Die Spielzeit 2025/26 ist offiziell noch nicht vorbei, der Umbau des Kaders von Borussia ist kurz nach dem letzten Freundschaftsspiel aber schon in vollem Gange. Im Gegensatz zu vergangenen Transferperioden ist der Verein offenbar jetzt bereit und willens, Spieler nicht einfach nur nach Marktlage zu kaufen, sondern gezielt für die Positionen, für die Bedarf besteht.
Schon fix und vermeldet sind – Stand 27.05. – die Zugänge von David Herold, Enzo Leopold und Daniel Batz. Herold kommt für die Linksverteidigerposition, auf der nach dem Abgang von Luca Netz mit Lukas Ullrich nur noch ein Spezialist unter Vertrag war. Zwar konnten Joe Scally und Fabio Chiarodia bei Bedarf auf dieser Position aushelfen, auch Kevin Diks ist in der Lage, dort zu spielen, wegen der schwankenden Leistungen des U-Nationalspielers Ullrich herrschte hier aber Handlungsbedarf. Herold, der aus der Jugend von Bayern München stammt, hat für den Karlsruher SC 89 Spiele in der Zweiten Liga bestritten. Der 23-jährige Linksfuß galt bei den Badenern als Führungs- und vor allem Mentalitätsspieler.
Das gilt auch für Enzo Leopold. Der zentrale Mittelfeldspieler ersetzt in Sachen Position 1:1 Rocco Reitz. Wie Reitz war Leopold in der vergangenen Saison Kapitän seines Teams (wobei Reitz die Rolle nur wegen der Dauerverletzung von Tim Kleindienst spielen musste). Er ist der zweite Spielführer von Hannover 96, der nach Mönchengladbach wechselt. Weiter gehen die Parallelen mit Lars Stindl allerdings nicht. Leopold ist deutlich defensiver orientiert und nicht annähernd so torgefährlich. In 120 Zweitligaspielen für die Niedersachsen machte er acht Tore. Leopold stammt aus der Jugend des SC Freiburg, die schon viele Bundesligaspieler hervorgebracht hat. In Freiburg schaffte er es in die Regionalligamannschaft, mit der er in die Dritte Liga aufstieg, bevor Hannover ihn unter Vertrag nahm. Nach vier Jahren läuft sein Vertrag dort aus. Es wird für Borussia also keine Ablöse fällig. Wie Rocco Reitz ist Leopold, der im Juli 26 Jahre alt wird, eher von kleinem Wuchs. Er ist zweikampfstark und läuft viel, wenn auch nicht sonderlich schnell.
Daniel Batz ist in höherem Fußball-Alter, er ist 35 Jahre alt, quasi auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Karriere. Nach Jahren als Ersatztorwart in Freiburg und vielen Jahren in der Regionalliga Südwest (Elversberg/Saarbrücken) vertrat er als etatmäßige Nummer zwei den Mainzer Torhüter Robin Zentner in Bundesliga und Europapokal und tat das mit großer Selbstverständlichkeit, wie wir alle beim Gastspiel der Mainzer in Gladbach am 30. Spieltag sehen konnten. Batz hatte entscheidenden Anteil daran, dass Mainz sich aus dem Tabellenkeller befreien und bis auf Platz zehn vorarbeiten konnte. In Gladbach ist er als Ersatz für Moritz Nicolas eingeplant, könnte aber für den Fall, dass Nicolas noch verkauft werden sollte, auch zumindest übergangsweise den Platz im Tor einnehmen, ohne dass man sich Sorgen machen muss. Jan Olschowsky wird vermutlich nicht länger für Borussia spielen, Tiago Pereira Cardoso entweder weiter für die U23 auflaufen oder Erfahrung bei einem anderen Verein, möglichst leihweise, sammeln. Sein Vertrag läuft noch bis 2028.
