Charakterwochen

Charakterwochen

Borussia Mönchengladbach hat am vergangenen Wochenende mit einem überraschenden Sieg gegen Borussia Dortmund den Klassenerhalt gesichert und kann entspannt in die letzten beiden Spiele in Augsburg und daheim gegen den sympathischen Traditionsverein aus dem Kraichgau gehen. Auf den ersten Blick ist das natürlich uneingeschränkt positiv zu bewerten. Hätte man nach dem 8. Spieltag, als der Verein sieglos und mit 3 Punkten auf dem Konto am Tabellenende stand, die Perspektive eines 2 Spieltage vor Saisonende gesicherten Klassenerhalts aufgezeigt, hätten das wohl alle Beteiligten unterschrieben.

Trotzdem und trotz der wirklich sehr ordentlichen Leistung gegen Borussia Dortmund herrscht in Mönchengladbach keine Euphorie. Das hat Gründe. Die liegen im holprigen Saisonverlauf, in den schwachen Leistungen gegen Mannschaften auf Augenhöhe wie Heidenheim, Mainz und Wolfsburg, in durch Passivität und Blackouts verschenkten Siegen – z.B. in Köln, gegen Heidenheim und Mainz – sowie ganz allgemein in dem Umstand, dass die Mannschaft im Verlauf der Saison keine so rechte Entwicklung erkennen ließ. Auch das – wie gesagt sehr ordentliche – Spiel gegen Dortmund macht es nicht besser – im Gegenteil, hinterlässt dieses Spiel doch die Frage „Wo stünden wir, wären wir immer so aufgetreten?“.

Deshalb werden im Umfeld deutliche Zweifel an der aktuellen personellen Konstellation sehr offen formuliert, die über die laufende Saison hinausweisen. Ist es richtig, mit Eugen Polanski als Trainer in die neue Saison zu gehen? Wer aus der aktuellen Mannschaft wird im August noch da sein und vor allem – wer eignet sich für einen Turnaround, wer eignet sich als Gesicht, als Identifikationsfigur, als Projektionsfläche für diesen Turnaround? Wird es Rouven Schröder gelingen, mit wahrscheinlich sehr beschränkten Finanzmitteln eine neue, andere Borussia zu bauen? Wie sehr stehen Beharrungskräfte im Verein dem entgegen? Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn Roland Virkus und Steffen Korell weiter für den Verein tätig sind?

Keine dieser Frage wird in Augsburg beantwortet werden können. Auf viele der Fragen wird es auch keine eindeutige, vor allem keine objektive Antwort geben, weil die Beurteilung vom Standpunkt des Betrachters abhängig ist. Die Mannschaft kann aber ihrem Trainer helfen, sie kann dem Sportdirektor helfen und sich kann vor allem sich selbst helfen, wenn sie in den letzten beiden Spielen die Charakterfrage beantwortet, Auftritte wie gegen Dortmund zeigt und die Saison gerade nicht austrudeln lässt. Ein solches Gesicht zu zeigen, ist für die Zukunft wahrscheinlich wichtiger als die ebenfalls wichtigen Auswirkungen jedes Tabellenplatzes weiter oben auf die Fernsehgeldtabelle.

Das Spiel in Augsburg geht Borussia ohne die gesperrten Castrop und Elvedi an. Damit stellt sich die Defensive mit Nicolas, Chiarodia, Diks und Sander im Grunde von selbst auf. Auf der Außenbahn hat der Trainer links die Auswahl zwischen Ulrich und Scally, rechts zwischen Scally und Honorat. Vor der Abwehr spielen zweifellos Reitz und Engelhardt. Vorne hängt viel davon ab, wie sich Polanski bei der Besetzung der Außenbahnen entscheidet. Spielt Honorat auf der Schiene, fängt Mohya an, ansonsten dürfte wohl Honorat weiter nach vorne. Auf der anderen Seite dürfte Stöger die Nase vorn haben im Vergleich zu Bolin. Tabakovic ist ohnehin gesetzt, sofern spielfähig.

Augsburg hat sich in der Rückrunde gut entwickelt, kann theoretisch mit Erfolgen in den letzten Spielen sogar noch Frankfurt und Freiburg überflügeln und Rang 7 und damit Europa erreichen. Der Aufschwung wird getragen von der Wiederentdeckung der „Augsburger Tugenden“, dem Wiedererstarken des Spielmachers Claude-Maurice und auch  dem Einschlagen der Winterverpflichtung Gregoritsch, der sofort an seine erste Augsburger Zeit anknüpfen konnte. Dem entsprechend wird Gladbach ein unangenehmer und voll motivierter Gegner erwarten. Folgt eine Leistung wie gegen Dortmund, aber auch kein unschlagbarer Gegner.

 

Der SEITENWAHL-Tipp:

Uwe Pirl: Anders als im letzten Jahr klappt es mit dem Charakter. Die Motivation stimmt, die Angst ist weg. Borussia spielt befreit und gewinnt 3:1.

Michael Heinen: Ohne Cvancara ist in Augsburg leider nichts zu holen. Borussia verliert mit 1:2.

Christian Spoo: Die Fernsehgeldtabelle ist für Fußballer weniger greifbar als die Frage „absteigen oder drinbleiben“. Entsprechend zeigt Borussia nicht das Gesicht vom vergangenen Sonntag und verliert in Augsburg mit 1:2.

Mike Lukanz: Ach, wisst ihr was? Jetzt ist eh alles egal. Borussia spielt auf einmal befreit auf und gewinnt recht souverän 3:1.

Michael Oehm: Das wird so ein „alles egal“-Unentschieden. Und den Fernsehgeldtabellenjüngern sei gesagt: 7,5 Millionen sind nicht mal ein Hannes Wolf. Man sieht, ich bin milde gestimmt.

Die Bilder der Saison