Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Seitenwahl-Redaktion Teil 1

Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Seitenwahl-Redaktion Teil 1

„Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ (Karl Valentin) In diesem Sinne runden wir heute unseren Borussen-Check ab mit den Prognosen der Seitenwahl-Redaktion.

Michael Heinen: Bei näherer Betrachtung im Rahmen meiner Recherchen zum Borussen-Check haben sich meine zuvor bereits latent vorhandenen Bauchschmerzen eher noch verstärkt. Angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre bin ich nicht überzeugt davon, ob die Defensive gefestigt genug ist für den Traum von einer offensiveren Spielweise. Zur Erinnerung: Die 53 Gegentore im Vorjahr waren das beste Ergebnis, das Borussia in den letzten sechs Jahren erzielen konnte. Dies war allerdings nur mit Hilfe einer Stärkung der Defensive und der Einführung einer Fünferkette möglich geworden. Wenn der Verein jetzt wieder zurück zur alten Viererkette möchte, besteht die nicht geringe Gefahr, dass die defensiven Probleme wieder zunehmen.

Gerade die zu befürchtende Schwächung auf der 6er-Position halte ich für problematisch. Hier hätte der Verein für meinen Geschmack eine größere Hausnummer aus dem Hut zaubern müssen als es Leopold oder Uno aus meiner Sicht darstellen. Ich wäre sehr glücklich, sollte mich Borussias Scouting-Abteilung in diesem Punkt Lügen strafen. Zu guter Letzt gibt mir die Verletzungsanfälligkeit einiger Spieler aus der geplanten Stammformation zu denken. Ob die vielversprechenden Talente schon in dieser Saison tatsächlich so weit sind, um dies im Notfall auffangen zu können, erscheint mir optimistisch.

Die Vielzahl an Talenten ist aber grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung, die wir über so viele Jahre hinweg vermisst haben bei Borussia. Wenngleich ich skeptisch bin, ob Polanski der richtige Trainer ist, um sie optimal zu fördern, wird uns der eine oder andere von ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren noch viel Freude bereiten. 

Bei aller Schwarzmalerei: Es gibt auch positive Ansätze vor dem Start der neuen Saison. Die Stimmung in der Mannschaft scheint positiver und harmonischer als in den letzten Jahren. Wenn sich die Hierarchien wie gewünscht herausbilden und die Mannschaft zu einer entsprechenden Geschlossenheit findet, ist eine Verbesserung des Vorjahresergebnisses nicht unwahrscheinlich. Für das internationale Geschäft wird es selbst dann aber in dieser Saison voraussichtlich noch nicht reichen können. Die Wundertüte Borussia wird die Saison irgendwo zwischen Platz 9 und 17 abschließen, am wahrscheinlichsten zwischen Platz 10 und 14. Da es feige wäre, sich nicht auf eine genauere Prognose festzulegen, tippe ich auf eine marginale Verschlechterung des Vorjahresergebnisses in Form von Platz 13.

Christian Grünewald: Nach Jahren himmelschreiender Fehlentwicklungen unter seinem schon bald als weltbesten (weil wohl einzigen) Jugend-Trainer-Talent-Scout bekannten Vorgänger herrscht bei Borussia seit der Übernahme durch Rouven Schröder, zumindest bezogen auf die sportliche Führung, wieder ein Hauch mehr Zuversicht. Seit seiner Amtsübernahme vermittelt der neue Boss den Eindruck, klaren Vorstellungen zu folgen und dabei seine Maßnahmen und zum Teil auch harte Personalentscheidungen mit Überzeugung zu vertreten. Zumindest kommunikativ also zunächst ein Fortschritt - aber wie viel des erhofften Aufbruchs wird sich in der neuen Saison auf dem Platz widerspiegeln?

Die Mannschaft ist kurz vor Saisonbeginn insbesondere qualitativ noch schwer einzuschätzen. Altlasten wurden abgebaut, aber die hinzugeholten Spieler, ob nun (vornehmlich aus den oberen Regalen der 2. Liga) verpflichtet oder aus der Jugend an die Lizenzmannschaft herangeführt, sind trotz interessanter Profile noch unbeschriebene Blätter im Fußball-Oberhaus. Und auch bei wichtigen Teilen des bestehenden Kaders ist längst nicht klar, ob Kleindienst und Co. nach einem form- oder verletzungsbedingt schwachen Jahr zu den dringend nötigen Höchstleistungen fähig sind. 

