Advantage Wolfsburg

Advantage Wolfsburg

Der 24. September 1995 war für Michael Stich ein ganz besonderer Tag. In der Moskauer Olympiahalle traf er im entscheidenden Spiel des Davis-Cup-Halbfinals auf Andrej Tschesnokow. Insgesamt neun Matchbälle boten sich dem Elmshorner, der aber alle ungenutzt ließ. So ging die Partie nach über vier Stunden auf tragische Weise verloren und Deutschland war mit seinen beiden Superstars Becker/Stich trotz 2:0-Führung ausgeschieden. Mit vergebenen Matchbällen kennt sich auch die Mönchengladbacher Borussia in dieser Saison aus. Schon am 20. Spieltag hätte sie sich mit einem Auswärtssieg in Bremen vom direkten Konkurrenten absetzen können. Mit mehr als machbaren Siegen über Köln, Heidenheim oder Mainz wäre der Klassenerhalt schon jetzt so gut wie sicher erreicht. All diese Matchbälle verspielte die Mannschaft von Eugen Polanski fahrlässig. Am kommenden Samstag bietet sich ihr die nächste Chance, mit einem Sieg bei der heimschwächsten Mannschaft der Liga Planungssicherheit zu erlangen. Sollte auch diese nicht genutzt werden und parallel der FC St. Pauli seine Partie beim Tabellenletzten aus Heidenheim gewinnen, so droht dagegen ein ähnlich tragisches Szenario wie es einst Michael Stich im Davis-Cup erleben musste.

Zugegeben: Selbst in diesem schlechtesten aller Szenarien wäre die tabellarische Ausgangslage immer noch weit besser als man es sich am 8. Spieltag erträumt hätte, denn auch die Konkurrenz aus Hamburg, Bremen und Wolfsburg hat in den kommenden Wochen noch einige schwierige Aufgaben vor der Brust. Gerade in der Endphase einer Saison ist aber die psychologische Komponente oft wichtiger als etwaige Restprogramme oder Statistiken. Wenn eine Mannschaft mehrfach entscheidende Matchbälle auslässt und sich nur durch die noch schlechteren Resultate der Konkurrenz in eine komfortabel scheinende Tabellenlage rettet, dann ist es brandgefährlich, wenn diese Konkurrenz auf einmal anfängt, überraschend zu punkten. Es spricht nach den gezeigten Leistungen der bisherigen Saison zwar wenig dafür, dass der FC St. Pauli noch zwei oder der VfL Wolfsburg gar drei seiner letzten vier Partien gewinnen wird. Die Bundesliga-Historie hat aber oft genug gezeigt, dass solche „Wunder“ in der Endphase einer Saison möglich sind. Erinnert sei an die eigenen Erfahrungen der Borussia, z. B. in der Saison 2010/11 oder 1997/98. Damals, am 9. Mai 1998 rettete sich die Fohlenelf am allerletzten Spieltag durch einen 2:0-Erfolg beim VfL Wolfsburg.

An derselben Stelle wird es am Samstag darum gehen, erneut mindestens zu punkten. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, dann dürften beide Kontrahenten mit exakt der gleichen Mannschaft in die Partie starten wie am vergangenen Wochenende. Dieter Hecking wird seine erstmals erfolgreiche Mannschaft vermutlich nicht ändern wollen. Lediglich hinter Torhüter Grabara und Verteidiger Koulierakis stehen noch kleinere Fragezeichen aufgrund muskulärer Probleme. Eugen Polanski hat keine großen Möglichkeiten, seine Mannschaft besser aufzustellen, nachdem die Einwechselungen gegen Mainz einen deutlichen Qualitätsverlust offenbart haben. Haris Tabakovic hätte nach inzwischen sieben torlosen Spielen in Folge eine Auszeit verdient. Der Versuch, ihn durch Machino zu ersetzen, ging aber gegen Heidenheim gehörig schief. Solange Robin Hack nicht ausreichend fit ist, dürfte der Bosnier daher weiterhin vorne gesetzt sein. Die Torgefahr des Ex-Bielefelders könnte allerdings auch bei einem Kurzeinsatz wertvoll sein, da Borussia in der Offensive durch die Formschwäche von Honorat und Tabakovic keinen wirklich abschlussstarken Spieler mehr vorweisen kann.

