Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Seitenwahl-Redaktion Teil 2

Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Seitenwahl-Redaktion Teil 2

Karl Valentin: Über kurz oder lang kann das nimmer länger so weitergehen, außerdem es dauert noch länger, dann kann man nur sagen, es braucht halt alles sei Zeit, und Zeit wär’s, dass es bald anders wird.

Uwe Pirl: Borussia Mönchengladbach geht als Wundertüte in die neue Saison. Das ist die Konsequenz aus den Umbauarbeiten, die Rouven Schröder seit seinem Amtsantritt vollzieht bzw. vollziehen muss. Der finanzielle Konsolidierungskurs ist – ohne nähere Einblicke zu haben – wahrscheinlich alternativlos, beeinflusst aber die sportlichen Planungen ganz erheblich. Durch die Abgänge z.B. von Reitz und Elvedi, aber auch von Friedrich, Omlin, Ngoumou und Reyna wurde mutmaßlich nicht nur Ablöse generiert, sondern auch die Gehaltsstruktur deutlich nach unten korrigiert. Borussia Mönchengladbach teilt damit das Schicksal vieler Bundesligisten, die nach Verfehlung ihrer Ziele kleinere Brötchen backen müssen. Leider sind Neuhaus, Cvancara und Scally noch da.

Logischerweise beeinflusst diese Entwicklung auch das Regal, aus dem man sich bei der Verpflichtung neuer Spieler bedienen kann. Es ist deshalb kein Zufall, dass man in Mönchengladbach mit Ausnahme von Itakura (Herzlich Willkommen zurück!) keinen Spieler mit nachhaltiger Bundesligaerfahrung sowie mit Ausnahme von Konoplya im Grunde keinen Spieler mit nachhaltiger Erstligaerfahrung oder internationaler Erfahrung geholt hat. Alle anderen Neuen sind entweder Perspektivspieler (Leszczynski, Uno) oder Spieler, die auf Zweitliganiveau herausstachen (Lidberg, Herold, Leopold), ohne aber wie z.B. Reese, Wanitzek oder früher Kleindienst den Eindruck zu vermitteln, komplett in der falschen Liga zu spielen. Aus dem Rahmen fällt mit Daniel Batz ein nicht mehr ganz junger Torwart, der im letzten Jahr in Mainz eindrücklich nachgewiesen hat, dass manchmal zwischen erster und dritter Liga nur Nuancen liegen. Positiv überrascht hat bisher die Nachverpflichtung Hashioka – muss aber diesen Eindruck auf Bundesliganiveau erst bestätigen.  

Was traut man diesem Kader und seinem Trainer zu?

Wenn Schlüsselspieler wie Nicolas, Diks, Sander, Hack, Stöger, Honorat und Kleindienst verletzungsfrei und halbwegs formstabil durch die Saison kommen, sollte das in jedem Fall reichen, um Elversberg und Paderborn hinter sich zu lassen. Setzen dazu Bolin und Mohya die Entwicklung des Vorjahres fort, stabilisiert sich Ullrich, schlägt einer der neuen Rechtsverteidiger ein und bringt Itakura das, was er vor seinem Abgang nach Amsterdam brachte, muss das für eine Saison jenseits aller Abstiegssorgen im unteren Mittelfeld reichen. Entpuppen sich dazu noch einige der Neuzugänge als echte Verstärkungen, die auch den Konkurrenzkampf im Team hochhalten, verschiebt sich das Level weiter nach oben, ohne dass man von mehr als einem Mittelfeldplatz träumen sollte.

Spannend wird auch sein, ob und wie sich Eugen Polanski weiterentwickelt und wie die Zusammenarbeit in dem neu zusammengestellten Trainerstab funktioniert. Auch das ist ein Punkt, den man mit den Eindrücken aus den Testspielen nur schwer einschätzen kann.

Auch wenn vermutlich nicht alle positiven Annahmen eintreffen: Alles in allem bin ich der Auffassung, dass Borussia Mönchengladbach über einen ausgeglichener aufgestellten und besser strukturierten Kader verfügt als in der Vorsaison und damit Ausfälle und Formschwankungen besser ausgleichen kann. Prognose: Platz 9-13

Christian Spoo: Optimist, der ich bin, fange ich mit dem Positiven an: Rouven Schröder hat keinen Busführerschein. Der neue Sportdirektor („Head of Sports“ steht genauso auf meinem inneren Index wie „ista-Borussia-Park“) hat einen Plan und nach dem handelt er. Jede Transferbewegung hat einen nachvollziehbaren Grund, alles, was Schröder bisher gemacht hat, folgt einer gewissen Logik. Dass man eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt positiv hervorheben muss, sagt mehr als tausend weitere Zeilen Virkus-Bashing. Der seit Jahren angekündigte aber nie vollzogene „Umbruch“ bei Borussia, er hat in diesem Sommer stattgefunden. Dass der Umbruch dazu führt, künftig eine bessere Bilanz vorlegen zu können, darf man als gegeben voraussetzen. Dass er auch dazu führt, einen besseren Tabellenplatz zu erreichen, dagegen eher nicht.