Eines hört man jedoch aus vielen Aussagen heraus: Ob Trainer, Manager oder designierte Führungsspieler, alle betonen unisono den Schwerpunkt auf erhöhten Einsatz, Mentalität (ja, den Begriff gibt es ungeachtet der literarischen Ergüsse eines gewissen Chris K. offenbar noch) und fordern eine resilientere Grundhaltung der Mannschaft. Das ist nach wiederholter temporärer Selbstaufgabe in den vergangenen Jahren mehr als nachvollziehbar; dringend verbesserte spielerische Lösungen und individuelle Qualität kann aber auch die größte „Giftigkeit" nur zeitweise ersetzen – und genau hier liegt die größte Unbekannte. Oder besser die Frage, ob Eugen Polanski mit seinem neuen Assistenzteam den Vertrauensvorschuss nutzen und Borussia eine erkennbare Spielidee vermitteln kann. Die scheinbar makellose Vorbereitung darf man hier keinesfalls überbewerten; selbst bei der vermeintlichen Generalprobe gegen Europa-League-Sieger Aston Villa agierte der Gegner über weite Strecken nicht im Wettkampfmodus. 

Somit bleibt Borussia, wie hieß es doch in der „Ära Virkus" so schwammig-schön, „bis auf Weiteres" eine Wundertüte. Es sind durchaus gute Ideen, Ansätze, Konstellationen erkennbar, mit denen ein Neuanfang gelingen kann – dafür darf aber auch nicht allzu viel schiefgehen. In der Offensive etwa müssen junge Hoffnungsträger wie Mohya und Bolin aufrücken, Arrivierte wie Hack und Kleindienst aber zugleich zu alter Form finden. Insgesamt scheint der Kader durchaus breiter besetzt als zuvor – wie viel dieses Extra an Redundanz aber wert ist, wird erst die zu beweisende Bundesligatauglichkeit der Akteure zeigen. Wurden Leistungsträger wie Reitz und Elvedi adäquat ersetzt? Kommt noch wer, oder sollte man sagen: kratzt Borussia aus der nunmehr chronisch knappen Kasse noch Geld für (idealerweise nachgewiesene) Verstärkungen zusammen?

Nach vielen Pseudo-Umbrüchen steht Borussia jetzt vor einem echten Neuaufbau. Ein ordentlicher Saisonstart könnte die Entwicklung positiv befördern – geht alles aber anfangs erneut ähnlich daneben wie im Vorjahr, dürfte sehr schnell wieder über den Trainer diskutiert werden – und diesmal ginge dies auch zu Lasten der neuen sportlichen Führung. Der Kredit für das „System Schröder" könnte dann schneller aufgebraucht sein als gedacht. Andererseits: Ein Großteil der Ligakonkurrenz scheint in einer ähnlichen Findungsphase zu stecken, die Stichworte „Qualitätsverlust" und „finanzielle Grenzen" geistern quer durch die Republik, viele Kader wirken kurz vor Saisonstart unfertig. Und doch muss eines klar sein: Wenn die Schwäche der Anderen (wie in der Vorsaison) die nahezu einzige Stärke von Borussia bleibt, wird es sehr schwer werden.

Unterm Strich ist die Bandbreite für eine Prognose groß: zwischen Überraschungsteam und Existenzkampf scheint fast alles möglich. Oberstes Ziel für Borussia muss daher zunächst wieder sein, möglichst wenig mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben. Platz 8 bis 16.

Claus-Dieter Mayer: Man mag es Roland Virkus zugutehalten, dass er trotz Fehlens jeglicher Qualifikation für den Posten des Sportdirektors hier und da auch etwas richtig gemacht hat (Transfers wie Kleindienst, Hack, Castrop z. B.), aber das ändert nichts daran, dass seine Benennung als Nachfolger von Max Eberl 2022 eine katastrophale Entscheidung war, unter der die Borussia vermutlich noch einige Zeit leiden wird. Mit Rouven Schröder ist nun wieder Professionalität im Management des Vereins eingekehrt, und sowohl die drastische Verbesserung in der Kommunikation nach außen wie auch das schnelle Handeln auf dem Transfermarkt in diesem Sommer machen Hoffnung, dass der stetige Fall der Borussia nun zum Stoppen kommt. Aber auch Rouven Schröder kann nur das tun, was die Umstände erlauben, und so gehen die Neuzugänge zwar allesamt wohlbekannte Probleme der Borussia an, aber in fast allen Fällen ist die Erstliga-Tauglichkeit zunächst mal eher Hoffnung als etablierter Fakt. Einige dieser Wetten (dazu gehört auch die Rückkehr zur alten Form bei Tim Kleindienst und Robin Hack) müssen dringend aufgehen, damit Borussia die erwünschte ruhige Saison der Konsolidierung spielen kann.

