Rouven Schröder hat arbeitsreiche Tage hinter und vermutlich auch noch vor sich. Neben diversen Transfergeschäften hat Borussias „Head of Sports“ gemeinsam mit allen Beteiligten die vergangene Saison aufgearbeitet. Eine solche Ankündigung hatte auch Schröders Vorgänger gemeinsam mit dem Präsidium in den vergangenen Jahren immer gemacht, die Ergebnisse blieben aber überschaubar bzw. wurden nicht offen kommuniziert. Schröder dagegen bleibt seinem Wort treu. Man habe sich offen, schonungslos und selbstkritisch mit der eigenen Arbeit befasst. Dabei sei es durchaus kontrovers zugegangen. Eugen Polanski sei in die Gespräche voll involviert gewesen, an Selbstkritik nicht gespart und eigene Verbesserungsvorschläge gemacht. Kurzum: Borussia will viel ändern, aber eines nicht: Eugen Polanski bleibt Cheftrainer.
Danach hatte es noch vor wenigen Wochen nicht ausgesehen. Schaut man mit heutigem Wissen auf die Ergebnisse, die Borussia seit Anfang Februar eingefahren hat, sieht das Bild gar nicht so dramatisch aus, wie sich die Situation zeitweise angefühlt hatte. Führt man sich aber die Dramaturgie vieler Spiele, das Auftreten der Mannschaft auch in Partien gegen vermeintlich gleichwertige oder schwächere Gegner vor Augen, so wird doch klar: So darf es nicht weitergehen. Soll es auch nicht, aber Eugen Polanski darf mitbestimmen, wie es stattdessen weitergeht.
Es ist gut möglich, dass die letzten beiden Heimspiele, in denen Borussia mit Dortmund und Hoffenheim zwei Champions-League-Teilnehmer bzw. Anwärter dominieren und besiegen konnte, Polanski letzten Endes den Job gerettet haben. Zwar betont Rouven Schröder, man habe unabhängig davon analysiert und entschieden. Dass diese Ergebnisse gar keinen Einfluss auf die Gemengelage hatten, und sei es auch nur emotional, darf man getrost ausschließen. Das grauenvolle Augsburg-Spiel dürfte, weil eingerahmt von den zwei wohl besten Partien der Saison, eher dem Vergessen anheimgefallen sein, als wenn es den Saisonabschluss gebildet hätte. Aber es ist auch richtig, dass Borussia und auch Polanski in den beiden Spielen gezeigt haben, was möglich ist. Mutiger, offensiver, leidenschaftlicher präsentierte sich die Mannschaft. Gegen Hoffenheim wagte Polanski auch die Abkehr von der Defensivtaktik, die das Anschauen von Borussenspielen oft so unerfreulich gemacht hatte. Polanski hat sich auch für die kommende Saison zur Viererkette verpflichtet. Entsprechend wird der Kader zusammengestellt, entsprechend entsteht das Versprechen eines aktiveren Fußballs. Wie sich das dann in der Realität darstellen wird und was geschieht, sollte die Defensive wieder so undicht sein wie vor dem Schwenk zur Dreier-/Fünferabwehr, wird die Zeit weisen.
Statt den Trainer auszutauschen, will Schröder ihm nun neue Leute an die Seite geben. Tobias Trulsen, Guido Streichsbier, Tony Jantschke und Oliver Neuville werden ihre Expertise künftig wohl, zumindest teilweise, anderswo im Verein einbringen. Vor allem im Bereich Fitnesstraining liegt auf der Hand, dass etwas passieren muss. Dass der Mannschaft regelmäßig nach 60 Minuten die Kraft ausgeht, ist in der Bundesliga sowohl unüblich als auch potenziell abstiegsförderlich.
Eines war Rouven Schröder augenscheinlich sehr wichtig: Die Entscheidung gegen einen Trainerwechsel soll keine Entscheidung für ein „Weiter so“ sein. Das „Weiter so“ war zuvor Teil der inoffiziellen Vereinspolitik. Man hielt sich und die Mitstreitenden für super Typen, von denen man voll überzeugt sei und mit denen man deswegen natürlich weiterarbeiten werde. Zumindest rhetorisch hat man jetzt eine andere Schallplatte aufgelegt. Die spannenden Fragen, nachdem die vermeintlich wichtigste jetzt geklärt ist, sind: Wie ernst ist das alles gemeint? Wie groß ist der Vertrauensvorschuss, den Eugen Polanski bei Rouven Schröder tatsächlich genießt? Und vor allem: Wie lernfähig ist Polanski wirklich? Wie sehr lässt er, der für einen jungen Trainer bisher doch sehr old-school wirkt, sich auf Neues ein? Schröder und Borussia gehen ein Wagnis ein, gut und nachvollziehbar begründet. Wir alle sollten hoffen, dass sich das letzten Endes als Teil des Umbruchs und nicht als Relikt der Vergangenheit herausstellen wird.