„Gebrauchter Tag“ ist eine vielbemühte Floskel, aber wie sonst will man den vergangenen Dienstag aus Sicht von Borussia Mönchengladbach beschreiben? Die Chance auf einen Titel ist dahin, die Niederlage gegen einen, wenn auch starken, Zweitligisten rührt am Selbstverständnis und zwei der wichtigsten Spieler, wenn nicht sogar die wichtigsten, haben sich so schwer verletzt, dass sie vorerst nicht auflaufen können. Schlimmer hätte es für Borussia nicht kommen können. In dieser Situation nun kommt mit Eintracht Frankfurt eine Mannschaft in den Borussia-Park die vieles ist, aber sicher kein einfacher Gegner.

Warum Borussia in Darmstadt verloren hat, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Einig sind sich die Beobachter, dass die Mannschaft die Anfangsphase verschlafen hat und das dass eigentlich unverzeihlich ist. Denn Darmstadt begann die Partie exakt so, wie erwartet. Das sich die Gladbacher davon dennoch überraschen ließen oder zumindest länger brauchten, bis sie eine Reaktion zeigten, bleibt ein Rätsel. Danach nahmen sie immerhin den Kampf an und hielten gegen die im Bereich zwischen Leidenschaft und Aggressivität agierenden Südhessen ordentlich dagegen, allerdings versäumten sie dadurch, ihre zweifelsfrei vorhandenen fußballerischen Vorteile auszuspielen. Das Resultat ist bekannt und es ist Mist.

Schon gegen Darmstadt war offensichtlich, dass Borussia personell am Limit agiert. Wirklich nachlegen konnte Daniel Farke von der Bank nicht. Durch den Ausfall von Jonas Hofmann verschärft sich die Lage noch einmal. Den Ausfall von fünf Stammspielern können die wenigsten Bundesligisten ganz ohne Qualitätseinbußen verkraften. Borussias Kader ist so klein, dass die Ersatzbank nurmehr wie eine Mischung aus Gnaden- und Ponyhof wirkt.

Wie wichtig Yann Sommer ist, hat sich in Darmstadt dramatisch gezeigt. Nicht, dass Tobias Sippel ein schlechter Torhüter wäre, und ein Fauxpas wie der Sippels vor dem entscheidenden Treffer, passiert auch anderen Keepern. Aber ohne Sommer fehlt in der Gladbacher Hintermannschaft ein Spieler. Die fußballerischen Fähigkeiten Sommers, das Mitdenken in der Eröffnung und offenbar auch seine Hilfe beim Ordnen der Abwehr sind nicht zu ersetzen. Wir wünschen uns, dass man den Schweizer während seiner Regeneration mit Lachs und Kaviar füttert und ihn auf Euro-Scheine oder unserethalben auch Schweizer Franken bettet, damit er seinen Vertrag über die Saison hinaus verlängert. Der „Mehr-als-ein“ Torwart wird gebraucht, um so bitterer, dass er auch gegen Frankfurt und darüber hinaus nicht zur Verfügung steht.

Dass Ramy Bensebaini verlängert, gilt als ausgeschlossen, seine „Warum-nicht“-Rhetorik sollte man geflissentlich ignorieren. Was soll er denn sagen? Im Moment kann Luca Netz ihn noch nicht annähernd ersetzen, auch das wurde bei den Spielen, bei denen der Nachwuchsmann auf der Linksverteidigerposition agierte, deutlich. Trotz seines Tores gehörte Netz gegen Darmstadt zu den schwächeren Spielern und wird am Samstag wohl wieder auf der Bank platz nehmen. Allerdings wird er vermutlich nur über Spielpraxis zu dem Linksverteidiger werden, den Borussia brauchen wird, wenn Bensebaini mal nicht mehr da ist. Es ist die Spielpraxis, die auf der anderen Abwehrseite Joe Scally im Überfluss bekommt, und warum auch nicht. Die Zeit von Stefan Lainer in Gladbach scheint abgelaufen, Daniel Farke setzt trotz schwankender Leistungen konstant auf den US-Amerikaner.

Der Rest der Mannschaft stellt sich von alleine auf, solange Kramer, Neuhaus, Hofmann und Itakura fehlen. Im Mittelfeld wird Nathan Ngoumou eine weitere Chance erhalten. Seine Leistung gegen Darmstadt wurde auch in der Seitenwahl-Redaktion höchst unterschiedlich beurteilt. Auf jeden Fall hat der junge Franzose ein beeindruckendes Tempo. Allerdings setzt er diese Stärke bisher so wenig effizient ein, dass der eine oder andere starke „Odonkor-Vibes“ verspürte. Dass er mehr ist, als ein Leichtathlet, muss Ngoumou noch unter Beweis stellen. Gerne jetzt.

