Die laute Freude über bis zu fünf Millionen Euro pro Jahr durch die Vermietung des Stadionnamens ist kaum verklungen, da hat Borussia rund ein Drittel dieser Summe schon wieder verspielt. Das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal gegen den FC St. Pauli ist so ärgerlich wie verdient. Angesichts des vermeintlichen Klassenunterschieds, der unlängst beim 4:0-Sieg am Millerntor zu sehen war, tut es weh, festzustellen, dass am Dienstagabend die bessere Mannschaft gewonnen hat.

Man wisse, wie gut der FC St. Paul ist und werde den Gegner mit Sicherheit nicht unterschätzen, hatte Trainer Eugen Polanski vor dem Achtelfinale mehr als einmal versichert. Leider ist es ihm nicht gelungen, das seiner Mannschaft wirklich klarzumachen. Borussia mangelte es augenscheinlich an der richtigen Einstellung, um St. Pauli wirkungsvoll zu begegnen. Spielerisch bewegten sich beide Teams an diesem frühen Abend auf einem ähnlichen (bescheidenen) Niveau. Der Unterschied war: St. Pauli war der Willen, ins Viertelfinale einzuziehen, über 90 Minuten deutlich anzumerken. Borussia wirkte dagegen stellenweise seltsam unbeteiligt.
Die Abwehr stand die meiste Zeit halbwegs in Ordnung, große Chancen gab es jenseits derer, die zu den Toren für die Hamburger führten, nicht viele. Einmal musste sich Moritz Nicolas richtig strecken, um eine Gelegenheit für Kapitän Jackson Irvine zunichte zu machen, ansonsten kam der Gegner zwar oft in die Nähe des Strafraums, dort dann aber nicht wirklich weiter. Augenfällig dagegen waren bei Borussia ungewöhnlich viele Fehler im Aufbau, viele nachlässig gespielte Pässe und eine fehlende Abstimmung, die auch ursächlich für den Rückstand kurz vor der Pause war. Engelhardt und Diks standen sich gegenseitig im Weg, Kaars nutzte das Missverständnis und ließ sich auch vom nacheilenden Elvedi nicht am Führungstor hindern.

Den Eindruck, Borussia habe eine bessere zweite Halbzeit gespielt, können wir nur bedingt teilen. St. Pauli blieb gallig, Borussia eher lässig. Der zwischenzeitliche Ausgleich war schön herausgespielt von Reyna mit seiner einzig memorablen Aktion über die zielgerichtete Flanke von Honorat auf den Kopf von Tabakovic. Ansonsten gab es auch im zweiten Durchgang wenig wirklich Positives von der Mannschaft zu sehen. Durch die Hereinnahme von Rocco Reitz sammelte das Team dann doch noch ein paar Engagement-Punkte, alles in Allem war aber auch das einfach zu wenig.
An den Umstellungen habe es nicht gelegen, betonten Trainer wie Sportkopf nach dem Spiel unisono – wir möchten hier Zweifel anmelden. Mit Engelhardt/Reitz und Tabakovic/Honorat gleich zwei zuletzt sehr gut harmonierende Pärchen auf dem Platz auseinanderzureißen – ohne Not wohlgemerkt – war keine gute Idee. Honorat als Schienenspieler auf rechts machte seinen Job nicht, der Franzose vernachlässigte die Defensivarbeit komplett. Machino agierte neben Tabakovic wenig effizient. Yannik Engelhardt erwischte ohne den gewohnten Nebenmann einen gebrauchten Tag. Die für Reitz und den verletzten Neuhaus gekommenen Stöger und Reyna waren nicht im Spiel, vor allem Stöger schien das Spiel als Bewerbung für einen Tribünenplatz nutzen zu wollen. Er versuchte wenig, und das Wenige ging schief. Auch kämpferisch enttäuschte der Mann mit der 7 komplett, ging Zweikämpfen aus dem Weg, machte Wege nach hinten teilweise nur widerwillig. Es ist ein Rätsel, warum Polanski Stöger 80 Minuten lang auf dem Platz ließ.

Wir lernen: Der Kader ist deutlich weniger breit, als er sein müsste. Überhaupt feststellen zu müssen, dass ohne Florian Neuhaus etwas fehlt, ist schon in sich bemerkenswert genug. Dass Borussia auf den Außenpositionen zu wenige Spieler mit Defensivfähigkeiten hat, ist ohnehin eine Binsenweisheit. Sander, Neuhaus und Reitz gleichzeitig zu ersetzen ist fast nicht möglich und wenn, dann nicht so, wie gestern geschehen. Eugen Polanski hat sein Team da ganz offensichtlich falsch eingeschätzt. Auch die Idee, Charles Herrmann in einem so wichtigen Spiel auf einer Position zu bringen, die ihm defensiv alles abverlangt, war letzten Endes zu optimistisch, wie man beim Siegtreffer der Gäste erleben musste. Als Honorat nicht mehr konnte, wäre es im Nachhinein wohl klüger gewesen, in der Dreierkette zu wechseln (Friedrich rein, Scally vorziehen). Auch die Wechsel am Schluss, ohnehin von purer Verzweiflung gekennzeichnet, erschienen wenig durchdacht. Warum Tabakovic vom Platz nehmen und stattdessen Ranos bringen? Für die Brechstange – und die war ja ohnehin im Einsatz – wäre es wohl zielführender gewesen, Tabakovic und Kleindienst vorne reinzustellen. Für die mögliche Verlängerung hätte sich Polanski so oder so nach den vielen Wechseln etwas überlegen müssen.

Das Ausscheiden aus dem Pokal und die Art und Weise, wie es dazu kam, sind wahlweise ein Tritt ins Gemächt oder eine Warnung zur rechten Zeit. Aus dem Kader, dem wir noch vor wenigen Wochen eine nur bedingte Bundesligatauglichkeit attestiert hatten, ist nicht binnen kurzer Zeit ein stabiles Erstligateam geworden. Der Rückschlag vom Dienstag wird nicht der letzte in dieser Saison sein, wichtig ist, dass Polanski und sein Team sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen lassen. Das Auswärtsspiel in Mainz am Freitagabend bekommt durch das Pokalaus einen deutlich höheren Stellenwert als ohnehin schon. Eine weitere Niederlage könnte die Stimmung rund um Borussia schnell wieder ins Kippen bringen und den Aufschwung nachhaltig ausbremsen. Vier, besser sechs Punkte vor Weihnachten müssen es schon sein, um einigermaßen entspannt in die Pause zwischen den Jahren zu gehen. Wenn Eugen Polanski der Trainer ist, den wir gerne in ihm sehen wollen, wird er aus dem Spiel gegen St. Pauli und aus seinen eigenen Fehlern lernen. Dann sind diese vier bis sechs Punkte durchaus ein realistisches Ziel.