Nach dem kollektiven Aufatmen über den gesicherten Klassenerhalt führt Borussia beim 1:3 in Augsburg noch einmal allen Fans und Verantwortlichen vor Augen, wie man überhaupt in die zwischenzeitlich existenzbedrohende Situation geraten konnte. Unvermeidlich bleibt dabei auch die Trainerfrage.
„Die Saison vernünftig abschließen“, „nicht herunterfahren“, „ohne Druck aufspielen“ – solche und ähnliche Phrasen, der Verweis auf wichtige TV-Gelder, bis zum Donnerstag gar die abenteuerliche Idee von einer Mini-Chance auf den europäischen Wettbewerb, gingen am Borussia-Park um. Allesamt verbunden mit der Hoffnung, dass die Partie gegen (zugegebenermaßen eher schläfrige) Dortmunder dann doch endlich das wahre Gesicht einer Borussen-Mannschaft gezeigt hatte, die sich trotz der Drucksituation am Ende selbstständig und mit Überzeugung aus dem Abstiegskampf befreien konnte.
Nun, das wahre Gesicht haben wir bekommen. Und das gleicht eher einer hässlichen, aber sehr vertrauten Fratze, die viele Begriffe in sich vereint, die auf „-losigkeit“ enden.
Aber von Anfang an: Das Spiel beginnt mit Borussia in überwiegendem Ballbesitz, gefällig, aber ohne den großen Druck aufs gegnerische Tor. Augsburg, obwohl noch mit ernsthaften Chancen auf einen Platz in Europa, ging es dagegen eher gemächlich an. So war eine sehenswerte Direktabnahme von Stöger, die das Tor von Finn Dahmen knapp rechts verfehlte, noch die einzig nennenswerte Aktion in der Anfangsphase. Bezeichnend für Borussia in diesem Spiel (und großen Teilen der Saison, ja der letzten Jahre), dass Augsburg wenig später gleich mit seiner ersten Offensivszene zuschlug – und gewissermaßen das Spiel schon in diesem Moment entschied. Eine einfache Verlagerung auf die halblinke Position entblößte Borussias Defensive, der zuvor verletzungsbedingt eingewechselte Fellhauer schloss aus spitzem Winkel ab, Borussia-Experte Gregoritsch verwandelte den Rebound nach der Nicolas-Parade. Entscheidend hier das nicht vorhandene Abwehrverhalten von Honorat, der trotz seiner Rolle als rechter Schienenspieler nicht mitgelaufen war. Ein Verhalten, das für sich genommen schon eine sofortige Auswechslung gerechtfertigt hätte. Statt darauf auf oder neben dem Platz zu reagieren, veränderte Borussia aber zunächst gar nichts – und kassierte über die rechte Abwehrseite kurz darauf das zweite, allerdings zurückgenommene Tor, ließ sich in der Folge erneut vor allem dort wiederholt ausspielen und ermöglichte Fellhauer kurz vor der Pause schließlich seinen Treffer zum 2:0.

Den Spielverlauf ausschließlich an der bescheidenen Leistung eines Franck Honorat festzumachen, wäre angesichts des auch ansonsten von taktischer und spielerischer Hilflosigkeit geprägten Gladbacher Auftritts ab der 25. Minute unzutreffend. Dennoch ließ die Vorstellung des Franzosen auch den wohlmeinendsten Borussia-Fan fassungslos zurück. Nicht nur verweigerte er den Großteil seiner Defensivarbeit, sondern agierte auch offensiv undynamisch, technisch unsauber und wirkte generell mental abwesend.
Über die Motive lässt sich nur rätseln, doch ähnliche Tendenzen zeigte er bereits in einigen Spielen der Saison. Als zweifellos einer der besten Fußballer im Kader ist Borussia nicht nur statistisch stark abhängig von seinen Vorlagen und Tempoläufen, doch in dieser Verfassung spielt die Mannschaft fast mit einem Mann weniger. Man kann nur spekulieren, ob dieses Phlegma sportliche oder persönliche Gründe hat, oder gar ein Wechsel im Sommer erzwungen werden soll. Es ist aber fast genauso wenig erklärbar, dass der Trainer ihn immer wieder über längere Strecken auf dem Platz lässt. So reagierte Polanski auch jetzt erst in der Pause und erlöste den Franzosen, brachte dafür mit Lukas Ullrich ein anderes aktuelles Sorgenkind.
Die zweite Halbzeit ist schnell beschrieben. Borussia bekam wieder mehr Ballbesitz, bemühte sich auch um Abschlüsse, blieb aber harmlos. Augsburg tat insgesamt wenig - das aber reichte für ein Abseits-Tor nach Ecke und schließlich das 3:0. Hier patzte nun auch Borussias bester Spieler (und möglicherweise auch Deutschlands bester Torwart) – Moritz Nicolas schien in der Szene von der Passivität seiner Vorderleute so überrascht, dass er den recht zahmen Schuss von Kömür zu wem – na klar – dem „Gregerl“ abwehrte.
Borussia schoss noch ein Tor durch Giovanni Reyna, der wie seine ebenfalls eingewechselten Kollegen Hack und Bolin zumindest zeigte, dass doch noch etwas fußballerisches Potenzial in der Truppe schlummert. Gefährlich wurde man dennoch zu selten, aus rund einem halben Dutzend aussichtsreicher Szenen, mit denen Teams mit Durchschlagskraft wohl 2 bis 3 Tore erzielt hätten, produzierte Borussia nur Abstöße und Ballverluste. So verliert man am Ende ohne die ganz große Gegenwehr klar mit 1:3 gegen einen Gegner, der nicht den Eindruck erweckt hatte, wirklich alles abrufen zu müssen. Und auch diese Form der Selbstaufgabe ist kein wirklich neues Phänomen.