Machen wir uns nichts vor: Von der individuellen Qualität ist der Kader in der neuen Saison eher schwächer als in der vergangenen. Geholt wurden vor allem Spieler, die in der Vergangenheit gehobene Zweitligaqualität nachgewiesen haben. Allein Juchym Konoplia und Ko Itakura haben sich auf einem höheren Niveau bewiesen. Insgesamt dürfte die Abwehr inkl. Torwart, sofern es bei der Eugen Polanski verordneten Viererlösung bleibt, der Mannschaftsteil sein, der uns die wenigsten Sorgen bereiten dürfte. Nico Elvedi wurde nach einer bärenstarken Saison halbwegs vernünftig ersetzt. Kevin Diks ist eh super, mit Jan Leszczynski haben wir einen echten Hoffnungsträger im Team. Wenn Konoplia wieder fit ist, dürfte die rechte Position besser besetzt sein, als in der jüngeren Vergangenheit. Links bleibt abzuwarten, ob das Formhoch von Lukas Ullrich anhält, die Backup-Lösung David Herold ist bisher kaum zu bewerten.

Die größten Qualitätseinbußen hat Borussia sicher im defensiven Mittelfeld zu verzeichnen. Es gibt genug Sechser, aber sind die auch gut genug? Philipp Sander machte in der Vorbereitung einen sehr guten Eindruck, trotzdem ist der Abgang von Rocco Reitz und Yannik Engelhardt schwer zu kompensieren. Dass sich dort zunächst Kevin Stöger festgespielt hat, den eigentlich niemand mehr auf der Rechnung hatte, sollte eher Warnzeichen als Hoffnungsschimmer sein. Über Zento Uno wissen wir bisher gar nichts, Enzo Leopold wirkt bei seinen Kurzeinsätzen eher unglücklich. Für Mathieu Nguefack gilt das Gegenteil, aber der Herausforderung Bundesliga muss der Jungborusse sich erst einmal gewachsen zeigen.

Offensiv sieht es, solange alles gesund ist, gut aus. Wenn man die Patienten Neuhaus und Cvancara nicht mitrechnet, ist die Personaldecke eher dünn. Das Comeback von Jens Castrop, den ich mir persönlich auf der Sechs überhaupt nicht vorstellen kann, würde hier allerdings schon für Abhilfe sorgen. Der Verzicht auf Tim Kleindienst im Pokal macht mir die meisten Sorgen. Allein auf Isac Lidberg zu setzen, ist gewagt. Man kann nur hoffen, dass es nicht irgendwann heißt „Hätten wir den Tabakovic mal gehalten“.

All das zeigt: die große Hoffnung heißt „Mannschaft“ und nicht „Qualität der Einzelspieler“. Wenn das neue Gefüge mehr wird, als die Summe seiner Teile, dann ist auch mehr drin, als erneut eine Saison mit dem steten Blick nach unten zu spielen. An dieser Thematik wird sich auch das Urteil über Eugen Polanski orientieren müssen. Wenn er wirklich ein Guter ist, muss er die Aufgabe, eine echte Mannschaft zu formen, bewältigen. Gelingt ihm das, rechne ich im allerbesten Fall mit Platz 10, gelingt es ihm nicht, könnte es am Ende eng werden. Worst case: 16.

Kevin Schulte: Die Borussia im Sommer 2026 ist zum Glück nicht mehr mit der vergangener Sommer zu vergleichen. Mönchengladbach ergibt sich endlich nicht mehr ihrem Schicksal. Mit Sportkopf Rouven Schröder hat Borussia auf dem für die Kaderplanung entscheidenden Posten endlich wieder einen Profi sitzen, der Borussia umgeformt hat: Aktion statt Reaktion ("Dominosteine") auf dem Transfermarkt, Druck statt Nestwärme für Kaderzombies (Neuhaus, Cvancara), Unglücksraben (Ngoumou) und Stagnierer (Scally). Diese für niederrheinische Verhältnisse fast schon gefühlskalte Herangehensweise ist genau das, was Borussia Mönchengladbach gegenwärtig braucht. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass unser geliebter Klub zwar nicht mehr auf der Intensivstation liegt, aber gewiss auch noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Die Heilungsprognose ist bei entsprechender Mitarbeit des Patienten aber deutlich positiver als im vergangenen Sommer. 

