Kontrollierte Ideenlosigkeit

Kontrollierte Ideenlosigkeit

Was haben wir eigentlich erwartet? Offenkundig war die Unzufriedenheit unter den Borussen-Fans nach dem torlosen Saisonauftakt recht groß. Natürlich: Es war alles andere als ein Fußballfest an diesem Sonntagabend im Borussia-Park. Aber hatte wirklich jemand geglaubt, ein solches erleben zu werden? Es war allerdings auch kein Katastrophenspiel. Es war eine recht normale Partie zweier Mannschaften aus der unteren Gewichtsklasse der Bundesliga. Bemerkenswert ist, dass nach dieser Partie sowohl die Wahrnehmung, wie das Spiel zu werten ist, starke Ausschläge in alle Richtungen zu haben scheint, als auch die, was die Leistung einzelner Spieler angeht.

Beginnen wir mit dem, was unstreitig gut war: Borussia hatte fast über die komplette Spielzeit die Kontrolle. Das spiegelt nicht nur die Ballbesitzquote, die auch in der vergangenen Saison oft höher war, als die des Gegners. Borussia hatte mit Ausnahme der Anfangs- und der Schlussphase den Hamburger SV im Griff. Es war ein seriöser Auftritt. Die Defensive stand, was nach den Erfahrungen aus dem Pokalspiel keineswegs selbstverständlich ist, sicher. Es gab kaum Lücken für Vorstöße des HSV. Das Zentrum war dicht. 

Dazu kommt eine in vielen Situationen spürbare Galligkeit, auch das nach den Erlebnissen der jüngeren Vergangenheit keine Selbstverständlichkeit. Es gab kein Abwinken, es wurde vernünftig nachgesetzt, wer den Ball verlor, versuchte in der Regel, ihn wieder zu erobern. Die Spieler halfen sich gegenseitig. Die viel beklagte „Schwiegersohnmentalität“ war nicht auf dem Platz, gleichwohl nur ein Neuzugang von Anfang an dabei war. 

Kommen wir zu den Dingen, an denen sich die Geister scheiden: Die erwähnte Kontrolle ließ das Spiel gelegentlich langweilig erscheinen. Denn bei aller Kontrolle hatte Borussia spielerisch nicht viel zu bieten. Und über den Kampf hinaus gelang vielen der Männer in cremeweiß nicht wirklich viel. 

War also Joe Scally der schlechteste Mann oder machte er eines seiner besseren Spiele? Der US-Amerikaner war gegen den Ball meist voll bei der Sache, im Zusammenspiel mit Honorat auf der rechten Seite machte er gleichzeitig mehrere fast schon groteske Stockfehler. Und am Ende entwickelte der HSV gerade über seine Seite noch einmal Gefahr.

Ist Tabakovic nur ein anderes Wort für Cvancara oder steckt doch ein Kleindienst im Leihspieler aus Hoffenheim? Tabakovic war sehr aktiv, hatte eine große und zwei kleinere Chancen, bot sich viel an. Wirklich ballsicher war er allerdings nicht und es sieht gelegentlich sehr ungelenk aus, was der 1,96-Mann auf dem Platz treibt. Andererseits: Welcher 1,96-Mann wirkt schon elegant? Dazu kommt das Arie-van-Lent-Phänomen: Wohl wegen seiner Physis war Schiedsrichter Sascha Stegemann schnell dabei, Aktionen gegen den Stürmer auszulegen. 

War Kevin Stöger der einzige Spieler, der etwas versuchte oder war er vogelwild unterwegs? Tatsächlich bot sich der zentrale Mittelfeldspieler zwischen den Linien immer wieder an und wurde von seinen Mitspielern geflissentlich ignoriert. Sah man allerdings, was in den Situationen geschah, in denen er dann doch mal den Ball bekam, bekommt man eine Ahnung, warum die anderen neun Feldspieler es dann doch lieber erneut über die Flügel versuchten. Stögers Schwäche bleibt seine angenommene Stärke: Wenn der den Ball hat, versucht er den besonderen Move. Das gelingt leider so gut wie nie. 

