Vor ziemlich genau 10 Jahren begann in Mönchengladbach eine im modernen Profifußball einzigartige Erfolgsgeschichte. Anders als in Fuschl am See, wo der oftmals als „märchenhaft“ propagierte Aufstieg vermeintlicher Rasenballsportler einzig den Marketingmaßnahmen eines rechtsradikalen Egozentrikers zu verdanken ist, hat sich Borussia aus eigener Kraft in die Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga katapultiert und dort jahrelang etabliert. Dieser wahrlich wunderbare Aufstieg war viele Jahre mit dem Namen von Lucien Favre verbunden. Er hielt aber weiter an, nachdem dieser dem Verein 2015 überstürzt den Rücken kehrte. Die wichtigste Erfolgskonstante ist daher weniger auf dem Trainerposten zu suchen, sondern in den verantwortlichen Personen darüber. Im wohltuend zurückhaltenden und umsichtig agierenden Königs, der gemeinsam mit seinen fußballkompetenten Kollegen Meyer und Bonhof sowie dem wirtschaftlich fundierten Söllner das Präsidium bildet. Analog dazu sind auch in der Geschäftsführung die Rollen ebenso klar wie kompetent verteilt: Stephan Schippers ist der Herr der Zahlen und Garant für die wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung des Vereins. Sportlich thront dagegen Max Eberl über allem, der wie kein zweiter im Verein als unersetzlich gelten muss. Der Verlust eines vermeintlichen Top-Trainers wie Marco Rose ist daher zwar ärgerlich. Er sollte den Verein aber letztlich nicht ins Bodenlose fallen lassen, solange die übergeordneten Personalkonstanten dem Verein die Treue halten und diesen – wie so oft in den letzten Jahren – durch mal mehr, mal weniger schwere Zeiten lenken. Umso überraschender mutet es an, dass die Nachricht vom Wechsel des Trainers zum Conference-League-Anwärter BV 09 Dortmund den Verein in den letzten Wochen dermaßen in Unruhe versetzt hat, was sich inzwischen merklich auf die Leistungen in der Mannschaft auswirkt.

Das 0:1 gegen Bayer Leverkusen bildet hier keine Ausnahme. Schön geredet könnte konstatiert werden, dass die letzten drei Partien gegen die Spitzenmannschaften aus Leipzig, Dortmund und Leverkusen allesamt nur knapp verloren wurden und mit etwas Glück mehr drin gewesen wäre. Es sind aber nicht nur die Ergebnisse mit einem Punkt aus den letzten sieben Partien. Es ist nicht nur, dass mit Köln und Mainz auch deutlich schwächere Gegner einen verdienten Sieg im Borussia-Park einfahren konnten. Es sind primär die uninspirierten Auftritte einer Mannschaft, die in den letzten Jahren bewiesen hat, dass sie es deutlich besser kann. In vier der letzten sieben Partien wurde kein einziges Tor erzielt. Zwingende Chancen sind mittlerweile ebenso Mangelware wie durchdachtes Offensivspiel. Die Mannschaft ist nicht tot und fällt nicht völlig in sich zusammen. Sie wirkt aber dennoch seltsam leblos und gehemmt. Es mache keinen Spaß, gab selbst Hannes Wolf nach der Partie am Samstag zu Protokoll, der wie kein zweiter vom derzeitigen Trainer profitiert hat. So dümpelt der Verein von Spiel zu Spiel und fällt tabellarisch immer weiter zurück – inzwischen sogar in die vom Verein so lange gemiedene untere Tabellenhälfte.

Unstrittig ist: Der Verein befindet sich in einer Krise, und zwar der größten seit eben jenen Tagen vor 10 Jahren als sogar der Absturz in die 2. Bundesliga akut drohte. Dieses Schicksal wird Borussia in diesem Jahr nicht mehr ereilen können. Dennoch kann der Verein nicht tatenlos zusehen, wie eine so verheißungsvoll begonnene Saison vollends in den Sand gesetzt wird. Noch immer sind 10 Partien zu absolvieren – und zwar allesamt gegen Gegner, die eine funktionierende Borussia zu schlagen in der Lage ist. Aktuell ist es nur ein Punkt bis zum 7. Platz, der aller Voraussicht nach zur Teilnahme an der einzig wahren CL, nämlich der neu eingeführten European Conference League, berechtigen wird. Die Saison ist also noch nicht vorbei und es muss weiter das Bemühen aller Beteiligten in und um den Verein sein, dieses Ziel zu erreichen – so unattraktiv es sportlich aussehen mag. In Zeiten von Corona ist Borussia auf solche Einnahmen mehr denn je angewiesen. Außerdem sendet es ein wichtiges Signal an die zahlreichen umworbenen Spieler im Verein, dass der Verein weiter zu den Großen im Lande gehört.

