"Das habe ich nicht verdient, so einen Tod. Ich baue mir gerade ein Haus." -
"Was Sie verdienen, hat nichts damit zu tun." Dieser Dialog stammt aus Clint Eastwoods Film "The Unforgiven" (dt. Titel siehe oben), aber so ein bisschen hätte er in leicht abgewandelter Form auch zwischen Manuel Neuer und Ramy Bensebaini in der 91. Minute des Spiels am 14. Spieltag stattfinden können. In dem Moment schickte sich der Algerier an, mit einem Elfmeter die Hoffnungen der Münchener gänzlich zu töten. Der Gedanke "Das haben wir aber doch nicht verdient" wird dabei im Kopf so manchen Bayernspielers oder Fans präsent gewesen sein, wurde aber von Bensebaini genauso für völlig irrelevant erachtet, wie von Clint Eastwood in jener Filmszene.

Spiele gegen Bayern München sind immer etwas Besonderes, aber diesen Sieg wird man in Mönchengladbach vermutlich noch lange in Erinnerung haben. Man hat in den letzten Jahren ziemlich häufig gegen die Bayern gewonnen (häufiger als jede andere Bundesligamannschaft), aber meist war dies aufgrund einer Mischung von intelligenter höchst diszipliniert ausgeführter Taktik, einem vorteilhaften Spielverlauf (jenes frühe Tor, das alles ändert) und purem Glück. Letzteres hatte man sicher auch in diesem Spiel aber die anderen beiden Komponenten glänzten durch Abwesenheit. Die beabsichtigte Taktik unterschied sich nicht groß von der Herangehensweise bei anderen Heimspielen: frühes Stören, schnelles vertikale Spiel, Rose-Fußball halt, aber sie konnte aber über weite Strecken überhaupt nicht umgesetzt werden. Der Spielverlauf war auch nicht auf Gladbacher Seite, denn ziemlich bald stand man unter enormen Druck und mit dem Führungstreffer schien das Spiel entschieden zu sein. "Rock’n Roll ist, wenn man’s trotzdem macht" sang vor vielen Jahren mal der von mir sehr verehrte deutsche Liedermacher Thommie Bayer und genau das war das Bemerkenswerte an diesem Spiel: Borussia hatte spätestens nach dem 0:1 eigentlich keine Chance, aber sie machte es trotzdem. Unter Favre war Gladbach filigraner Jazz, unter Schubert schwer einzuordnender Crossover, unter Hecking biederer Schlager, aber jetzt, unter Rose, sind wir Rock’n Roll … and I like it!

Aber fangen wir von vorne an. Rose vollzog die mittlerweile typische Rotation: Die gegen Freiburg so überzeugenden Embolo und Herrmann wurden durch Stindl und Plea ersetzt. Im Nachhinein liegt es nahe, das als Fehlentscheidung anzusehen, vor allem wo das Spiel später mit Embolo und Herrmann erheblich besser lief, aber das ist eine etwas naive Interpretation des Spiels. Fakt ist, dass die gesamte Mannschaft (und das wäre mit einer anderen Startelf vermutlich ähnlich gewesen) zu Beginn enormen Respekt vor entweder dem Gegner oder auch einfach nur vor der Situation (Tabellenführer vs Titelverteidiger, Klassiker, Mythos, Medienhype) hatte. Natürlich hatte auch die Qualität des Gegners einiges damit zu tun, dass so viele Zweikämpfe verloren worden, Bälle hängen blieben usw., aber angesichts der Tatsache, um wie viel besser das später wurde, kann man schon vermuten, dass die Mannschaft zu Beginn etwas gehemmt war.
In der ersten Viertelstunde war das Spiel noch sehr zerfahren mit zahlreichen Unterbrechungen, aber je länger es anhielt, desto dominanter spielte der Meister aus München. Die zahlreichen Chancen der Bayern wollen wir gar nicht aufzählen, sondern nur kurz den drei Worten "mit vollem Umfang" huldigen. Und Gladbach? Fand so gut wie nicht statt! Die wenigen guten Ansätze wurden schnell vertändelt, wobei vor allem Alassane Plea mehrfach eine unglückliche Figur machte. Das Beste an dieser ersten Halbzeit war der Abpfiff und die Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt immer noch 0:0 stand. Warum auch immer.

