Borussen-Check 2026/27 – Defensives Mittelfeld

Borussen-Check 2026/27 – Defensives Mittelfeld

„Zuerst wartete ich langsam, dann immer schneller und schneller.“ Wie einst Karl Valentin wartet auch die Seitenwahl-Redaktion. Und zwar schon seit einigen Jahren darauf, dass Borussia auf der 6er-Position endlich wieder einen Topstar entwickelt, der die Mannschaft in schwachen Phasen aufrüttelt und in bessere Zeiten anführt. Gerade das defensiv-zentrale Mittelfeld ist das Kernstück des modernen Fußballs. Nicht ohne Grund wurde mit Rodri ein 6er zum besten Spieler des WM-Turniers gewählt. Borussia konnte in seinen glorreichen 10er- bis zum Beginn der 20er-Jahre stets auf Topspieler der Marke Xhaka, Zakaria oder Koné zurückgreifen, die in so vielen Partien den entscheidenden Vorteil ausmachten. Einen solchen Unterschiedsspieler suchte man auf Borussias 6er-Position zuletzt vergeblich. Rocco Reitz war auf dem Weg dahin, diese Rolle evtl. einmal einnehmen zu können. Tragischerweise warf er die Chance, eine Borussen-Ikone zu werden, weg für ein seelenloses Konstrukt, ein paar Euro mehr und die Aussicht auf Champions-League-Einsätze. Borussia nahm die 20 Mio. Euro Ablöse dankend an, die einen Großteil der in diesem Sommer getätigten Transfers überhaupt erst möglich machten. 

Da das Leihgeschäft mit Yannik Engelhardt endete und dieser sich lieber den inzwischen erfolgreicheren Freiburgern anschloss, muss Borussia auf dieser neuralgischen Position komplett neu planen.

Erste Amtshandlung von Schrölanski war es, Philipp Sander ab sofort wieder auf die Position zurückzuversetzen, auf der er einst als Kapitän des Aufsteigers Holstein Kiel seine besten Leistungen gezeigt hat. Neben ihm kämpfen u. a. zwei Neuzugänge und ein Toptalent um die je nach gewähltem Spielsystem ein bis zwei offenen Plätze im zentralen Mittelfeld.

Noch mehr Zweitligaerfahrung und Führungsstärke

Enzo Leopold sollte eigentlich gesetzt sein, da er in den letzten drei Jahren Stammspieler bei Hannover 96 und zuletzt sogar Kapitän war. Der 25jährige gilt als spielintelligenter Box-to-Box-Spieler, als passsicher und laufstark. Mit 70 % war seine Quote bei langen (Vertikal-)Pässen überragend, wodurch er so einige gefährliche Offensivaktionen heraufbeschwören konnte. Weniger überzeugt waren die Hannover-Fans von seinen Qualitäten als Standardschütze.

In der Defensivarbeit ist Leopold ordentlich, aber definitiv noch verbesserungswürdig. Mit seinen 1,74 Metern Größe ist er gerade in Luftzweikämpfen meist unterlegen. Positiv dagegen, dass er in den letzten Jahren nie verletzt war und dadurch mit 25 Jahren bereits 120 Zweitligaspiele Erfahrung vorweisen kann.

Ein unerwarteter Konkurrent

Gelingt Leopold der Sprung in Liga 1, könnte er sich mit Sander gut auf der Doppel-6 ergänzen. Nach der Vorbereitung scheint ihm zwar Kevin Stöger den Rang etwas abgelaufen zu haben. Der Ex-Bochumer müsste sich gegenüber seinen bisherigen Leistungen im Borussen-Dress aber gewaltig steigern, um seinen Stammplatz auf dieser für ihn ungewohnten Position über die gesamte Saison zu verteidigen.