Max Eberl hat sich in den vergangenen Wochen sehr stark positioniert, diesen Weg mit Marco Rose gemeinsam gehen zu wollen. Entgegen der derzeit in Fankreisen vorherrschenden Meinung ist es selbst mit diesem Trainer nicht ausgeschlossen, dass sich die Mannschaft in den kommenden Wochen von ihrer offensichtlichen Last befreit und ihr doch noch der Sprung in den internationalen Wettbewerb gelingt. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist aber deutlich geringer als wenn es der Verein übergangsweise mit einer anderen Person versucht. Es kann kaum noch bestritten werden, dass die Spieler von der aktuellen Situation gehemmt und verunsichert werden. Ob sie sich bewusst oder unbewusst gegen ihren Übungsleiter stellen, spielt dabei keine wesentliche Rolle. Es spricht in beiden Fällen sehr viel dafür, dass eine Befreiung von dieser Last einen wichtigen Impuls bieten könnte, um die wenigen, aber oft entscheidenden Prozentpunkte an Lockerheit und Spielfreude zurückzuholen.

Max Eberl und seine Kollegen im Präsidium werden sich darüber genauso Gedanken machen wie wir alle, die wir es mit Borussia halten. Es ist richtig, dass sich der Verein nach außen als Einheit präsentiert und das Präsidium den Weg des sportlichen Geschäftsführers stützt. Es ist aber ebenso wichtig, dass intern die Situation hinterfragt wird und Sie können davon ausgehen, junger Mann, dass genau dies kontinuierlich geschieht. Eberl hat in der Vergangenheit schon oft einen Hang zur Sturheit nachgewiesen. Dieser Makel ist gleichzeitig seine Stärke, denn ohne diese Beharrlichkeit und Penetranz wären sehr viele Transfers nie zustande gekommen und ein Lucien Favre hätte vermutlich schon viele Jahre früher den Verein verlassen.

Borussias Streben nach Kontinuität und Leitplanken um (fast) jeden Preis ist ein wichtiger Teil ihres Erfolgskonzepts. Der Verein sollte aber aufpassen, dass dies nicht zum Selbstzweck wird und einsehen, dass es für alles Grenzen geben muss. Bei Michael Frontzeck 2011 wurde die Reißleine erst im allerletzten Moment gezogen als es fast schon zu spät gewesen ist. In der aktuellen Situation wird man sich fragen müssen, ob es tatsächlich wert ist auf die (weit höhere) Chance auf internationale Gelder zu verzichten, um das Bild des nibelungentreuen Vereins partout aufrechtzuerhalten. Und das für einen Mann, der zunächst vollmundig angekündigt hat, mit diesem „tollen Verein“ etwas Großes aufbauen zu wollen, um sich dann schon nach einem Jahr nach der aus seiner Sicht nächst schöneren Braut umzusehen.

Die Kollegen des „Mitgedacht“-Blog haben ebenso wie meine Redaktionskollegen in den vergangenen Wochen viel Schlaues zur Causa Rose und zur Notwendigkeit eines Wechsels verfasst, was hier keiner Wiederholung bedarf. Es ist kein Weltuntergang, wenn Borussia eine Saison ohne internationalen Fußball auskommen muss. Es ist erst recht kein Weltuntergang, wenn ein offensichtlich ohnehin überschätzter Trainer dem Verein den Rücken kehrt. Es wird nicht einmal die Welt untergehen, wenn diesen Sommer – wie des Öfteren in den letzten 10 Jahren – einige der besseren Spieler für einen angemessenen Betrag den Verein wechseln. Dies alles sind die normalen Vorgänge in einem Verein, der sich eben nicht ganz oben in der Nahrungskette des Profifußballs befindet, sondern der sich immer wieder aufs Neue behaupten und aufstellen muss. Die einzig wirkliche Gefahr für den Verein besteht darin, dass sich die einzigartige Phalanx aus Präsidium, Geschäftsführung und Fanbasis auseinanderdividieren lässt und im schlimmsten Fall auseinander bricht. Es ist legitim, über einzelne Sachverhalte unterschiedlicher Meinung zu sein. Kritik an einzelnen Personalentscheidungen sollte nicht verwechselt werden mit einer Generalkritik an den Entscheidungsträgern. Niemand, der es gut mit Borussia meint, kann und wird ernsthaft die Position der Herren Königs, Meyer, Bonhof, Söllner, Schippers oder Eberl in Frage stellen wollen. Vorstand und Geschäftsführung sollten aber froh und dankbar sein, dass sie in ihrer oftmals schwierigen Entscheidungsfindung von einer solch konstruktiv kritischen Fanbasis unterstützt und flankiert werden. Und es sollte sie zum Nachdenken anregen, wenn ihnen dermaßen einträchtig – und nicht nur aus der dumpfen Emotionalität mancher Accounts in den sozialen Medien – nahegelegt wird, es für den Rest dieser Saison mit einem anderen Weg zu versuchen. Entgegen der öffentlichen Verlautbarungen gehen wir davon aus, junger Mann, dass genau dies hinter verschlossenen Türen geschieht. Denn auch die Nähe zur Fanbasis zeichnet diesen einzigartigen Verein Borussia Mönchengladbach aus, der sich von der streitbaren Karriereentscheidung eines Möchtegern-Welttrainer-Imitats nicht nachhaltig aus der Bahn werfen lassen wird.


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