, aber nicht unbedingt verbessert. In der Startelf stand in Daiki Hashioka nur ein einziger Zugang aus dem Sommer; der Japaner war sogar nur ein Notkauf, weil Yukhym Konoplia bekanntermaßen verletzungsbedingt ausfällt. (Anm.: Ich betrachte Ko Itakura in dem Zusammenhang nicht als neuen Spieler, bevor die Klugscheißer sich jetzt melden.) David Herold und Isac Lidberg kamen erst in der zweiten Hälfte, der heimliche Gewinner der Vorbereitung, Jan Leszczynski, saß ebenso 90 Minuten auf der Bank wie Enzo Leopold, der von vielen zum Zeitpunkt der Verpflichtung noch als einer der hoffnungsvollsten Zugänge betrachtet worden war. Noch schlimmer: Leopold, vergangene Saison Kapitän von Hannover 96 und als einer der stärksten Spieler der 2. Liga fast aufgestiegen, muss auf seiner Position im defensiven Mittelfeld sogar Kevin Stöger den Vortritt lassen, obwohl es nicht Stögers Stärke ist, im defensiven Mittelfeld Räume zu stopfen. Und sogar Mathieu Nguefack, das 18 Jahre junge Talent, scheint in der Rangordnung vor Leopold zu stehen. Und das auf einer Position, die nach den Abgängen von Rocco Reitz und Yannick Engelhardt als größte Baustelle galt. Eine Baustelle, die Leopold offenbar nicht stopfen kann. Herold kam als Talent vom KSC, dennoch hat er es nicht geschafft, den vergangene Saison noch sehr schwachen Lukas Ullrich zu verdrängen.
Drittens: Das Verletzungspech, so banal es klingt. Kritiker mögen einwenden, dass Verletzungen einkalkuliert werden müssen. Ja, müssen sie, aber das klappt natürlich nur in einem Maße, das so begrenzt ist wie der Kontostand des Vereins. Tatsache ist, dass in Jens Castrop und Konoplia zwei Spieler lange fehlen werden, die als Stammspieler und „aggresive Leader“ fest eingeplant waren. Auf Positionen, die für die defensive Stabilität wichtig sind. Dass nun Hashioka, nur per Leihe als Konoplia-Ersatz geholt, nun auch ausfallen wird (zum Zeitpunkt dieses Nachberichts stand die genaue Diagnose noch aus), bringt Borussia in die absurde Situation, wieder auf Joe Scally setzen zu müssen, dessen Verkauf und Verkaufserlöse zudem wahrscheinlich einkalkuliert waren, um, ja, gegebenenfalls noch im defensiven Mittelfeld nachlegen zu können.
Dominosteineffekte, die bitter sind und einen klammen Verein wie Borussia besonders hart treffen. Zum Verletzungspech zähle ich auch die langen Ausfälle von Tim Kleindienst und Robin Hack. Es ist gut, dass beide zurück sind. Aber jeder hat gesehen, dass beide noch brauchen werden, um ihre Top-Form zurückzuerhalten.

Fazit: Rouven Schröder hat sehr gute Arbeit geleistet, den Kader kräftig umgebaut sowie im Trainerteam tiefe Veränderungen vorgenommen. Das Spiel am Samstag gegen einen zu starken Gegner hat jedoch bewiesen, dass neue Spieler nicht automatisch bessere Spieler sind. Borussia wird nicht alimentiert wie der Gegner, hat begrenzte Mittel und hohe Altlasten. Eugen Polanski wird seine Gründe haben, warum ihn keiner der Zugänge des Sommers so überzeugt hat, um es in die Startelf zu schaffen. Der Trainer geht sowieso mit einer Hypothek in diese Saison. Keine so große wie bei Seoane vergangene Saison, aber die Kritiker werden sehr schnell sehr laut werden, wenn die Ergebnisse nicht stimmen.
Es braucht Zeit, um einen halb erneuerten Kader so funktionieren zu lassen, dass erfolgreich Fußball gespielt werden kann. Es gibt Verletzungen, die Pläne durchkreuzen und alte Verletzungen, die Top-Form verhindern. Das alles in Kombination kann, das muss allen klar sein, auch schnell zu einem bekannten, sehr ungemütlichen Herbst am Niederrhein führen.
Ja, es ist erst der erste Spieltag. Eine erste, vorsichtige Analyse wird erst nach dem vierten Spieltag und den weiteren Partien gegen Elversberg, Freiburg und Mainz stattfinden können, bevor die Liga sich für dann für drei Wochen (!) in die Jürgen-Klopp-Festspielwochen verabschieden wird. Nach dieser Pause wartet dann das Derby.
Willkommen in der Realität.