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Die Hinrunde ist gespielt, Borussia überwintert auf einem 11. Tabellenplatz mit 21 Punkten, nun kehrt Ruhe ein im hektischen Fußballbetrieb. Doch bevor auch wir in die verdiente Winterpause gehen, ziehen wir Bilanz. In zwei Teilen werden die SEITENWAHL-Redakteure die erste Saisonhälfte kommentieren und bewerten. Im heutigen zweiten Teil kommen Christoph Clausen, Christian Spoo und Mike Lukanz zu Wort.


"Drei Fragen, drei Antworten" von Christoph Clausen

Ende Juli dieses Jahres ging der traditionelle SW-Borussencheck online. Da nur Dummköpfe glauben, der Saisonverlauf einer Mannschaft ließe sich auch nur annähernd exakt prognostizieren, wurde der zu erwartende Tabellenplatz jeweils nur grob eingegrenzt. Ansonsten erläuterte der Bericht die in den Augen der Redakteure wichtigsten Fragen für die neue Spielzeit. Aus meiner persönlichen Sicht gab es vor Saisonbeginn derlei drei: erstens ob man sich auf der Trainerposition richtig entschieden hatte; zweitens ob die Personaldecke in der Abwehr nicht zu dünn sei; drittens ob der kreative Aderlass in Gestalt von Marin und Baumjohann würde aufgefangen werden können.

Das erste Fragezeichen hat sich nach jetzigem Stand in ein dickes Aufrufezeichen verwandelt, denn Michael Frontzeck hat die Skeptiker, darunter auch mich, eindrucksvoll widerlegt. Der Trainer verpasste der Mannschaft eine klare Ordnung. In ihren besten Momenten - und das sind nicht wenige - gelingt ihr der Balanceakt zwischen defensiver Geschlossenheit und offensivem Überraschungsmoment. Frontzeck wusste Siege wie Niederlagen gleichermaßen realistisch einzuordnen, und konnte seinerseits darauf vertrauen, dass Max Eberl und die gesamte Vereinsführung sich auch von der zwischenzeitlichen Durststrecke nicht hysterisieren ließen. Die viel zitierten „Mechanismen des Fußballs" sind eben kein unausweichliches Schicksal.

Die zweite Frage, die nach der Personaldecke in der Abwehr, besteht fort. Zum Glück blieb die Borussia in der Innenverteidigung von ernsten Verletzungen verschont. Als Dante nach diskutabler roter Karte im Auftaktspiel zwei Partien ausblieb, schlug sich das Duo Brouwers - Kleine gegen Berlin achtbar und war an der deutlichen Niederlage in Bremen nicht vorrangig schuldig. Dante selbst hat sich zu einem überragenden Verteidiger gemausert, der in der aktuellen Form in jedem Spitzenteam der Liga ein ernsthaftes Wort um die Stammplätze mitreden würde. Mindestens ebenso erfreulich ist der Qualitätssprung von Roel Brouwers, der sich seine Vertragsverlängerung nicht nur durch seine phänomenalen Goalgetterqualitäten verdient hat. Gleichwohl: Sollte einer der beiden Innenverteidiger längerfristig ausfallen, dann könnte dies der sorgsam austarierten Balance zwischen Defensive und Offensive einen schweren Schlag versetzen. Auch auf der Linksverteidigerposition ist man nicht sorgenfrei: Jean-Sébastien Jaurès übertraf in der Hinrunde über weite Strecken zwar deutlich die Erwartungen. Gerade in den letzten drei Partien aber zeigte seine Formkurve deutlich nach unten. Sollte Filip Daems nicht schnell zu Gesundheit und alter Form zurückfinden, könnte sich diese Seite als Achillesferse erweisen, in die gegnerische Trainerfüchse genüßlich hineinstechen.