Diese Ungewissheit schließt auch die Trainerposition mit ein, auf der Eugen Polanski eher auf Bewährung bleiben durfte, als dass er fest im Sattel sitzt. Die Vorbereitung machte durchaus Hoffnung, was Potenzial und Mentalität des Teams angeht, aber die Bundesligageschichte ist gepflastert mit Teams, die Ähnliches dachten und dann im Ligaalltag grandios scheiterten. Wie jedes Jahr könnte es die wichtigste Saison der Vereinsgeschichte sein: Schlagen die Transfers ein und Borussia kann sich im sicheren Mittelfeld etablieren, so scharren neben dem fast schon etablierten Mohya auch Leszczyński, Nguefack, Danfa oder Fleck mit den Hufen und könnten für den Borussia-Kader Werte bilden, mit denen man sich langfristig auch wieder etwas weiter nach oben orientieren könnte. Genauso gut kann aber ein misslungener Saisonstart in den Tabellenkeller führen und alle festen Vorsätze werden in wilder Panik für einen neuen Trainer mit neuem Konzept über den Haufen geworfen, um den Abstieg zu verhindern. Prognose: Irgendwas zwischen Platz 11–15.

Michael Oehm: Dass Rouven Schröder offensichtlich zielgerichtet und nachvollziehbar handelt, unterscheidet ihn so wohltuend von seinem Vorgänger, dass man geneigt ist, den Verein in einer besseren Position als im vergangenen Jahr zu sehen. Leider stimmt das nur bedingt. Mit Elvedi, Reitz und – mit Abstrichen – Engelhardt und Tabakovic hat man Qualität abgegeben, von der sich erweisen muss bzw. fraglich ist, ob man die adäquat ersetzen konnte. Es gibt da durchaus viele Optionen: Kleindienst findet zu alter Form und ersetzt Tabakovics Tore, Itakura findet zu alter Stärke und lässt Elvedis Abgang verschmerzen, Leopold kommt in der Bundesliga an und Supertalent Nguefack (Mathieu, was für ein Name!) lässt Reitz vergessen, Hack und ein wiedererstarkter Honorat schieben über die Außen an wie zu besten Zeiten, Bolin zerschießt plötzlich die Liga und Mohya wird eine feste Größe in der Bundesliga. Dann stehen wir wirklich vor goldenen Zeiten (vulgo sorgenfreie Saison mit Platz 9 am Ende).

Es braucht aber auch keine besondere Fantasie, um sich ein Szenario vorzustellen, indem das alles oder vieles davon nicht eintrifft, dann stehen wir genau an dem Punkt der letzten Saison und man muss froh sein, am 33. Spieltag nicht den Taschenrechner zu brauchen.

Und noch eine Personalie: wen man auch nicht so recht einzuschätzen weiß, ist der Trainer. Gegen Ende der Saison war man sich eigentlich einig: Er ist es nicht. Jetzt wurden ein paar Gehilfen ausgetauscht und nun soll er es doch sein. Ich will hoffen, dass er es ist, aber der Glaube fehlt so ein wenig. Aus diesem Grund wäre ich hoch zufrieden, könnten Trainer und Mannschaft den Platz aus der letzten Saison wiederholen. Zwei Plätze tiefer ist sogar wahrscheinlicher. Wenn ich mich festlegen muss, wird es also Platz 14.

Borussen-Check 2026/27 – Torhüter
Borussen-Check 2026/27 – Innenverteidigung
Borussen-Check 2026/27 – Außenverteidigung
Borussen-Check 2026/27 – Defensives Mittelfeld
Borussen-Check 2026/27 – Offensives Mittelfeld
Borussen-Check 2026/27 – Offensive Außenbahn
Borussen-Check 2026/27 – Mittelstürmer
Borussen-Check 2026/27 – Fazit
Borussen-Check 2026/27 – Prognosen der Redaktion Teil 2

Die Bilder der Saison