Werder Bremen (Christian Grunewald)
Vor einem Jahr durfte Werder nach einem überraschenden Platz 8 (noch unter schon-wieder-ex-RB-Trainer Ole Werner) noch vorsichtig nach oben schielen, inzwischen sind die Koordinaten deutlich andere. Große Teile der Saison 25/26 in höchster Abstiegsnot, am Ende 32 Punkte, 60 Gegentore und Platz 15 waren keine Verkettung unglücklicher Umstände, sondern Ausdruck fehlender Qualität und falscher Entscheidungen. Auch Daniel Thioune, der im Februar den völlig deplatziert wirkenden Horst Steffen ablöste, machte daraus keine Erfolgsgeschichte. Vier Siege aus 14 Spielen reichten zum Klassenerhalt, neun Partien gingen verloren - ob er sich wirklich dauerhaft als Bundesligatrainer etablieren kann, bleibt eine offene Frage.
Ähnliches gilt für den Kader und den Verantwortlichen Clemens Fritz - nach dem Debakel mit Spielern wie Keita oder Boniface und vielen kurzsichtigen Leihen (allein 7 Spieler verließen Werder vor der Saison) steht der Manager stark unter Druck. Die bestehende Achse mit Friedl, Lynen und Stage hat dabei weiterhin durchaus Bundesliganiveau, man hofft zudem auf Comeback des lang verletzten Mitchell Weiser. Gleichzeitig ist der große Rückhalt im Tor, Mio Backhaus, nach Freiburg gegangen und auch Romano Schmid, noch einer der offensiven Lichtblicke, hat Werder verlassen. Auch bei "Juwel" Coulibaly ist ein Wechsel weiterhin nicht ausgeschlossen.
Ob die bisherigen Neuverpflichtungen einen Qualitätssprung bringen, ist erstmal fragwürdig. Mit Itten kommt ein Mittelstürmer von Zweitligaabsteiger Fortuna, Chuki aus Valladolid ist ein zumindest entwicklungsfähiger Offensivspieler. Dazu kommen weitere junge Spieler, die aber selbst im Bremer Umfeld noch nicht als sichere Verstärkungen gesehen werden. Den Qualitäts-Boost soll nun offenbar das Aufwärmen alter Liebschaften bringen: Eren Dinkci, in Freiburg gewogen und für zu leicht befunden und dann zumindest mit einer ordentlichen Rückrunde bei Ex-Klub Heidenheim, und gerüchteweise auch Ex-Nationalstürmer Niclas Füllkrug, der in Mailand nicht mehr gebraucht wird, sind bei ihrem zweiten Anstellung in Bremen zu Hoffnungsträgern auserkoren.
Ob diese erneute Wette von Fritz aufgeht, wird man sehen. Die Mannschaft war schon im Vorjahr qualitativ nicht überragend und ist bisher nicht erkennbar stärker geworden. Für echten Aufschwung müsste Trainer Thioune Werder wieder eine spielerische Identität verleihen. Sollten die noch ausstehenden Transfers keine klare Verstärkung bringen, erscheint ein erneuter Abstiegskampf sehr realistisch.
Prognose: Platz 12–17.

Hamburger SV (Christian Spoo)
Abstiegskampf mit positivem Ende, 38 Punkte. Die Saison des Hamburger SV war vom Verlauf der von Borussia nicht unähnlich. Dazu passt, dass beide Vereine sich zweimal trafen und torlos wieder auseinandergingen. Dabei war die Ausgangslage unterschiedlich, der HSV war als Aufsteiger sicher glücklicher mit der Abschlussplatzierung als Borussia. In die neue Saison starten beide ähnlich demütig. Die Transferaktivitäten beider Vereine hängen zusammen: Der HSV leiht Verteidiger Sebastiaan Bornauw von Leeds United, den freien Kaderplatz besetzen die Engländer mit Nico Elvedi. Während Bornauw klar als Führungsspieler eingeplant ist, fallen die weiteren Zugänge der Hamburger eher unter die Kategorie „Wundertüte“. Der französisch-marokkanische Mittelfeldmann Bilal Nadir war bei Olympique Marseille eher Ergänzungsspieler und kommt ablösefrei. Der Franzose Martin Adeline spielte beim Erstliga-Aufsteiger Troyes eine wichtige Rolle, hatte sich zuvor aber in der Ligue 1 bei Reims nicht durchsetzen können. Ebenfalls mit Zweitligameriten kommt der Ex-Wolfsburger Kofi Amoako, der zuletzt bei Dynamo Dresden zuverlässiger Sechser war. Stürmer Patson Daka blickt auf eine wechselhafte Karriere zurück: Der sambische Nationalspieler für die österreichischen Red-Bull-Teams Liefering und Salzburg aktiv, wurde Torschützenkönig in der dortigen Bundesliga und wechselte dann zu Leicester City in die Premier Leauge. Mit den Foxes stieg er ab, auf und wieder ab. Nach dem Fall in die Drittklassigkeit Ende der vergangenen Saison verließ er England und heuerte ablösefrei beim HSV an. In der Vorbereitung war Daka durchaus auffällig und gilt als Kandidat für einen Stammplatz. Neben oder anstelle von Rayan Philippe und Yussuf Poulsen.
