Zu wenig Weltklasse, zu viel Zweitklassigkeit

Borussia taumelt weiter durch die Saison und kassiert bei der Betriebsmannschaft des Red-Bull-Konzerns eine erwartete, insgesamt verdiente, aber im Rückblick auch ärgerliche 0:1-Niederlage. Durch die Niederlagen der Konkurrenz aus St. Pauli und Wolfsburg hat sich die Situation zumindest nicht weiter verschlimmert.

An dieser Stelle können wir nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob Moritz Nicolas das sogenannte „Fachmagazin“ aus Nürnberg liest - oder andere Boulevardmedien ähnlichen Niveaus. Vielleicht hat Nicolas durchaus registriert, dass der Opa im Tor des FC Bayern München unter der Woche ein für sein inzwischen überschaubares Leistungsniveau auffällig gutes Spiel gegen Real Madrid abgeliefert hatte und fühlte sich dadurch inspiriert. Denn das, was Borussias Nummer eins am Samstagnachmittag auf den Platz zauberte, war mindestens auf dem gleichen Niveau wie das von Neuer in der spanischen Hauptstadt. Wenn der angeschlagene Tabellen-13. beim formstarken Dritten spielt, braucht es per se außergewöhnliche Leistungen, um zu punkten. Und so hielt Nicolas alles (und noch mehr), was zu halten war. Es war eine herausragende Torwartleistung. 

Dass es am Ende dennoch nicht reichte, lag und liegt am Leistungsgefälle im Kader (und im Verein) Borussia Mönchengladbach. Schon mehrfach haben wir an dieser Stelle moniert, dass es jede Woche andere Spieler sind, die nicht ihr Leistungslimit abrufen. Die Erkenntnis ist, dass selbst dieses Limit oft nicht bundesligatauglich ist. 

Eugen Polanski, nach dem müden 2:2 gegen den 1.FC Heidenheim in der Woche zuvor auch medial inzwischen angezählt, tat in Leipzig das, was er so oft tut: er wechselte munter durch. Einmal mehr gab es eine veränderte Startaufstellung. Nachdem Haris Tabakovic, mittlerweile in 15 der letzten 18 Spiele ohne Treffer, im besagten Heimspiel noch überraschend auf der Bank saß, erhielt er diesmal wieder den Vorzug vor Shuto Machino. Der Japaner, Stichwort Bundesligatauglichkeit, liefert zum Leidwesen aller bei keinem Einsatz Argumente, an der Reihenfolge im Sturm dauerhaft etwas ändern zu müssen. In einem Heimspiel gegen den Tabellenletzten aber auf einen behäbigen und langsamen Strafraum- und Stoßstürmer zu verzichten, während man bei einem erwartbaren Defensiv- und Konterauftritt wiederum genau darauf setzt, ist eines der taktischen Rätsel, das wohl nur Polanski zu beantworten in der Lage ist. Vielleicht wusste er auch, dass Tabakovic am Samstagabend noch flugs von Leipzig nach Mainz reisen musste, weil er dort ebenso überraschend der Gast im „Aktuellen Sportstudio“ war. 

Wie dem auch sei, Tabakovic tat in Leipzig das mittlerweile Bekannte: Zweikämpfe verlieren, und das reihenweise. Es ist und bleibt ein Rätsel, wie unfähig der mittlerweile bosnische Nationalheld (Ciao, Italia!) scheint, seinen Körper einzusetzen, wenn es mal nicht nur darum geht, mit dem Kopf den Ball Richtung Tor zu befördern. Borussia hat faktisch einen Mann weniger auf dem Feld, denn Tabakovic fällt als Anspielstation fast ausnahmslos aus. Und auch hier sollte sich Polanski mal hinterfragen, warum er es vor diesem Hintergrund nach wie vor für eine gute Idee hält, lange Bälle aus der Abwehr Richtung Tabakovic zu schlagen, die in 99% der Fälle postwendend zurückkommen bzw. beim Gegner landen. 

