Roland Virkus hat es geschafft. „Ich muss jetzt mal auf die Euphoriebremse treten“, sagte der Geschäftsführer in seiner ersten Rede vor Borussias Mitgliedern am Montagabend im Borussia-Park. Und dann vollzog er eine Vollbremsung, dass allen Anwesenden und den tausenden Menschen, die die Mitgliederversammlung digital verfolgten, ganz schwindlig wurde. Lucien Favre kommt nicht. Die Trainersuche steht wieder ganz am Anfang.

Seitenwahl hat damit eine doppelte Premiere zu feiern. Zum ersten Mal haben wir mit der Meldung einer Personalie nicht gewartet, bis diese Personalie hochoffiziell vom Verein bestätigt wurde. Und zum ersten Mal haben wir damit eine ausgewachsene Ente aufs Wasser gesetzt. Wir waren uns sicher. Völlig sicher. Bombensicher. Und haben darüber vergessen, mit wem wir es hier zu tun haben. Wie konnten wir? Lucien Favre, der größte Zögerer und Zauderer vor dem Herrn auf der einen. Und eine neu zusammengesetzte Borussia, die aufgrund zahlreicher teils externer Faktoren nicht in der Position ist, große Versprechen zu machen, auf der anderen.

Er kommt. Da waren nicht nur wir uns sicher. Das waren mehr als Gerüchte. Und nachdem schon das Nürnberger Zentralorgan des deutschen Fußballs „Favre, erstes Training am 26. Juni“ titelte, ließ selbst der Autor dieser Zeilen, sonst jedes Hangs zu Optimismus und verfrühter Euphorie unverdächtig, alle Hemmungen fallen und stellte den dazu längst im Stehsatz befindlichen Text einfach mal online. Mea Culpa!

Es war aber auch schön. Die Personalie Favre hatte es geschafft, dass die Seitenwahl-Redaktion, und sicher nicht nur die, plötzlich geneigt war, gnädig Gras über die fürchterlichen letzten 18 Monate wachsen zu lassen. Warum, geht aus dem Willkommenstext vom 22.05. deutlich hervor. Die Aussicht auf die Rückkehr des Monsieur/Magiers/Messias ließ erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder so etwas wie Euphorie im Zusammenhang mit Borussia aufkommen. Das zumindest hat auch Roland Virkus bemerkt. Siehe oben.

Es ist naheliegend, jetzt zu überlegen, woran es gelegen hat. Was ist da hinter den Kulissen passiert? Wie weit war Borussia wirklich mit Favre? Was hat ihn umgestimmt? Klar dürfte sein, dass die offizielle Aussage Borussias „Lucien möchte nicht mehr in Deutschland arbeiten“ mit großer Vorsicht zu genießen ist. Alles andere ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation. Und da wir uns gerade erst die Finger verbrannt haben, lassen wir sie vorerst von der heißen Herdplatte.

Wir versprechen: Demnächst wird Seitenwahl mit der Verkündung von Personalien warten, bis Borussia offiziell verkündet, was die Spatzen schon seit Wochen von allen Dächern pfeifen. Auch wenn wir damit die letzten sind, die irgendetwas veröffentlichen. Und auch, wenn einem der beiden hauptberuflichen Journalisten im Team (i.e. mir) dabei die Finger bis zum Gehtnichtmehr jucken. Es ist nicht vorbei, bis die Dicke Frau gesungen hat. Oder in diesem Fall der dünne Mann.

Festzustellen bleibt uns: Borussia steht am 31.05.2022 splitternackt da. Kein Trainer, keine Transfereinnahmen, keine Neuzugänge. Was sich untereinander vermutlich bedingt. Der Trainer, den man hoffentlich noch vor Saisonbeginn verpflichten wird, wird nach dem Favre-Debakel bestenfalls als B-, je nachdem wer es ist auch als C-Lösung wahrgenommen werden. Womit er zwar perfekt zum Sportdirektor passt, aber ansonsten einen schweren Start haben wird.

Schließen möchte ich mit einem Zitat meines Seitenwahl-Kollegen Michael Heinen vom Abend der Mitgliederversammlung: „Wir sind wieder da, wo wir – bezeichnenderweise vor Favre - herkamen. Ich halte es für realistisch, dass uns die nächsten Jahre weit mehr an 1997-2011 als an 2011-2018 erinnern werden.“


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