Noch nicht offiziell vermeldet, aber so gut wie eingetütet hat Rouven Schröder zwei weitere Neuzugänge. Rechtsverteidiger Yukhym Konoplya soll von Schachtjor Donezk kommen. Der Ukrainische Nationalspieler könnte Joe Scally Konkurrenz machen oder ihn ersetzen, je nachdem, ob der US-Amerikaner nach der WM seinen Vertrag in Gladbach verlängert oder ob er den Verein verlässt. Für einen Flügelspieler ist Konoplya eher langsam unterwegs, ist aber technisch beschlagen und kann bei Bedarf auch andere Positionen in der Defensive bekleiden. Der 26-Jährige hat in Donezk noch einen Vertrag bis September, offen ist zurzeit, ob das die Ablösemodalitäten oder Konoplyas Start in Mönchengladbach entscheidend verändern wird.
Während Konoplya den Medizincheck in Gladbach schon absolviert hat, gibt es beim zweiten offenbar schon vereinbarten aber noch nicht vollzogenen Transfer ein kleines Fragezeichen gesundheitlicher Natur. Zento Uno hat sich im letzten Spiel für Shimizo S-Pulse in der J1-League verletzt. Inzwischen heißt es zumindest in den Medien, die Verletzung sei nicht gravierend. Der 22-jährige, wie Leopold Kapitän seines Teams, hat zwar schon Länderspiele für Japan bestritten, steht aber nicht im Kader für die Weltmeisterschaft. Die Ablöse ist mit kolportierten gut 0,5 Millionen Euro überschaubar. Im Mittelfeld dürfte sich der kampfstarke Uno eher auf der defensiveren Sechserposition einordnen, also dort, wo bisher Yannick Engelhardt gespielt hat. Letzterer wird Gladbach aller Voraussicht nach verlassen und zunächst nach Como zurückkehren, von wo Borussia ihn geliehen hatte.
Positiv wertet SEITENWAHL, dass Rouven Schröder bei der Kaderplanung strategisch vorgeht. Die Zeit, in der Borussia Spieler kaufte, nur, weil sie einen Namen hatten und auf dem Markt waren, sind damit hoffentlich vorbei. Schröder hat offenbar die Bedarfe identifiziert und handelt entsprechend. Dass der Verein angesichts der angespannten Finanzen weiter unten im Regal zugreifen muss, war von vorneherein klar. Die Zeit der Millionentransfers und vor allem der Millionengehälter ist erst einmal vorbei. Wichtig scheint, dass es sich bei allen Neuzugängen bzw. Kandidaten bisher um Führungsspieler handelt, die die Mentalität mitbringen, die man im Abstiegskampf – und nichts anderes wird uns in der kommenden Saison blühen – benötigt. In Euphorie angesichts der Umstrukturierung auszubrechen, verbietet sich dennoch. Außer Daniel Batz hat keiner der (wahrscheinlichen) Neu-Borussen Bundesligaerfahrung. Der Schritt von der Zweiten Liga bzw. aus den Ersten Ligen Japans und der Ukraine in die erste Bundesliga st groß. Dass sich die Spieler allesamt schnell akklimatisieren, ist nicht gesagt. Der Umbruch dürfte noch nicht abgeschlossen sein, zumal weitere Abgänge auch von Spielern, die Borussia grundsätzlich gerne halten würde, nicht ausgeschlossen sind. Bei entsprechenden Angeboten dürften Nico Elvedi, Franck Honorat, Joe Scally oder der schon genannte Moritz Nicolas nicht unverkäuflich sein. Eine Top-WM könnte auch Interesse Dritter an Gio Reyna wecken. All diese Spieler müssten gegebenenfalls auch ersetzt werden. Klar ist: Borussia 2026/27 wird anders aussehen als in der vergangenen Saison, wird hoffentlich mitreißenderen Fußball spielen und bestenfalls den Klassenerhalt ein bisschen früher unter Dach und Fach bringen.