"Schaut euch den Pokal gut an. Es wird lange dauern, bis Borussia wieder einen solchen Titel erreichen wird." Selten war eine Vorhersage bitterer, aber auch zutreffender als jene von Berti Vogts nach dem UEFA-Cup-Triumph 1979. 16 lange Jahre mussten die zuvor so erfolgsverwöhnten Borussen-Fans warten bis der Vogtsche Fluch beendet wurde. 1995 kam es beim Pokalsieg im Berliner Olympiastadion zum allerersten Aufeinandertreffen von Borussia mit dem damals noch weitgehend unbekannten Zweitligisten aus Wolfsburg.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass sich der vom Volkswagen-Konzern künstlich gepimpte Möchtegern-Verein in den Folgejahren zu einer festen Größe in der Bundesliga hochschummeln würde. Schon beim ersten Kräftemessen im Stadion am Elsterweg hatten sich die Vorzeichen umgekehrt. Während die Wolfsburger vor dem letzten Spieltag der Saison 1997/98 im gesicherten Tabellenmittelfeld standen, kämpfte Borussia ums nackte Überleben. Aus schier unmöglicher Lage retteten sich Friedel Rauschs „Männer“ im allerletzten Moment durch ein 2:0 und konnten so den ersten Abstieg der Bundesliga-Geschichte immerhin noch um 12 Monate hinausschieben. Dieser zeichnete sich ein halbes Jahr später beim nächsten Spiel in Wolfsburg bereits mehr als deutlich ab. 1:7 ging Borussia unter, nachdem sie sich eine Woche zuvor bereits von Bayer Leverkusen mit 2:8 hatte abschlachten lassen.
Ganz so viel Drama ist am kommenden Samstag nicht zu erwarten, wenn die Vollgas-Fohlen nach zuletzt vier Siegen aus fünf Ligaspielen erneut auf die Abgas-Wölfe treffen werden. Nach mittlerweile 29 Spieljahren in Folge hat sich Volkswagen in der ersten Bundesliga etabliert. Ein Vorbericht zu dieser Partie wäre aber unvollständig ohne den Hinweis darauf, dass dies einzig einem historischen Fehler des DFB zu verdanken ist, der dem Konzern 2001 eine Ausnahmegenehmigung von der ansonsten geltenden 50+1-Regel zugestanden hat. Diese unerträglichen Ausnahmen, von der zusätzlich „Vereine“ wie Bayer Leverkusen und die TSG Hoppenheim profitieren, und die echte Vereine wie Borussia im Wettbewerb krass benachteiligen, wurden mittlerweile sogar vom Kartellamt gerügt. Es besteht aber wenig Anlass zur Hoffnung, dass die inzwischen zuständige Deutsche Fußballliga dies zum Anlass nehmen könnte, den historischen Fehler zu korrigieren und sich endlich einmal dem Wettbewerbsgedanken zu verpflichten.
So verbleibt nur die Hoffnung, dass sich das Problem irgendwann einmal auf sportlichem Wege wird lösen lassen. Aktuell steht der seit Jahren mit Blick auf seine Gehaltsaufwendungen und Transferausgaben chronisch unterperformende Volkswagen-Klub nur einen Punkt vor dem Relegationsrang 16.
Der bisherige Saisonverlauf könnte dem einen oder anderen in ähnlicher Form bekannt vorkommen: Ein krasser Fehlstart, u. a. mit acht Niederlagen aus neun Pflichtspielen in Folge und einem peinlichen Pokalaus zuhause gegen Holstein Kiel, führte zur Entlassung von Trainer Paul Simonis und Sportdirektor Sebastian Schindzielorz. Interimstrainer Daniel Bauer konnte den Fall nicht direkt aufhalten. In den letzten beiden Partien scheint er aber mit einem 1:1 in Frankfurt sowie einem 3:1 über Union Berlin so langsam die Kurve bekommen zu haben, sodass inzwischen über eine baldige Festanstellung spekuliert wird. Mit Pirmin Schwegler wurde ein neuer Sportdirektor verpflichtet, der als Hoffnungsträger für die Zukunft angesehen wird.