Angesichts fehlender Torgefahr und Mentalitätsanmutung mag nicht geholfen haben, dass Leih-Goalgetter und Dortmund-Held Tabakovic kurzfristig aufgrund einer Muskelverletzung passen musste. Shuto Maschino wusste eine erneute Chance von Beginn an nicht zu nutzen. Der Japaner wirkt weiterhin wie ein Fremdkörper, trifft bei seinen wenigen Ballkontakten zumeist die falsche Entscheidung und strahlt mitunter Resignation aus. Vor allem Letzteres ist allein dem Spieler anzukreiden und hilft seinem Standing bei Fans und Verantwortlichen kaum – doch muss hier auch über den Umgang des Trainerteams mit dem teuersten Transfer des Sommers (an dieser Stelle verzichtet der Autor darauf, die Posse um Ausstiegsklauseln, Fristen und Geschäftsführungskompetenz wieder herauszukramen) gesprochen werden.
Maschino ist kein Stoßstürmer und kann seine in Kiel vielfach gezeigten Qualitäten als zweite oder teilweise hängende Spitze nicht zur Geltung bringen. Dennoch kam er diese Saison nahezu ausschließlich in der zentralen Rolle zum Einsatz und verhungerte letztlich auch an einem Offensivdefizit, durch das selbst ein Tabakovic viel zu selten mit brauchbaren Bällen versorgt wurde. Es wirkt leider so, als ob auch hinter Maschinos Verpflichtung, wie so oft in der Ära Virkus, kein echter Plan stand – Kleindienst hätte er nicht ersetzen können, eine echte zweite Spitze war schon unter Seoane nicht vorgesehen und für die Flügel waren andere Spieler eingeplant. So fand er bislang weder einen richtigen Platz in der Mannschaft noch ansatzweise Spielrhythmus – was bleibt, ist ein Angreifer im mentalen Dauertief, dem fast nichts gelingen will.

Angesichts dieser Erfahrungen wirkt es umso irritierender, dass Trainer Polanski nun, in dieser späten Saisonphase, hart gegen den Japaner austeilte und ihm (neben seiner Körpersprache) vorhielt, seine Startelfchance verschenkt zu haben. Nach der Partie war dies nicht sein einziger Angriff gegen die eigene Mannschaft, die er nunmehr ein Dreivierteljahr trainiert und bei Fragen nach deren Charakter (bis zur diesjährigen Mitgliederversammlung, als er erstmals von „fehlenden Arschlöchern“ sprach) stets verteidigt hatte. Auch Rocco Reitz, der sich auch in Augsburg als einer der wenigen aufrieb und trotz seiner anhaltenden Glücklosigkeit im Abschluss noch eine ordentliche Partie machte, schlug in die Kerbe "Mentalität" – ließ aber ebenso durchblicken, dass es im Verein grundsätzlich an Erklärungen fehlt, warum die Truppe sowohl individuell (wie bei den Beispielen Honorat und Maschino) als auch als Ganzes wenig bis keine Resilienz besitzt.
Rat- und Hilflosigkeit also beim scheidenden Ersatzkapitän, allen voran aber beim Cheftrainer: Es habe für das Spiel doch der gleiche Plan gegolten wie für das gute Heimspiel gegen Dortmund. Warum davon in Augsburg nichts mehr zu sehen war, konnte Eugen Polanski auch auf Nachfrage nicht beantworten.
Und so rückt die Rolle des Trainers nun entscheidend in den Fokus – geht es mit Polanski weiter oder nicht? Eine zunehmende Dünnhäutigkeit in Bezug auf die Zukunftsfrage ist beim Viersener spürbar, diesmal beim Interview mit Sky („Habe ich Vertrag oder nicht?“). Auch die immer ungeschminkteren Attacken gegen die eigene Mannschaft lassen eigentlich nur drei mögliche Schlüsse zu:
1) Sein Verbleib ist so in Stein gemeißelt, dass er im Rahmen der Kader(um)planung beginnt, eigene Vorstellungen deutlicher zu machen;
2) Er weiß bereits, dass sich die Wege trennen werden, und möchte die Verantwortung von sich auf die Mannschaft und Kaderstruktur verlagern;
3) Er ist sich seiner Situation selbst nicht sicher und spürt den wachsenden Druck;
Egal welche Version oder in welcher Ausprägung: Auch Sportchef Rouven Schröder muss jetzt aufpassen, dass nach seinen vielen warmen Worten für Fans und Verein nun die angekündigte, harte Saisonanalyse den Namen auch verdient – und nicht in ähnlich wachsweichen Pseudo-Ergebnissen endet, mit denen sein Vorgänger die Sommerpausen in den letzten drei Jahren abschloss. Ist doch klar.
Fakt ist: Sportlich hat der Bundesliga-Novize Polanski seine Mission Klassenerhalt erfüllt. Gleichzeitig ist spätestens nach dem Augsburg-Spiel offensichtlich: In Bezug auf Spielweise und Einsatzbereitschaft der Mannschaft, aber auch den Punkteschnitt seit dem Trainerwechsel, steht Borussia wieder ganz genau dort, wo sie beim Abgang von Seoane und Virkus stand. Ob das noch eine Aussicht ist, guten Gewissens in eine weitere Saison zu gehen, ohne von Beginn an zu den Top-Abstiegskandidaten zu zählen? Das ist die große Frage, die das neue sportliche Führungsteam um Rouven Schröder nun beantworten muss.