Nur Abschluss oder auch Abschuss?

Nur Abschluss oder auch Abschuss?

Es bleibt eine höchst seltsame Saisonplanung der DFL, gerade in einer WM-Saison die Hinrunde bis ins neue Jahr hinüber zu strecken, aber als Resultat trifft die Borussia nun schon zum zweiten Mal im Jahre 2026 auf die TSG Hoffenheim. Konnte man gegen Augsburg die Jahresbilanz insgesamt noch positiv gestalten (5:3 zusammengerechnet), so wird das gegen die Sinsheimer wohl kaum gelingen, nachdem man im Hinspiel auswärts die höchste Niederlage der Ära Polanski kassieren musste. Bis zu diesem Spiel hatte es gar nicht so schlecht für die Borussia ausgesehen. Ja, der Start mit 8 sieglosen Spielen war katastrophal, aber nach 16 Spieltagen war man inzwischen Zehnter mit einer akzeptablen Tordifferenz (-2) und man konnte die leise Hoffnung haben, dass es doch noch eine entspannte Saison im sicheren Mittelfeld werden sollte. Seitdem gab es 17 weitere Spiele, von denen man nur 3 gewinnen konnte, und auch wenn das zum Klassenerhalt 2 Spieltage vor Schluss reichte, hat vor allen Dingen die Art und Weise, wie die Borussia in den meisten Spielen auftrat, starken Zweifel daran aufkommen lassen, ob Eugen Polanski wirklich auf Dauer der richtige Übungsleiter für die Fohlenelf ist. Da zumindest für die Borussia das letzte Saisonspiel sportlich keine Bedeutung mehr hat (Ja, ich weiß, die Fernsehgelder!, aber das scheint den Spielern (nicht nur in Gladbach) dezent am Gesäß vorbeizugehen; zumindest habe ich in der Bundesligageschichte noch kein Team am letzten Spieltag leidenschaftlich kämpfen sehen, um noch von Platz 13 auf 11 zu springen), wird die Trainerdiskussion vermutlich das dominierende Thema im Borussiapark am Samstag sein. Zumindest die Bild-Zeitung versuchte unter der Woche etwas Stimmung für Polanski zu machen, indem sie ein Interview mit Robin Hack veröffentlichte, wo dieser sich für den Trainer aussprach. Aber selbst Hacks Aussagen sind jetzt kein allzu leidenschaftliches Plädoyer für Polanski, der „die Mannschaft so ein bisschen wieder zum Leben erweckt“ habe. Das ist gut und schön, aber ein bisschen wach ist immer noch müde und genauso ist die Mannschaft in vielen Spielen in diesem Jahr auch aufgetreten. Vielleicht hat Puma auch deshalb für das neue Heimtrikot der Borussia ein gähnendes Schlafanzugdesign gewählt.

Natürlich ist der Verein Eugen Polanski zum Dank verpflichtet, der in einer schwierigen Situation Verantwortung übernommen hat, zumindest vorübergehend das Team stabilisieren konnte und letztendlich den Klassenerhalt schaffte, mal ganz abgesehen davon, dass Polanskis absolute Identifikation mit dem Verein nie infrage stand. Und auch das Argument, dass Polanski keine komplette Vorbereitung mit dem Team und damit beschränkte Möglichkeiten hatte, ist berechtigt. Auf der anderen Seite zeigen Urs Fischer in Mainz oder Manuel Baum in Augsburg gerade, wie drastisch man ein Team auch innerhalb einer Saison auf links drehen kann. Andere Beispiele dafür finden sich auch in der Gladbacher Geschichte (Hans Meyer 1999, Lucien Favre 2011). Es ist keine so ganz einfache Entscheidung, die für die Borussia-Verantwortlichen ansteht. Nicht zuletzt wird sich auch zeigen, wie ernsthaft sich Rouven Schröder als Erneuerer in Mönchengladbach etablieren kann. Wagt der Sportdirektor den Bruch mit dem Stallgeruch (Reim des Tages? Schreibt uns!) und installiert „seinen Trainer“ oder passt er sich der allgemeinen „Piep piep piep, wir haben uns alle lieb“-Kuschelatmosphäre am Borussiapark an? Letzteres mag der bequemere Weg sein, ist aber auch riskant. Die Borussia-Geschichte kennt viele Trainer, die den Verein irgendwie vorm Abstieg bewahrten, dann aber noch in der nächsten Hinrunde schon wieder gehen mussten: Jürgen Gelsdorf, Hannes Bongartz, Friedel Rausch, Ewald Lienen, Holger Fach (bei Gert vom Bruch kam die Trennung erst in der übernächsten Spielzeit). Das Risiko ist groß, dass man im Oktober oder November dann auch Eugen Polanski in diese illustre Reihe einordnen muss, wenn man nicht jetzt schon handelt.

Eine erfreuliche Nachricht, die auch wegweisend für die neue Saison sein könnte, ist, dass Tim Kleindienst wohl vor seiner Rückkehr in den Kader steht. Bei aller berechtigten Kritik an Trainer und Mannschaft in dieser Saison darf man nicht unterschlagen, welches Handicap es war, quasi eine komplette Saison ohne die beiden internen Torschützenkönige der letzten beiden Jahre, Hack und Kleindienst, auskommen zu müssen. Vor allem Kapitän Kleindienst wurde nicht nur als Mittelstürmer, sondern auch als Leitfigur schmerzlich vermisst und es wäre ein ganz wichtiges Signal zu sehen, dass der Ex-Heidenheimer wieder völlig fit ist.