Eintracht Frankfurt ist ähnlich durchwachsen in die Bundesliga-Saison gestartet wie Borussia, rangiert mit einem Punkt mehr einen Tabellenplatz vor Borussia. Allerdings fährt das Team weiter dreigleisig, steckt diese Mehrbelastung bisher recht ordentlich weg und hat im Gegensatz zu Borussia auch im Pokal nichts anbrennen lassen. Dabei hatte die Eintracht mit dem Spiel bei den Stuttgarter Kickers eine deutlich einfachere Aufgabe, die sie unaufgeregt und seriös löste, ohne dabei alles geben zu müssen, wie auch Trainer Oliver Glasner nach der Partie einräumte.

Dass die Frankfurter trotz 17 Punkten in der Bundesliga ähnlich wenig konstant sind, wie die Borussia, zeigt, dass das Team am vorletzten Spieltag dem VfL Bochum den ersten Saisonsieg ermöglichte und der mit 3:0 nicht einmal knapp ausfiel. Eine Woche später fegten die Frankfurter dann Bayer Leverkusen mit 5:1 vom Platz. Ähnlich janusköpfig präsentiert sich Borussia, denkt man an den begeisternden Auftritt gegen Leipzig und die folgende Pleite in Bremen.

Bei Frankfurt sind die Personalprobleme wesentlich kleiner als in Gladbach, allerdings muss Oliver Glasner aus Gründen der Belastungssteuerung immer wieder basteln – so steht auch nach dem Spiel in Mönchengladbach ein womöglich vorentscheidendes in der Champions League gegen Olympique Marseille an. Einziger langzeitverletzter Stammspieler ist Routinier Makoto Hasebe, dessen Rolle in der Dreierkette Kristijan Jakic übernommen hat. Der gelernte defensive Mittelfeldspieler tut das bisher mit Erfolg, gemeinsam mit Evan Ndicka und dem Brasilianer Tuta.

Auf der linken Seite hat sich mit Christopher Lenz ein Spieler im besten Fußballalter einen Stammplatz erkämpft, der eine lange Gladbacher Vergangenheit hat. 111 Spiele für die U23 hat der heute 28-Jährige bestritten. In vier Spielzeiten kam er aber nicht über die Zweitvertretung hinaus und entwickelte sich danach bei Holstein Kiel und Union Berlin zu einem Spieler für höhere Aufgaben. Die erfüllt er jetzt in Frankfurt zur allgemeinen Zufriedenheit. Für die vielkritisierte Qualität der Gladbacher Nachwuchsarbeit ist das prima vista keine schöne Erkenntnis.

Ein weiterer in Frankfurt längst etablierter Spieler mit Borussen-Vergangenheit ist Djibril Sow, der in Gladbach vor allem wegen eines verschossenen Elfmeters im Gedächtnis geblieben ist. Bei der Eintracht hat sich der Schweizer zum Dauerbrenner und Leistungsträger entwickelt.

Der Gewinner der Saison bisher ist Angreifer Kolo Muani. Einer von zwei Neuzugängen aus Frankreich, wo längst nicht nur Borussia scouten kann, ist erfolgreicher Vorbereiter und hat selbst immerhin dreimal getroffen.

 

Mögliche Aufstellung

Borussia: Sippel – Scally, Friedrich, Elvedi, Bensebaini – Weigl, Koné -  Ngoumou, Stindl, Plea - Thuram

Frankfurt: Trapp – Tuta, Jakic, Ndicka – Dina Ebimbe Kamada, Sow, Lenz – Lindström, Götze – Kolo Muani

 

SEITENWAHL-Prognose

Christian Spoo: Verunsicherte Gladbacher treffen auf selbstbewusste Frankfurter. Die ersatzgeschwächte Truppe hat Darmstadt noch in den Knochen und erlaubt erneut zwei hessische Tore, ein eigenes gelingt nicht. In Zahlen 0:2.

Michael Heinen: Zuhause ist Borussia eine Macht. Gegen Frankfurt reicht es am Ende aber leider nur zu einem 2:2.

Michael Oehm: Alarm! Die Hessen kommen schon wieder. Dieses Mal zu Besuch bei uns. Es spricht eigentlich alles gegen uns, und das reizt zum Widerspruch: Überraschend ringt der klare Außenseiter die Frankfurter Übermacht nach langer Zeit im Rückstand doch noch nieder und kommt zu einem 2:2. Sorry, aber mehr Optimismus ist nicht drin!

 

  • 05. Dezember 2022 @GaalSte Die ersten 10 Spiele von André Schubert waren außerirdisch gut. Haben wir auch nie verneint.
  • 05. Dezember 2022 @exprofis Alternativverwendung als Chefanimateur im Campo Bahia, WiFi-Passworterfinder und Laternenwächter in Sotchi.
  • 05. Dezember 2022 @exprofis Gewusst wie, denn um den Abstieg vorzubereiten ist Reinhold Messner der beste Experte, der zu kriegen ist.
  • 05. Dezember 2022 @Wackeler Das ist so, ja.
  • 05. Dezember 2022 @Doering_Stefan Dem Stefan @kluettermann gefällt das.
  • 05. Dezember 2022 Wurde Zeit. #Brhff
  • 05. Dezember 2022 @IgSchiri Kindergarten ist übrigens ein gutes sprachliches Bild für das Niveau, auf das sich die Schiedsrichterei zurückgezogen.

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