Die dritte Frage, die nach der Kreativität des Angriffs, wird mit einem „Ja, aber" beantwortet. Ja, Borussia spielt engagiert und einfallsreich nach vorne, wozu neben Juan Arango vor allem Marko Reus und, als Passgeber, Thorben Marx beitragen. Das ist nicht nur erfreulich erfolgreich - ginge es allein nach erzielten Toren, stünde Borussia auf Rang acht - sondern auch attraktiv und damit in bester Borussentradition. Aber: Es wäre schon schön, wenn Raul Bobadilla in der zweiten Saisonhälfte sein oftmals angedeutetes Potenzial nachhaltiger abrufen, wenn Karim Matmour das Toreschießen erlernen, wenn Roberto Colautti über seiner vorbildlichen Defensivarbeit den Zug zum Tor nicht vergessen und wenn Rob Friend auch flache Bälle in den Lauf entschlossener kontrollieren könnte. Dass Borussias zwei Innenverteidiger mehr Tore erzielt haben als alle sechs eingesetzten Stürmer zusammen, stellt ersteren ein gutes, letzteren aber ein bedenkliches Zeugnis aus.

Unter dem Strich blickt es sich sehr viel entspannter auf die Borussia als noch vor der Saison. Die Mannschaft hat sich vorerst im Mittelfeld etabliert. Mehr war realistisch nicht zu erwarten, weniger mit gutem Grund zu befürchten. Und was mindestens ebenso schön ist: Ihre 21 Punkte hat sich die Borussia nicht mit gruselig destruktivem Verhinderungsfußball im Kölschen Stile erwürgt, sondern sich mit streckenweise höchst ansehnlicher Spielweise verdient.

 
"Ein neuer Wind" von Christian Spoo

Wann hat es so etwas zuletzt gegeben: Borussia verliert das letzte Spiel der Hinrunde, und dennoch gehen Handelnde und Fans mit einem guten Gefühl in die Winterpause? Borussia im Dezember 2009, das ist - von Zweitligazeiten abgesehen, bei denen die Vorzeichen andere waren - die vertrauenerweckendste Borussia seit, und jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster, 1996.

Ich sage nicht: die beste Borussia. Sicher ist noch viel Arbeit nötig, um aus unserer aktuellen Mannschaft das Optimum herauszuholen. Andererseits: es gibt durchaus noch dieses Potenzial, den aktuellen Kader noch besser zu machen und das, was er jetzt schon zeigt, war gerade in der zweiten Hinrundenhälfte schon aller Ehren wert.

Die Rahmenbedingungen scheinen inzwischen so, dass man selbst als eher pessimistisch veranlagter (oder aus Erfahrung Pessimist gewordener) Borussenfreund zum Jahreswechsel die Hoffnung hat, dass Michael Frontzeck, Max Eberl & co sowie den Spielern genau das gelingen wird. Ich glaube, dass die Mannschaft ihre Leistung über den Winter retten wird, ich glaube, dass der eine oder andere Spieler sein Potenzial noch abrufen wird und ich glaube, dass uns die so sehr gewünschte Situation ereilen wird, fünf Spieltage vor Schluss Ruhe und Planungssicherheit zu haben.

Möglicherweise war sogar die Schwächephase im September/Oktober eine gute Sache. Denn diese Zeit der Unsicherheit bei uns Fans hat dem Verein die Möglichkeit gegeben zu zeigen, dass in Gladbach tatsächlich jetzt ein neuer Wind weht. Keinen Tag musste Michael Frontzeck wirklich um seinen Job fürchten, die Bekenntnisse zu einer neuen Vereinspolitik sind offenbar nicht nur Lippenbekenntnisse. Max Eberl hat sein Wort gehalten, niemand ist ihm in die Parade gefahren. Und der Erfolg der Wochen danach gab allen Recht.

Noch allerdings ist nichts gewonnen. Es ist Halbzeit. Dieses Fazit ist ein Zwischenfazit. Aber wie eingangs gesagt: Borussia im Dezember 2009 ist ein Gebilde, das Hoffnung macht. Wenn Brouwers und Dante so weitermachen, wenn vielleicht Filip Daems die Defensive noch einen Tick stärker macht, wenn Juan Arango noch eine Schüppe drauflegt und wenn die Stürmer auch noch das Toreschießen lernen, dann hat Borussia mit dem Abstieg nichts zu tun.

Und wann konnte man das zuletzt sagen?