Wichtiger als die richtige Aufstellung wird erneut die Einstellung sein, mit der Borussia in die Partie geht und die sie vor allem ausnahmsweise einmal auch bis zum Schlusspfiff beibehalten sollte. Für Angsthasenfußball und Ergebnisverwaltung gibt es beim zweitschwächsten Team der Liga keinen Anlass. Hier muss sich insbesondere der Trainer hinterfragen, warum seine Mannschaft selbst gegen schwache Gegner immer wieder den Rückwärtsgang einlegt und so zahlreiche Punkte unnötig verschenkt. Die seit Wochen kursierende Trainerdiskussion hat sich Eugen Polanski auf diese Weise selbst eingebrockt. Auch die Seitenwahl-Redaktion ist inzwischen zur Überzeugung gekommen, dass der Umbruch in der kommenden Saison mit einem neuen Übungsleiter vollzogen werden sollte. Sollte Borussia in Wolfsburg wieder so auftreten wie gegen Heidenheim oder in der letzten halben Stunde gegen Mainz, müsste ggf. schon vorher über eine Ablösung nachgedacht werden. Unser Wunsch wäre allerdings, den Klassenerhalt gemeinsam mit Polanski zu erringen und anschließend im Zuge der obligatorischen Saisonanalyse einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. Dafür wäre ein Sieg, mindestens aber ein Punktgewinn, in der Autostadt wichtig.

Rein statistisch sind die Voraussetzungen hierfür gegeben: Zuhause setzte es für die Wolfsburger in den letzten fünf Partien jeweils knappe, aber verdiente Niederlagen, die die bestehende Heimphobie in dieser Saison untermauerten. Mit neun Punkten sind sie das absolute Schlusslicht in der Heimtabelle. Selbst im Pokalspiel gegen Holstein Kiel schied man in der Volkswagen-Arena kläglich aus.

Aber wie eingangs dargestellt: In der Saisonendphase schlägt Psychologie oftmals Statistiken. Durch den 2:1-Erfolg in Berlin hat die zuletzt massiv verunsicherte Mannschaft wieder Selbstbewusstsein getankt und den Glauben an den Klassenerhalt zurückgewonnen, wodurch die Elf gegenüber den seit vier Spielen sieglosen Gladbachern psychologisch im Vorteil sein könnte. In den Wochen zuvor war Wolfsburg schon einige Male auf einem guten Weg zum ersten Rückrundensieg. In Hoffenheim und Leverkusen lagen sie jeweils in Führung, die sie durch eine indiskutable zweite Halbzeit verspielten. Im dritten Anlauf ist es endlich gelungen, was im (aus VW-Sicht) Optimalfall einem Befreiungsschlag aus der zuvor beinahe ausweglos scheinenden Lage gleichkommen könnte. Gut möglich, dass die Mannschaft sich jetzt in den letzten Spielen doch noch einmal zusammenreißt und all das zeigt, was sie in der bisherigen Saison hat vermissen lassen. Ebenso gut möglich erscheint es aber, dass der mit 0,19xG glücklich zustande gekommene Sieg bei den nicht minder formschwachen Berlinern nur eine Eintagsfliege gewesen ist. Wenn eine Mannschaft in 30 Partien lediglich 24 Zähler holt, dann hat dies Gründe und dann spricht vieles dafür, dass die Qualität eben doch nicht so hoch ist wie sie auf dem Papier oder in irgendwelchen zusammengewürfelten Marktwert-Statistiken zu sein scheint.