Positiv zu erwähnen ist, dass Polanski nach rund 30 Minuten ein Einsehen mit dem jungen Lukas Ullrich hatte, der gegen Leipzigs Yan Diomande überforderter war als Katharina Reiche im Wirtschaftsministerium. Dazu kamen üble Stellungs- und Passfehler, so dass Ullrich unter Tränen erlöst wurde. Für ihn kam Hugo Bolin, der im Duett mit Kevin Diks besagten Diomande halbwegs unter Kontrolle hatte (falls Friedrich Merz hier mitliest: Nein, weder Hugo Bolin noch Kevin Diks können das Wirtschaftsministerium leiten). Bis zur 81. Minute, denn da hatte Diomande das Vergnügen, seine internationale Klasse gegen die Zweitklassigkeit eines Joe Scally unter Beweis stellen zu dürfen, der nicht zum ersten Mal so lange staunend und passiv zuschaute, bis Diomande einfach den Ball zum Treffer des Tages unhaltbar für Nicolas ins Tor schoss. 

Geschätzte SEITENWAHL-Leser wissen mittlerweile, dass ich am Tag nach einem Spiel meist auf die chronologische Nacherzählung des Spielverlaufs verzichte. Das kann man a) überall anders schneller und besser und b) gehe ich davon aus, dass der Großteil das Spiel sowieso live, im TV oder in der Nachberichterstattung im TV gesehen hat. 

Machen wir uns nichts vor: Das mit viel unlauterem Konzerngeld gepimpte Konzern-Konstrukt aus Leipzig war die bessere Mannschaft, hatte mehr große Chancen und der Sieg war unterm Strich in Ordnung. Allerdings, und das kam bislang auch hier zu kurz, war das eines von Borussias besten Spielen der letzten Wochen und Monate. Ein xGoals-Wert von 1,78 (Leipzig: 2,43), 15 Torschüsse (Leipzig: 24) eine gewonnene Zweikampfquote von 53:47% und der nur leicht schlechtere Wert beim Ballbesitz (48:52%) unterstreichen dies. Ja, manchmal braucht es in solchen Spielen einen nicht zu dominanten Gegner, einen überragenden Torwart, aber auch das bisschen Glück, das der Mannschaft an diesem Samstagnachmittag fehlte. Der wieder einmal umtriebige und engagierte Jens Castrop tauchte im ersten Abschnitt frei vor Torwart Maarten Vandevoordt auf und vergab, in den Schlussminuten traf der für Kevin Diks eingewechselte Fabio Chiarodia nur die Latte und nicht ins Tor. 

Denn neben Castrop wussten auch Rocco Reitz und in Ansätzen Hugo Bolin zu gefallen. Nico Elvedi hält seit Wochen sein Niveau hoch, Nicolas sowieso. Leider war neben Tabakovic, Ullrich und Scally auch Franck Honorat ein Schatten früherer Tage, so dass gleich zwei Offensivspieler keinen Impuls auf das Spiel hatten. 

Das Beste am Spieltag waren die Niederlagen vom VfL Wolfsburg und des FC St. Pauli. Denn so blieb nicht nur der Abstand zu den Plätzen 17 und 16 gewahrt, sondern besagten Konkurrenten fehlt ein weiteres Spiel, den Abstand zu verkleinern. Während das ganze Land hofft, dass es den VW-Werksklub endlich erwischt, ist der Relegationsplatz als Szenario aber noch zu wahrscheinlich. Borussia braucht in den kommenden fünf Spielen mindestens drei bis vier Punkte. 

Mit der Leistung aus Leipzig sollte das irgendwie möglich sein. Dazu braucht es nicht zwangsläufig Weltklasse-Leistungen einzelner Akteure, sondern einfach mal simple Bundesligatauglichkeit von allen. 

Die Bilder der Saison