Ein weiterer Konkurrent könnte den beiden im Laufe der Hinrunde in Zento Uno heranwachsen. Der 22jährige Japaner ist ein kompromissloser, aggressiver Zerstörer, der im Pressing seine Stärken aufweist. Er bevorzugt das Kurzpassspiel, ist mit 1,76 Metern aber ebenso wie Leopold eher kopfballschwach. Ein reiner Abräumer ist der 22jährige nicht, da er sich durchaus auch offensiv einbringen kann. Kleines Manko bei ihm, dass er von 2022 bis 2024 drei längere Verletzungen (u. a. zwei Mittelfußbrüche) überstehen musste. Sein J1-League-Debüt gab er daher „erst“ im April 2024, ehe er ein Jahr später zum Stammspieler bei Shimizu S-Pulse aufstieg. Die für Talente seines Alters üblichen Leistungsschwankungen beförderten Borussias Neuzugang zur Rückrunde wieder auf die Ersatzbank, ehe er sich Anfang dieses Jahres den regelmäßigen Platz in der Startelf zurückerkämpfte.

Ein mutiges Spiel

2025 gab Uno sein Länderspieldebüt gegen China, ehe er kurz darauf seine bislang letzte Karte in der japanischen Nationalelf in Form eines Kurzeinsatzes gegen Südkorea ausspielte. Bei der WM musste er zuletzt dennoch aussetzen. Nachdem er in diesem Sommer die Spielrichtung in die Bundesliga gewechselt hat, traut ihm Borussia dort entsprechendes Entwicklungspotenzial zu, damit er nicht nur in der japanischen Nationalmannschaft, sondern auch in der Bundesliga erfolgreich vom Stapel laufen wird.

Gelingt ihm dies nicht, so müsste sich Rouven Schröder schon die Frage gefallen lassen, warum er die beiden hochkarätigen Abgänge auf der wichtigsten Position im Team lediglich mit zwei Wundertüten aus schwächeren Ligen kompensiert hat. Von der Quantität her ist der Kader auf dieser Position ausreichend gut befüllt, da neben den vier bisher genannten Spielern auch Jens Castrop und – so steht zu befürchten – Florian Neuhaus weitere Alternativen sein könnten. Außerdem befindet sich mit Mathieu Nguefack ein Gewinner der Vorbereitung in Lauerstellung, den nicht wenige Fans bereits jetzt gerne in der Startelf sehen würden. Der 18jährige Deutsch-Kameruner machte 2025 als Kapitän von Borussias U17-Meistermannschaft von sich reden. Im gleichen Jahr lief er für Deutschland bei der U17-Europameisterschaft auf.

Ein Mann mit Zukunft

Im Jugendbereich hat sich der 1,75 Meter große Nguefack als intelligenter Umschaltspieler mit guter Übersicht erwiesen, der zudem für Torgefahr sorgen kann. Der Linksfuß, der seit der U9 sämtliche Jugendmannschaften des Vereins durchlaufen hat, ist im Profibereich natürlich noch unerfahren, könnte aber zweifelsohne ein Mann der Zukunft sein. Leider hat auch ihn in seiner noch jungen Karriere bereits das Verletzungspech geplagt: Im Vorjahr fiel er mit Muskelfaserriss und Schlüsselbeinbruch insgesamt 3 ½ Monate aus. Dies ist ein Grund, warum Nguefack bislang noch wenige Chancen in Borussias U23 bekommen hat und dort erst drei Spiele (ein Tor) absolvierte.

Ein Durchbruch bereits in dieser Saison wäre sensationell stark, darf aber nicht vorausgesetzt werden. Ist er tatsächlich im Ligabetrieb so gut wie er es in den Testspielen angedeutet hat, sollte er sich gegen die bestehende Konkurrenz früher oder später durchsetzen können. Dennoch wäre Borussia gut beraten, über eine weitere große Verstärkung auf dieser Position nachzudenken.

Qualitativer Verbesserungsbedarf auf der 6

Bei Uno und Leopold ist zumindest kurzfristig nicht der ganz große Qualitätssprung zu erwarten. Castrop wird die nächsten Monate verletzt ausfallen. Stögers ohnehin überschaubaren Qualitäten liegen eher woanders. Und Neuhaus hat ohnehin nichts mehr im Kader zu suchen. Bricht man die Erwartungen ans potenzielle 6er-Personal auf diese Weise realistisch runter, sollte der Verein bis zum 1. September z. B. das hoffentlich noch für Scally eingehende Kapital in einen echten Qualitätsspieler auf der 6 investieren. Andernfalls bliebe leider nur zu konstatieren, dass auf dieser Position ein nicht unerhebliches Downgrade gegenüber der Vorsaison zu befürchten sein wird.

Borussen-Check 2026/27 – Torhüter
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