Der Kader hat sich trotz der Abgänge von Vize-Kapitän Rocco Reitz, des besten Nico Elvedi aller Zeiten und der Leihspieler Haris Tabakovic und Yannik Engelhardt zumindest nicht verschlechtert. Der Elvedi-Abgang sollte durch Ko Itakura ausgeglichen werden. Mit Vorbereitungsgewinner Jan Leszczysnki, der den brutal enttäuschenden Marvin Friedrich ersetzt, ist die Innenverteidigung insgesamt sogar besser geworden. Lukas Ullrich scheint links einen neuen Anlauf zu nehmen, der Druck von Backup David Herold kann nur helfen. Auf der Rechtsverteidigerposition gibt es sanfte Hoffnung auf einen Quantensprung. Der konkurrenzlose Joe Scally hat keine Zukunft mehr, wird mittelfristig vom ukrainischen Nationalspieler Yukhym Konoplya und kurzfristig von Leihgabe Daiki Hashioka abgelöst.

Offensiv besteht zwar nicht die Fantasie, dass Tabakovic-Ersatz Isac Lidberg ebenfalls 16 Tore erzielt, das muss er aber hoffentlich auch nicht: Tim Kleindienst rückt ja wieder (hoffentlich) dauerhaft in die Sturmspitze. Dahinter ist mit dem Langzeitverletzten Robin Hack ein zweiter Quasi-Neuzugang im Team, Wael Mohya ist der nächste Schritt zuzutrauen, Hugo Bolin ist ein Gewinner der Vorbereitung, Franck Honorat muss sich strecken. Wer auch immer die drei Positionen hinter Kleindienst (Lidberg) besetzt, Giovanni Reyna wird niemand vermissen.

Sorge bereitet mir am ehesten das zentrale Mittelfeld. Hier hat Borussia an Qualität verloren: Philipp Sander und Kevin Stöger sollen das Spiel strukturieren, weil die Neuzugänge Enzo Leopold und Zentu Uno aus verschiedenen Gründen noch nicht so weit sind. Eine echte Mittelfeldkante, ein "Reparierer", muss sich aus dem bestehenden Personal herauskristallisieren. In der Rückrunde ist das vielleicht Jens Castrop, der zwar weit entfernt ist, ein Musterprofi zu sein, dafür eine große Mengen Mentalität und Leidenschaft auf den Rasen bringt.

Ein mindestens genauso großes Fragezeichen ist der Trainer. Eugen Polanski, so scheinen es die meisten Kicktipp-Spieler zu sehen, liefert sich ein enges Rennen mit Effzeh-Coach René Wagner um die erste Trainerentlassung. Dafür gibt es zweifellos gute Argumente. Polanski geht angezählt in die Spielzeit. Auch weil Alternativen rar gesät waren/sind, konnte der langjährige Gladbacher sein Amt behalten. Schröder hat ihm letztlich gezeigt, wer Koch und wer Kellner ist, ihn Richtung Viererkette geschoben und ein fast komplett runderneuertes Trainerteam an die Seite gestellt. Polanski steht von Anfang an unter Druck, und zwar stärker als fast alle anderen Bundesliga-Trainer in dieser Saison.

Trotz allem ist das in Summe ein Kader, der sich zumindest vor der halben Bundesliga nicht verstecken muss. Werder Bremen, der 1. FC Köln, der Hamburger SV, Union Berlin, der FC Augsburg und die drei Aufsteiger Schalke, Elversberg, Paderborn sollten die Konkurrenten sein um die Platzierungen in der unteren Tabellenhälfte. Bei optimalem Verlauf ist auch Platz 9 drin, alles darüber hinaus wäre ein Riesenerfolg. Ich tippe auf einen ruhigen Platz 11, hoffe auf einen Pokal-Lauf ohne Versager-Aus á la Saarbrücken und werde nicht müde, vom Einzug in die Conference League, dem besten Wettbewerb der Welt, zu träumen.

Mike Lukanz: Rouven Schröder schien das Ende der vergangenen Saison kaum abwarten zu können. Da ging es ihm vordergründig wie uns allen; zu froh waren alle, dass diese, nun ja, überschaubar erquickende Saison mit einem blauen Auge zu Ende gebracht worden war. Doch Borussias neuer, starker Mann war noch aus anderen Gründen froh: Der Abpfiff im letzten, durchaus überzeugenden Saisonspiel gegen Hoffenheim war gerade ertönt, da wurden die ersten Zugänge für die neue Saison bekanntgegeben. Im Tagesrhythmus rauschten die Meldungen rein, jeden Tag ein neues Video auf YouTube mit den ewig gleichen Abläufen: Neuer Spieler kommt an, Medizincheck, Begrüßung durch Polanski, bewundernde Blicke im leeren Stadion, Trikot in die Kamera halten, Handshake mit Schröder, Unterschrift.