Ein letzter Spieltag ist typischerweise auch der Tag der Abschiede. Der Wechsel von Rocco Reitz nach Leipzig stand schon seit geraumer Zeit fest, aber es ist etwas tragisch, dass Reitz ausgerechnet seinen letzten Auftritt im Gladbach-Trikot wegen Krankheit verpassen wird. Wie Rouven Schröder auf der Pressekonferenz klarstellte, wird es auf jeden Fall eine offizielle Verabschiedung von allen Spielern geben, bei denen die Leihe vorerst abgelaufen ist (Tabakovic, Engelhardt, Takei, …), selbst wenn es bei dem ein oder anderen noch Bewegung in Richtung einer erneuten Leihe oder gar Verpflichtung geben sollte. Was andere Stammspieler angeht, so könnte es sowohl für Franck Honorat als auch für Nico Elvedi der letzte Auftritt im Borussia-Park sein (sofern Honorat nach seiner lustlosen Vorstellung in Augsburg spielen darf), aber da es bislang Absichten, aber keine harten Fakten bezüglich eines Wechsels gibt, werden die Blumen wohl vorerst in der Vase bleiben. Dass Borussia selbst sich gern von einigen Spielern trennen würde (Neuhaus, Omlin, Cvancara …), ist kein Geheimnis, aber auch da gibt es bislang nichts Konkretes zu vermelden. Ziemlich sicher ist hingegen, dass Linksverteidiger David Herold vom Karlsruher SC im nächsten Jahr in Mönchengladbach spielen wird.

Im Kader für das Spiel am Samstag wird der gesperrte Castrop weiter fehlen, aber immerhin steht Haris Tabakovic wieder zur Verfügung, der pikanterweise seinem Stammverein Hoffenheim die Champions-League-Teilnahme verderben könnte. Denn im Gegensatz zur Borussia steht für die TSG noch einiges auf dem Spiel. Nur 5 Tore trennen die Kraichgauer zurzeit vom begehrten vierten Tabellenplatz. Nach einer Schwächephase in der Rückrunde (mit Punktverlusten u. a. gegen Köln, St. Pauli und Wolfsburg), in der man vom dritten auf den sechsten Rang zurückfiel, hat sich die TSG mit 10 Punkten aus den letzten 4 Spielen zumindest ergebnistechnisch wieder berappelt, auch wenn man sich bei Spielen wie dem 1:0 gegen 10 Bremer in der Vorwoche eher schwertat.

Funfact: Bei den letzten 14 Besuchen der Hoffenheimer im Borussiapark blieb keine der beiden Mannschaften jemals torlos und da letzte Bundesligaspieltage traditionell torreich sind, stehen die Chancen für eine unterhaltsame Partie ganz gut. Man kann nur hoffen, dass die Aussicht auf einen positiven Ausklang der Spielzeit und auch die Möglichkeit, den Hoffenheimern die CL-Chance zu nehmen, Motivation genug für die Fohlenelf sind (erwähnte ich schon die Fernsehgelder?), sich noch mal zu einer anständigen Leistung zusammenzureißen. Auf die Bewertung der gesamten Saison samt daraus folgender Konsequenzen sollte die Partie eher wenig Einfluss haben.


Seitenwahl-Prognose

Claus-Dieter Mayer: Da Stuttgart in Frankfurt schnell für klare Verhältnisse sorgt, ist das Spiel auch für Hoffenheim bald bedeutungslos. Das 2:2 nach nettem Sommerfußball wird eine Randnotiz in dieser Saison bleiben.

Christian Spoo: Was muss passieren, damit diese Mannschaft noch mal alles reinwirft? Wir wissen es nicht, Eugen Polanski weiß es nicht und wir werden es nie erfahren. Es sei denn, die Mannschaft ist nächste Saison doch noch mehr oder weniger die gleiche. Hoffenheim gewinnt ohne großen Aufwand mit 2:0.

Michael Heinen: Durch ein 1:1 im letzten Saisonspiel bleibt Borussia immerhin vor dem Effzeh und verhindert den Einzug der TSG in die Champions League. Ansonsten sind wir einfach nur froh, dass erneut eine deprimierende Saison vorbeigegangen ist. Damit wir uns in 12 Monaten nicht erneut so fühlen wie fast immer in den letzten Jahren, muss sich in den kommenden Wochen einiges ändern.

Mike Lukanz: Die Luft ist raus, die Stimmung in der Mannschaft nicht optimal & der Gegner ist nicht nur besser, sondern muss auch unbedingt gewinnen. Die Saison endet mit einem deprimierenden 0:3.

Kevin Schulte: Stuttgart geht gegen die Eintracht in Führung und zeigt Hoffenheim, das die CL schwierig wird. Daraus entsteht ein 2-2 Sommerkick im Noch-nicht-Ista-Borussia-Park.

Michael Oehm: Ohne Reitz und ohne Castrop, mithin gleich zwei von den wenigen Spielern, die fast durchgängig immerhin versucht haben, sich zu wehren (ja, ich weiß, das ist schon sehr relativierend, alles), also, da wird man von dieser Mannschaft wenig erwarten. Immerhin: Oft schon, wenn man nichts von dieser Mannschaft erwartete, wurde man doch positiv überrascht. Beim 1:1, bei dem sogar das berühmte "mehr" drin gewesen wäre, ist das der Fall. 

Die Bilder der Saison