"Trügerische Ruhe" von Mike Lukanz

Sportdirektor Max Eberl sagte zu Beginn der Saison, dass die Leitplanken der eigenen Philosophie stark genug seien und wer zu oft dagegen fahre, verliere den Weg aus den Augen. Es waren große Worte eines jungen Managers, zudem waren es mutige Worte. Eberl setzte vieles auf eine Karte, holte mit Michael Frontzeck einen nicht unumstrittenen Trainer zurück nach Mönchengladbach. Doch nun, ein halbes Jahr später, stehen die ehemaligen Kritiker Schlange, um Applaus zu spenden. Borussia holte in der Vorrunde 21 Punkte, steht auf dem 11. Tabellenplatz mit fünf Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Ein gutes Ergebnis, sicher, aber kein überragendes.

Es ist vielmehr der gebotene Fußball, der zugleich verwundert und begeistert. Der Abstieg wurde in der vergangenen Saison mit viel, sehr viel Glück vermieden, fußballerisch durften und konnten keine Glanzpunkt gesetzt werden, denn es ging nur um Punkte. Dazu verlor der Verein mit Marko Marin und Alexander Baumjohann seine - aus damaliger Sicht - einzigen kreativen Spieler. Daher sind es gleich mehrere Komplimente, die sich die Verantwortlichen ans Revers heften können: Das Kollektiv, das so viele Trainer weltweit bemühen, ist in Mönchengladbach tatsächlich eines geworden. Die Kontinuität ist zum ersten Mal seit über zehn Jahren tatsächlich erkennbar. Und die Art und Weise, wie die 21 Punkte erspielt (!) worden sind, beeindruckt. Ohne Rücksicht auf die Unruhe und wachsende Kritik nach nur einem Punkt in sechs Spielen gewinnt Borussia mit 3:2 auswärts beim bis dato ungeschlagenen Spitzenteam Hamburger SV. Ein Szenario, das für viele Fans und Beobachter noch vor wenigen Monaten ins Reich einer irren Phantasie verwiesen worden wäre. Es folgten ebenso mutige und gute Auftritte in München und Leverkusen, ein mannschaftlich und taktisch hervorragendes 1:0 gegen Schalke und - zur Unterhaltung - ein wildes 5:3 gegen Hannover. Auswärtssiege, spielerische Glanzlichter oder fünf Tore in einem Heimspiel: Wer hatte sich dies in den vergangenen Jahren nicht gewünscht? So erlebt Borussia zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren zurecht einen ruhigen, fast besinnlichen Winter.

Doch die Ruhe trügt, ebenso wie das Tabellenbild. Es sind nur fünf Punkte nach unten, zu Beginn der Rückrunde geht es gegen Bochum, Mainz und Berlin, dazu ein schweres Heimspiel gegen Werder Bremen. Max Eberl sagt zurecht, dass diese Spiele zeigen würden, wohin der Weg führt. Werden diese Partien ähnlich erfolgreich bestritten wie in der Hinrunde, wird Borussia die ruhige Saison erleben, die sich alle wünschen. Allerdings kann sich der Wind genauso schnell drehen: Behält Bochum seine zuletzt gezeigte Auswärtsstärke? Kommt Berlin mit neuem Schwung aus der Winterpause? Und können Dante, Reus & Co. ihre Form über die Winterpause kompensieren? Es bleiben viele Fragezeichen, aller (ungewohnten) Zufriedenheit zum Trotz.

Borussia hat in der Vorrunde gezeigt, dass Ruhe auch in schwierigen Momenten gewahrt wird. Allerdings würde eine Krise in der Rückrunde ungleich schwerer und die Unruhe größer, da die Anzahl der Spiele immer kleiner wird, um mögliche Misserfolge korrigieren zu können. Ein 17. Tabellenplatz am 9. Spieltag ist nun einmal anders als die gleiche Positionierung am 26. Spieltag. Das Wissen, dass Max Eberl und Michael Frontzeck sich dieser Gefahr bewusst sind und weiterhin konzentriert und besonnen weiterarbeiten werden, beruhigt letztlich mehr als die 21 Punkte, die zurzeit auf der Habenseite stehen.

siehe auch: SEITENWAHLs Hinrundenbilanz, Teil I


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