Und ja, ich gebe zu, dass auch ich kurze Momente der Euphorie empfand. Weniger ob der Qualität der Zugänge (dazu komme ich gleich), sondern vielmehr ob der Energie, mit der Schröder zu Werke ging. Es wirkte (und tut es bis heute) auch wie eine große Ohrfeige für Roland Virkus, der in den vergangenen Jahren den dringend benötigten Kaderumbruch mit Verweis auf leere Kassen oder „schwierige Marktlage“ halbherzig bis gar nicht angegangen war. Denn Schröder holte nicht nur viel frisches Blut in den Kader, sondern schaffte es sogar, den Kader auszudünnen und Spieler abzugeben, die nachweislich bewiesen haben, Borussia nicht zu helfen. Was erneut sehr höflich formuliert ist. Dazu gehören Tim Kleindienst und Robin Hack wieder dem Kader an, die vergangene Saison so sehr gefehlt haben.

Die Vorbereitung in diesem Sommer lief auf dem Papier zudem sehr gut, bis auf die sehr ärgerlichen Verletzungen von Konoplia und Castrop, die aller Voraussicht nach als Startelfkandidaten eingeplant waren. Womit wir jedoch auch zu meiner eher skeptischen Grundhaltung kurz vor dem Ligastart kommen, die die gerade herrschende Euphorie nicht dämpfen, sondern eher einen gesunden und realistischen Blick einfordern soll.

Viel frisches Blut allein wird nicht ausreichen. Vorbei sind eben die Zeiten, in denen Borussia gezielt Qualität einkaufen konnte, die auch in der Bundesliga auf Anhieb funktioniert. Die Zugänge sind nahezu alle mit den Prädikaten „Potenzial“ oder „wenn, dann…“ versehen. Sie kommen aus der zweiten Liga (Leopold, Herold, Lidberg) oder aus dem eher mittel- bis unterklassigen Ausland (Konoplia, Leszczynski, Hashioka, Uno) oder sind erstmal „nur“ Talente, die noch beweisen müssen, dass sie dauerhaft und wirksam in der Bundesliga bestehen können (Mohya, Bolin, Fleck, Nguefack, Danfa).

Das sind nach meinem Dafürhalten zu viele Konjunktive, zu viel Prinzip Hoffnung. Die Verletzungen von Castrop und Konoplia zeigen, wie schnell es wieder dünn werden kann. Dass sich Kevin Stöger in der für ihn eigentlich ungewohnten Position auf der defensiven Sechs direkt gegen den ehemaligen H96-Kapitän Leopold auf dessen Stammposition durchzusetzen scheint, beweist, dass wir von langjährigen Zweitligaspielern keine Wunderdinge erwarten dürfen. Und eine so tiefgreifende Kaderveränderung wird ebenso Zeit kosten, bis wieder hoffentlich viele Räder ineinandergreifen.

Bleibt das Kapitel Trainer. Eugen Polanski hat seine Chance verdient, eine gesamte Vorbereitung absolvieren zu dürfen. Schröder wollte dieses Fass nicht auch noch aufmachen, doch die tiefen Veränderungen, die Borussia auch im Trainerteam vollzogen hat, verbunden mit einer sehr deutlichen Kommunikation ob der Gründe, zeigen, dass Polanski weiter in der Probezeit ist. Jeder wird sich ausmalen können, wie schnell der Druck auf den Trainer steigen wird, wenn der Saisonstart ähnlich holprig verläuft wie der aus der Vorsaison, der Polanski ja überhaupt erst auf den Trainerstuhl gespült hatte.

Meine Prognose für die Saison ist daher pessimistisch: Borussia wird auch in dieser Saison im unteren Mittelfeld verharren, damit automatisch durch die Schwäche der Liga im chronischen Abstiegskampf stecken. Am Ende wird es erneut reichen, aber mehr als Platz 12-14 wird nicht herausspringen. Auf dass Schröder erneut einen intensiven Transfersommer vor sich haben wird. Dann wahrscheinlich mit einem neuen Trainer.

Borussen-Check 2026/27 – Torhüter
Borussen-Check 2026/27 – Innenverteidigung
Borussen-Check 2026/27 – Außenverteidigung
Borussen-Check 2026/27 – Defensives Mittelfeld
Borussen-Check 2026/27 – Offensives Mittelfeld
Borussen-Check 2026/27 – Offensive Außenbahn
Borussen-Check 2026/27 – Mittelstürmer
Borussen-Check 2026/27 – Fazit
Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Redaktion Teil 1

Die Bilder der Saison