Wer in diesem Szenario die Namen austauscht, wird nicht umhinkommen, die Parallelen zu einem anderen VfL zu sehen, der allerdings in seiner Entwicklung schon einige Wochen weiter zu sein scheint. Die Wolfsburger sind jetzt gerade in etwa dort, wo sich Borussia nach dem Ligasieg auf St. Pauli befand. Erleichtert, den ganz großen Absturz erst einmal gebremst zu haben. Erwartungsfroh, ob sich die positive Tendenz auch in einem schwierigeren Spiel gegen einen zuletzt formstarken Gegner wird fortsetzen können. Was Borussia im Derby gegen den Effzeh gelang, sollte den Wölfen am Samstag im Borussia-Park besser nicht widerfahren. Denn auch Borussias jüngste Erfolgsserie ist brüchiger als sie auf den ersten Blick scheint. Bei einer Niederlage würde Borussia voraussichtlich mit 16 Punkten und in Sichtweite zu den Abstiegsplätzen überwintern. Ein Sieg dagegen könnte dieses insgesamt sehr unerfreulich verlaufene Jahr 2025 noch halbwegs versöhnlich abschließen. Trotz der obligatorischen Klatsche im Signal-Iduna-Park dürften Fans und Verantwortliche mit dann 19 Punkten einigermaßen beruhigt das Weihnachtsfest begehen.
Personell ist auf beiden Seiten mit wenigen Überraschungen zu rechnen. Da Honorat und Neuhaus weiter ausfallen, wird die zuletzt erfolgreiche Startelf erneut auflaufen dürfen – mit einer Ausnahme: Für den gelbgesperrten Scally rückt der wiedergenesene Sander ins Team. Florian Neuhaus wird aller Voraussicht nach erneut durch Giovanni Reyna vertreten. Der US-Amerikaner zeigte sich in Mainz verbessert, hat aber weiterhin noch viel Luft nach oben.
Es ist der Anhängerschaft sehr hoch anzurechnen, ihm trotz bislang insgesamt sehr dürftiger Leistungen weiter wohlwollend gegenüberzutreten. Bei einem Spieler, der vom einstigen Sportchef als „Top-Transfer“ gefeiert wurde und dem daher dasselbe Gehalt in Höhe von 2,7 Mio. Euro zugestanden wurde wie Tim Kleindienst und Robin Hack, würde die Reaktion in manch anderem Verein weniger verständnisvoll ausfallen. Borussias Fans haben aber ein feines Gespür dafür, dass es nicht Reyna anzulasten ist, in den vergangenen fünf Jahren kaum Spielpraxis erhalten zu haben und somit noch weit von einer möglichen Topform entfernt zu sein. Das Projekt Reyna kann sich nur langfristig auszahlen, falls er bei der echten Borussia die nötige Spielzeit erhält und von größeren Verletzungen verschont bleibt. Dass er weiterhin einen sehr feinen Fuß hat und in Einzelsituationen zu glänzen vermag, kann Borussia evtl. schon kurzfristig weiterhelfen.
Genau dies ist der Punkt, der ihm von seinem Konkurrenten um die Position des Neuhaus-Ersatzes abhebt. Kevin Stöger hat in den vergangenen Monaten leider so gut wie keine Argumente gesammelt, die für eine wie auch immer geartete Zukunft im Borussia-Park sprechen. Dass Stöger grundsätzlich Fußball spielen kann, hat er in Bochum unter Beweis gestellt. In Mönchengladbach bekommt er es aber nicht umgesetzt, weshalb er sich inzwischen jegliches Verständnis der Fans verspielt hat. Dadurch befindet er sich mittlerweile in einem Teufelskreis aus schlechten Leistungen, die den Unmut des Publikums anstacheln, was ihn dann wiederum zu verunsichern scheint und seine Leistungen noch weiter herunterzieht. Einen Weg aus dieser Situation kann Stöger nur selbst finden, indem er sich bei seinen Einwechselungen zusammenreißt und anfängt, einfachen, soliden Arbeiterfußball ohne Schnörkel zu spielen. Denn so kritisch er derzeit von den Fans gesehen wird: Nur zwei bis drei starke Auftritte könnten das Blatt wieder zu seinen Gunsten wenden. Viele Chancen wird er hierfür allerdings nicht mehr bekommen. Das wahrscheinlichere Szenario ist daher, dass er sich bereits diesen Winter einen neuen Verein sucht.
Wie schnell es für ein einstiges Sorgenkind gehen kann, hat zuletzt Christian Eriksen erfahren. Der dänische Rekordnationalspieler konnte seit seinem Herzstillstand während der EM 2021 nicht mehr an seine vorherige Topform anknüpfen. Da sein Vertrag bei Manchester United nicht verlängert wurde, schloss er sich zu dieser Saison etwas überraschend den Wolfsburgern an. Die ersten Partien in der Bundesliga waren ernüchternd schwach, sodass er bereits drohte, seinen Stammplatz zu verlieren. Beim jüngsten Mini-Aufschwung der Wölfe zeigte sich der Däne aber verbessert, sodass auf ihn auch Samstag zu achten sein wird.