Der Wolfsburger Kader mag individuell über einige klangvolle Namen verfügen. Spieler wie Eriksen, Gerhardt oder Arnold sind aber inzwischen weit über ihren Zenit hinaus. Viele Spieler vermitteln zudem den Eindruck, das Schicksal der Werksmannschaft berühre sie nur äußerst peripher. Altmeister Dieter Hecking ist es bislang nicht gelungen, die Teamdynamik zu verbessern. Der Punkteschnitt ist mit vier aus fünf Spielen unter ihm ähnlich desolat wie unter seinen beiden Vorgängern dieser Saison. So droht dem einstigen Gladbach-Coach der zweite Abstieg in Folge, nachdem er zuletzt schon beim VfL Bochum krachend gescheitert war. Seit seinem Abgang aus Mönchengladbach 2019 hat er in Hamburg, Nürnberg, Bochum und bis jetzt in Wolfsburg glück- und erfolglos agiert. Warum eigentlich kann man nicht anerkennen, dass die Zeit auch für ehemalige Erfolgstrainer irgendwann einmal vorbei ist?

Dem Menschen Dieter Hecking wäre es zu wünschen, dass er seine große Karriere doch noch mit einem erfreulichen Abschluss krönen könnte. Dies muss aber nicht ausgerechnet bei einem der überflüssigsten Vereine im deutschen Profifußball gelingen. Dem Verein aus Wolfsburg, der seit inzwischen 29 Jahre in der höchsten Spielklasse verweilt, würde kaum ein Fußballfan eine Träne hinterherweinen. Borussia hat es in der Hand, den nächsten Matchball in der Volkswagen-Arena zu verwandeln und so gleichzeitig die Weichen für den eigenen Klassenerhalt und den Wolfsburger Abstieg zu stellen.

So könnten Sie spielen

Wolfsburg: Grabara – Belocian, Vavro, Koulierakis – Maehle, Vinicius Souza, Eriksen, Wimmer, Zehnter – Amoura, Pejcinovic

Borussia: Nicolas - Sander, Elvedi, Diks - Scally, Engelhardt, Reitz, Stöger, Castrop - Bolin, Tabakovic

So tippt die Seitenwahl-Redaktion

Michael Heinen: „In Wolfsburg ist von einem 1:5 wie im Vorjahr bis zu einem 5:1-Auswärtssieg alles möglich. Wenn Borussia den Abstiegskampf annimmt und sich nicht auch beim zweitschwächsten Team der Liga ohne Not in die eigene Hälfte einigelt, sollte mindestens ein Punkt erreicht werden. Leider ist Borussia aber Borussia und verliert somit unglücklich 1:2.“

Mike Lukanz: „Ich wünsche mir einen Sieg, befürchte eine Niederlage und tippe auf ein räudiges 0:0.“

Christian Spoo: „Borussia ist außer sich, Wolfsburg wieder bei sich. Nach der 0:4-Niederlage schaltet Gladbach in den Panikmodus.“

Kevin Schulte: „Wolfsburg ist individuell klar besser besetzt und Borussia zu instabil, um Mentalität entgegenzusetzen. Die 1:3-Pleite am Mittellandkanal lässt alle Alarmglocken schrillen.“

Uwe Pirl: „Mühsam nährt sich Borussia. Das äußert unansehnliche 1:1 in Wolfsburg bringt und wieder einen kleinen Schritt Richtung Klassenerhalt, ohne dass darin ein Befreiungsschlag liegt."

Michael Oehm: „Was mir wirklich Angst macht: Wenn ein System nicht funktioniert, muss man etwas am System ändern. Es ist nahezu egal, was man ändert, Hauptsache, es ändert sich etwas. Denn wenn man nichts ändert, wird das System weiterhin nicht funktionieren. Borussia hat verkündet, dass man bis zum Ende der Saison nichts ändern will. Wagenburgmentalität. Zusammenstehen. Das ist fatal. Das ist falsch. Und es wird das 3:0 für Wolfsburg erklären.“

 

Die Bilder der Saison