Der HSV ist personell nicht besser aufgestellt als in der Vorsaison. MIt Vuskovic und Vieira waren zwei absolute Leistungsträger nur ausgeliehen, zudem verließ Ransford Königsdörffer die Hamburger Richtung Mainz. Der HSV muss sich auf ein weiteres Jahr im Kampf um den Klassenerhalt einstellen
Prognose: Platz 14-16
Schalke 04 (Christian Spoo)
Der FC Schalke 04 ist nach drei Jahren Zweitklassigkeit wieder zurück – und kaum jemand sieht im Auf- auch direkt wieder einen Absteiger. Das liegt zum einen daran, dass die Aufstiegsmannschaft, die die zweite Liga recht souverän gewonnen hat, keinen wichtigen Spieler verloren hat, zum anderen an den namhaften Zugängen. Zu nennen ist vor allem Robin Goosens. Der 24-fache Nationalspieler kommt leihweise aus Florenz nach Gelsenkirchen, von Renaissance zu Barock quasi, und hofft, seinen zweiten Anlauf in der Bundesliga erfolgreicher gestalten zu können als den ersten 2023/24 bei Union Berlin. Neben dem in Gladbach wohl bekannten Verteidiger Max Wöber hat Schalke in Junior Adamu einen weiteren Österreicher verpflichtet. Der Angreifer hat zwar durchwachsene Erfahrungen in Freiburg und bei der Leihe zu Celtic Glasgow im Gepäck, scheint sich in der Vorbereitung aber zunächst den Status als Stürmer Nr. 1 gesichert zu haben. Moussa Sylla könnte noch verkauft werden, weil Schalke ohne Mehreinnahmen keine weiteren Spieler holen darf. Edin Dzeko bleibt als Edeljoker. Im offensiven Mittelfeld ist der früher Frankfurter Dina Ebimbe gesetzt, als Sechser mit Satoshi Tanaka, der aus Düsseldorf kam, ein weiterer Neuzugang. Mit Kenan Karaman, Dejan Ljubicic, Soufiane El-Faouzi und Ron Schallenberg ist Schalke in diesem Mannschaftsteil ordentlich besetzt. Vergleicht man den Kader von Schalke mit dem von Borussia, ist kein entscheidender Nachteil für den Aufsteiger zu erkennen.
Prognose: Platz 10-14

Mainz 05 (Uwe Pirl)
Mainz bleibt Mainz … oder jedenfalls konnte man in den letzten Jahren beim FSV Mainz 05 ein ziemlich konstantes Muster beobachten. Eine völlig verkorkste Hinrunde, dann ein Trainerwechsel, dann die Aufholjagd, danach ein von der Euphorie der Rettung getragenes gutes Jahr, dann wieder eine völlig verkorkste Hinrunde … Dieser Logik nach müsste jetzt ein gutes Jahr folgen.
Was auch nicht abwegig ist. Zum einen steht der aktuelle Mainzer Trainer Urs Fischer anders als die beiden Vorgänger-Bos nicht für emotionalen Überschwang, sodass ihm zuzutrauen ist, die geschilderte Entwicklung zu durchbrechen und mit einem etwas kontrollierteren Herangehen mehr Kontinuität in die Dinge zu bringen. Zum anderen herrscht Konstanz im Kader.
Die letztjährigen Leihspieler Posch, Kawasaki und Becker wurden weiterverpflichtet, Abgänge von Stammspielern gab es im Grunde nicht, Nelson Weiper wurde zur Förderung der weiteren Entwicklung nach Graz verliehen. Als weitere Neuverpflichtungen bereichern Eric Martel aus Köln und Ransford Königsdörffer vom HSV jeweils ablösefrei den Kader. Mit Alexander Schwolow anstelle des nach Gladbach gewechselten Daniel Batz kam ein zweiter Torwart mit Stammplatzpotential, dazu mit Fabio Gruber aus Nürnberg ein talentierter Innenverteidiger.
Die Defensive um Treter Kohr wirkt damit ausreichend besetzt, um auch dessen vorhersehbare Sperren kompensieren zu können. Prunkstück ist das Mittelfeld, in dem Sano, Nebel, Amiri und Lee nunmehr auch ein bisschen Konkurrenz haben. Im Angriff gibt es dagegen durchaus Fragezeichen, aber keine zu großen. Zwar fallen die Langzeitverletzten Hollerbach und Silas noch länger aus, andererseits haben es die Mainzer in der Rückrunde mit Becker und Tietz, einer Kombination aus schnellem Konterspieler und unangenehmem Brecher, ziemlich gut gemacht. Da mit Königsdörffer noch einer dazukommt, der zwischen den beiden liegt, spricht wenig für einen Qualitätsverlust.
Mainz wird vermutlich im Mittelfeld der Bundesliga spielen. Die Rolle der euphorischen Überraschungsmannschaft bleibt dieses Mal anderen Teams vorbehalten, ein Absturz ist aber auch schwer vorstellbar.
Prognose: Platz 8-11