Mit ihm, Wimmer, Majer und Amoura kann Trainer Bauer auf eine solide Offensive zurückgreifen, die in den letzten fünf Spielen immer mindestens einen Treffer erzielt hat. Die Defensive präsentierte sich zuletzt etwas kompakter. Aber auch sie ist immer für ein (Gegen-)Tor gut: Nur ein einziges Mal konnte Kamil Grabara in dieser Saison sein Tor sauber halten, wenngleich er selbst zumeist gute Leistungen abliefert.
Die Wölfe werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dieselbe Startelf aufbieten, die zuletzt zweimal in Folge unbesiegt geblieben ist. Einzelne Spieler wie Grabara, Amoura, Wimmer oder potenziell Eriksen bringen Qualitäten mit, denen Borussia mit Respekt begegnen sollte. Angst wäre aber mehr als unangebracht. Denn insgesamt strahlt die Mannschaft von Daniel Bauer maximal Durchschnitt aus und sollte für Borussia in der aktuellen Form keine unüberwindbare Hürde darstellen.
Die Voraussage für diesen Samstag darf daher positiver ausfallen als jene von Berti Vogts aus 1979: Knüpft Borussia an seine letzten Leistungen aus der Bundesliga an, sollte einem besinnlichen Weihnachtsfest in der Hennes-Weisweiler-Allee nichts im Wege stehen.
So könnten sie spielen
Borussia: Nicolas – Sander, Elvedi, Diks – Castrop, Engelhardt, Reitz, Reyna, Netz – Machino, Tabakovic
Wolfsburg: Grabara – Kumbedi, Seelt, Koulierakis, Zehnter – Gerhardt, Arnold, Eriksen, Majer, Wimmer - Amoura
So tippt die Seitenwahl-Redaktion
Michael Heinen: „Borussia beschließt das Jahr versöhnlich mit einem 2:1-Heimsieg über Wolfsburg und verabschiedet sich einstellig in die Winterpause. Dass der DFB am Wochenende vor Weihnachten gerüchteweise noch einen Spieltag angesetzt haben soll, versuche ich gekonnt zu ignorieren.“
Christian Spoo: „Borussia spielt ordentlich, trifft das Tor aber nicht. Nach dem 0:0 ärgert man sich über zwei verlorene Punkte.“
Kevin Schulte: „Schwieriges Spiel gegen eine Wolfsburger Mannschaft, die „too big to fail“ ist. Das 1:1 beendet ein schwaches Heimspiel-Jahr mit nur drei Siegen im Borussia-Park.“
Mike Lukanz: „Borussia beweist, dass sie auch zu Hause dominant auftreten kann und gewinnt hochverdient mit 3:1. Eine perfekte Ausgangslage für das Auswärtsspiel eine Woche später.
Claus-Dieter Mayer: „Das Spiel ist unterhaltsamer als es sich Eugen Polanski gewünscht hätte, da die Borussia-Abwehr nicht ganz so stabil wirkt wie zuletzt. Letztendlich können beide Teams mit dem 2:2 einigermaßen leben.“
Michael Oehm: Samstag 15:30 Uhr, das ist ja eigentlich der Hauptspieltermin, wenn man nicht leider einer der Vereine ist, mit denen es sich Geld verdienen lässt, weil deren Spiele von vielen Zuschauern geschaut werden. Das erzielte Geld erhalten aber mitnichten die Vereine, die es erwirtschaften, sondern so Dinger wie das aus Leipzig oder eben diese Wolfsburger, die nun zu Gast sind. Die sind so unbeliebt, dass sogar Borussia mal an einem Samstagnachmittag ran darf. Aus Dankbarkeit lässt sich Borussia auf eine 2:2 Punkteteilung ein. Dabei natürlich wieder alle Zutaten, die den Fußball 2025 so liebenswert machen: VAR-Eingriffe für Minimalkontakte, Handspielauslegungen mit einer Seriösität wie der von Madame Futura auf dem Recklinghausener Rummel und hinterher erklärt Alex Feuerherdt, warum es leider gar nicht anders ging und genauso und nicht anders vollkommen richtig war, obwohl er bei identischer Situation vor drei Wochen noch das exakte Gegenteil behauptet hat.