freiburg neuGestern um die Zeit war die Welt noch in Ordnung. Ich war voller Vorfreude auf ein Spiel zweier Mannschaften, die normalerweise aktiv Fußball spielen und Tore erzielen wollen. Auf die Statements eines sympathischen Gästetrainers, aber auch auf den Heimsieg, der nach dem bisherigen Saisonverlauf erforderlich, aber auch zu erwarten war.

Was dann passierte, ist schwer in Worte zu fassen. Mein erster Eindruck: Hier treffen zwei Teams aufeinander, von denen das eine vor dem Spiel literweise Beruhigungstee zu sich genommen hat, während das andere wahlweise in den Zaubertrank gefallen ist oder eine Linie Koks geschnupft hat. Bitte nicht wörtlich nehmen, ich bin weit davon entfernt zu behaupten, dass die Freiburger dopen oder Drogen nehmen. Das sprachliche Bild dient nur zum Beschreiben des brutalen Unterschieds im Habitus beider Teams von der ersten Minute des Spiels an. Während die Freiburger von der ersten Sekunde des Spiels hellwach waren, aggressiv versuchten jeden ballführenden Borussen in Überzahl unter Druck zu setzen und so tief in der Gladbacher Hälfte jeden Spielaufbau unterbanden und zahlreiche Bälle eroberten, die sie dann zuverlässig im Gladbacher Tor versenkten, war die Passivität und Schläfrigkeit auf Gladbacher Seite buchstäblich nicht zu ertragen.

Wahrscheinlich möchte niemand hier noch einmal die Historie des Spiels nachlesen – das Resultat dieser Herangehensweise ist hinlänglich bekannt. Gladbach kann sich glücklich schätzen, dass die Freiburger ab der 37. Minute erkennbar zwei Gänge zurückschalteten und das Ergebnis mehr oder weniger verwalteten (nicht ohne dennoch oft genug gefährlich vorm Gladbacher Tor aufzutauchen).  Anderenfalls würden wir jetzt wahrscheinlich nicht nur über eine der höchsten Gladbacher Heimniederlagen in der Geschichte diskutieren, sondern darüber, dass der uralte Rekord des 12:0 gegen Borussia Dortmund aus dem Jahre 1978 pulverisiert wurde.

Lässt man das Spiel unabhängig vom Ergebnis noch einmal Revue passieren, fallen einige Dinge auf: Erstens – Freiburg hatte zu jedem Zeitpunkt des Spiels Überzahl in Ballnähe. Zweitens – Freiburg gewann nahezu jeden relevanten Zweikampf. Drittens – Freiburg gelang es auch außerhalb von Standardsituationen jederzeit, 3-4 Offensivspieler in den Gladbacher Strafraum zu bringen und die dann auch anzuspielen. Viertens – Freiburg spielte im Aufbau einen gepflegten, flachen, schnellen Kurzpass mit einer geradezu selbstverständlichen und perfekt einstudierten Bildung von Dreiecken um die Gladbacher Gegenspieler herum, während das Gladbacher Offensivspiel aus sinnlosen Läufen mit dem Ball bestand, alternativ aus langen, hohen Schlägen nach vorne, bei denen man nicht wusste, ob es Befreiungsschläge oder der Versuch eines Konters sein sollten. Fünftens - die Statistik des Spiels weist auf Freiburger Seite eine um 7km höhere Laufleistung aus, das sind Welten.

Alle Punkte zusammengenommen machen deutlich, welchen spielerischen Offenbarungseid die Mannschaft gestern abgeliefert hat, ein Spiel, dass den völligen Zusammenbruch gegen den Wolfsberger AC im September 2019 bei weitem übertrifft.

Mit der Frage nach den Ursachen waren alle Protagonisten gestern überfordert, einschließlich des Gästetrainers. Ob die Gladbacher heute klüger sind, darf bezweifelt werden. Bei der Ursachenforschung stellen sich einige Fragen:

Ist die Mannschaft nicht fit? Wiederholt fällt Borussia Mönchengladbach in der Laufleistung gegenüber direkten Konkurrenten deutlich ab, ein Zustand, den man früher nicht kannte. Konnte man in der vergangenen Saison noch die Dreifachbelastung als Entschuldigung für manches zähe Spiel auf dem Zahnfleisch anführen, fällt dieser Punkt heute weg. Gäbe es ein Fitnessproblem, wäre dies in der Tat besorgniserregend.

Ist die Mannschaft charakterlich tot? Die Frage hatten wir bereits vor Wochen in einem Artikel von Joachim Schwerin aufgeworfen. Sie hat gestern neue Nahrung erhalten. Sollte es tatsächlich so sein, dass einige Spieler nicht voll bei der Sache sind, weil sie sich mit Karriereoptionen jenseits von Borussia Mönchengladbach beschäftigen und deshalb innerlich mit Gladbach abgeschlossen haben, wäre das nicht minder besorgniserregend. Eher mehr. Jeder dieser Spieler sollte sich darüber im Klaren sein, welches Privileg es ist, für Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga zu spielen, auch wenn damit keine jährliche Champions-League-Qualifikation verbunden ist und auch wenn mutmaßlich in Newcastle der Gehaltsscheck um Einiges höher sein dürfte. Einige der möglicherweise auf dem Absprung befindlichen Spieler sind einst von größeren Vereinen zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, gerade weil sie sich von diesem Wechsel die Entwicklung zum Stamm- und Führungsspieler auf einer spezifischen Lieblingsposition erhofften, für die sie bei „Weltvereinen“ keine Perspektive sahen. Vergessen?

Haben wir eine funktionierende Spielidee? Gestern war jedenfalls nichts davon zu sehen, dass wir überhaupt eine haben, geschweige denn eine funktionierende …!

Gibt es ein Problem zwischen Trainer und Mannschaft? Bis gestern deutete nichts darauf hin. Und im Grunde genommen will man sich auch nicht vorstellen, dass es zwischen Trainer und Mannschaft zu atmosphärischen Störungen gekommen sein sollte.

Fakt ist aber: Die nächsten Spiele gegen einen unaussprechlichen „Verein“, Frankfurt, Hoffenheim, Bayern und Leverkusen werden alles andere als einfach.

Sollten aus diesen Spielen bis Mitte Januar Null (oder wenige) Punkte geholt werden, was vor dem Hintergrund der Gegner und mit der Erfahrung der Negativserie aus dem Frühjahr 2021 alles andere als abwegig erscheint, redet man bei Borussia Mönchengladbach nicht mehr davon, um ein paar Punkte hinter den selbstgesteckten Zielen zu liegen. Man würde dann davon reden, wie der Abstand zu Hertha, Stuttgart, Augsburg und Bielefeld gewahrt werden kann, damit man nicht den Weg von Schalke, Werder oder des HSV geht.

Nach gestern ist nichts mehr undenkbar und deshalb gibt es jeden Grund, alarmiert zu sein!     


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