Und da sind wir dann bei den Punkten, die definitiv nicht gut waren. Borussia war nach vorne vollumfänglich ideenbefreit. Der Hamburger SV machte es den Gladbachern schwer, stand enorm kompakt. Auf die Attacken über die Flügel war der Gegner vorbereitet. Im Zentrum war kein Durchkommen. Die fehlende Kreativität bemängelte nach dem Spiel auch Trainer Gerardo Seoane – und das ist ein bisschen lustig. Denn ist es nicht Sache des Trainers, mit der Mannschaft Wege zu erarbeiten, auch in solchen Spielen gefährliche Situationen zu kreieren? Gehört eine, vielleicht besser zwei, Idee vom Spiel nicht irgendwo dazu? Es bleibt dabei: Der Borussia-Fußball unter Seoane ist eine Black Box. Falls der Schweizer einen Plan, eine Spielidee hat, so ist es ihm bisher erfolgreich gelungen, sie vor den eigenen Anhängern verborgen zu halten. Und leider offensichtlich auch vor den eigenen Spielern. So stellt sich das auf dem Platz dar, so stellt sich das in der Kommunikation dar: Chat GPT würde sich vor Scham selbst zerstören, würde es ähnlich unbeteiligt, lustlos und worthülsenreich äußern, wie es Seoane vor den Medien tut – egal ob vor oder nach einem Spiel.

Wirklich beunruhigend war am Sonntagabend, was sich in den letzten ca. 10 Minuten des Spiels tat. Im Gegensatz zu Borussia konnte der HSV von der Bank nachlegen, brachte mit Poulsen und Dompté zwei Akteure, die fitnessbedingt nicht in der Startelf stehen konnten, was einen spürbaren Effekt hatte. Der HSV presste gegen Ende noch einmal sehr hoch und brachte die bis dahin so solide Borussen-Abwehr in Unruhe. Höhepunkt war das vermeintliche 0:1 in der 89. Minute, als Dompté auf Poulsen flankte, der Richtung Tor köpfte, wo der ebenfalls eingewechselte Mikelbrencis den Ball über die Linie drückte. Der Franzose stand dabei klar im Abseits, womöglich wäre der Ball allerdings ohne sein Eingreifen auch ins Tor gegangen. Das wäre dann der Verylucky Punch für die offensiv ansonsten harmlosen Hamburger gewesen. Die Minuten 80 bis 90 legen nahe, dass Borussias Defensive verwundbar bleibt, wenn der Gegner es darauf anlegt, sie zu verwunden.

Borussias Einwechselungen dagegen blieben ohne sichtbaren Effekt. Merkwürdig, dass Florian Neuhaus nach allem, was im Sommer geschehen ist, für Seoane Einwechseloption Nummer 4,3,2,1 ist. Noch merkwürdiger, dass das Publikum just diesen Spieler mit warmem Applaus willkommen heißt. Bewirken konnte Neuhaus nichts.

Dass Gerardo Seoane Kevin Diks Spielzeit gewähren will, ist im Grunde richtig. Es ist allerdings ein unprovoziertes Risiko, eine gut funktionierende Innenverteidigung aus diesem Grund in einer entscheidenden Phase des Spiels auseinanderzureißen, und es ist kein schönes Zeichen für Fabio Chiarodia, der eine fehlerfreie Partie gespielt hat. Wie Roland Virkus auf das schmale Brett kommt, man habe gesehen, was Shuto Machino der Mannschaft bringt, als er reinkam, wird sein Geheimnis bleiben. Der Neuzugang auf Kiel war unauffällig und schien nach seinem ersten Sprint muskuläre Probleme zu haben. Jens Castrop wirkte wach und war noch der auffälligste Einwechselspieler.

Fazit: Es war nicht gut, aber auch keine Katstrophe. Borussia wird in dieser Saison noch Gegner haben, die ihr mehr Räume lassen, vielleicht klappt es dann auch mit den Ideen. Mit Giovanni Reyna steht ab der kommenden Woche ein Spieler zur Verfügung, der durchaus Potenzial mitbringt, da etwas zum Positiven zu verändern – so er denn seine Verletzungsseuche in Dortmund gelassen hat. 

Borussia wird aber auch noch gegen Mannschaften spielen, die verglichen mit dem Aufsteiger aus Hamburg offensiv ein Vielfaches an Klasse aufweisen. Von daher bleibt es am Ende vermutlich viel entscheidender, ob die Gladbacher Abwehr nachhaltig stabilisiert werden kann. Borussia hat gegen den HSV wegen einer schlechten Offensivleistung nicht gewonnen. Borussia wird aber künftig mehr Spiele wegen einer schlechten Defensivleistung verlieren. Sollte für Julian Weigl noch Geld fließen (gab es jemals einen Stamm- und vermeintlichen Führungsspieler, dem niemand, wirklich niemand eine Träne nachweinen würde), muss dieses Geld in einen rechten Verteidiger und einen echten Sechser investiert werden. Dass Roland Virkus zumindest in öffentlichen Äußerungen bisher keine Neigung zeigt, etwas dahingehendes zu unternehmen, ist das, was uns wirklich beunruhigen sollte. 

Die Bilder der Saison