In der zweiten Hälfte machten die Bayern dann früh das Tor, bei dem der vorher überragende Sommer nicht ganz so gut aussah, und vielleicht war das ihr entscheidender Fehler. Man kann diskutieren, warum die Bajuwaren sich danach zurückzogen. Wollten sie auf Konter spielen? Waren sie einfach sicher, dass das reichen würde? Hatte sie sich zu sehr verausgabt? Wie auch immer, das taten sie, die Borussia kam zum ersten Mal zu längeren Passagen von Ballbesitz, fraß sich in das Spiel rein (um Marco Rose zu zitieren). Das 1:1 per Kopfball durch Bensebaini lag dann zwar nicht wirklich in der Luft, aber es kam auch nicht mehr gänzlich überraschend.
Und auch danach schalteten die Bayern nicht wieder einen Gang höher, sondern die Borussia war nun im Spiel, gewann Zweikämpfe und kam immer wieder gefährlich nach vorn, wobei der wie immer fleißige Thuram ein paar mal etwas eigensinnig agierte. Dafür holte er aber den alles entscheidenden Elfmeter heraus. Eigentlich war der Ball ja schon weg, Thuram konnte ihn zwar noch berühren, aber unmöglich kontrollieren. Man könnte meinen, dass ein erfahrener Welt. und Europameister wie Javi Martinez in solch einer Szene routiniert Thuram leicht ablocken und den Ball ins Aus laufen lassen würde, aber der Depp packte die Grätsche aus, die Gladbachs Stürmer dankbar annahm. Was uns dann zum Showdown zwischen Manu und Clint…äh Ramy brachte, welcher anscheinend von Tobias Sippel zum Schießen des Elfers aufgefordert worden war ("Bei uns macht das ab sofort der zweite Torwart", äußerte sich Rose auf der PK zur Bestimmung des Schützen).

Dass Bensebaini traf, werden unsere Leser wissen, was uns zurück zum "verdient" bringt. Natürlich hatten die Bayern ein Chancenplus, haben die individuell besseren Spieler und hatten das Spiel lange Zeit im Griff, aber Dinge wie "Chancenverwertung" und "Sack zu Machen" gehören halt auch zum Anforderungsprofil einer Profimannschaft. Oder anders herum: Wie die Borussia in dieses Spiel zurückgekehrt ist, war großartig. Dass man dann mal so eben Embolo und Herrmann von der Bank bringen kann, zeigt, wie gut der Kader besetzt ist. Und dass man 5 Minuten vor Ende nicht Kramer in Spiel bringt, um das 1:1 zu halten, sondern Maestro Raffael als offensives Kreativelement einsetzt, zeigt auch die allgemeine auf Sieg und Risiko ausgerichtete Philosophie. 

Der Borussiapark wusste die unerwartete Wende auf jeden Fall sehr zu schätzen. Seit langem hat man das Stadion nicht so beben und feiern gehört wie an diesem Samstagabend. Wie bei den Vorgänger-Eruptionen (Colautti 2009, de Carmago 2011) war es eine Kombination von Bedeutung und Überraschung, die den Sieg so wundervoll machte (Wir verweisen an dieser Stelle auch auf die Vergleichsstudie zwischen Sex und Fußball in Nick Hornbys Buch "Fever Pitch"). Und die Freude ist völlig begründet. 8 Wochen lang an der Tabellenspitze, 7 Punkte und 6 Plätze vorm deutschen Meister: Es gibt sehr viel, über das man sich zurzeit in Gladbach freuen kann und sollte. Die Realitäten sollte man dabei aber auch im Hinterkopf behalten. Über weite Strecken war der VFL am gestrigen Tag klar unterlegen und im Normalfall wird sich dieser Abstand zu den Bayern über die restlichen 20 Spieltage auch noch punktetechnisch und tabellarisch niederschlagen. Eine Meisterschaft der Borussia wäre auch jetzt trotz der hervorragenden Ausgangslage immer noch eine ziemliche Sensation. Das wird allerdings die Medien nicht davon abhalten, genau dieses Thema in den nächsten Wochen gnadenlos zu hypen. Für die Presse ist dies eine Win-Win-Situation: Wird Gladbach am Ende wirklich das germanische Leicester, dann war man früh dabei, dieses Wunder schildern. Ereilt den VFL dann aber doch irgendwann mal der zu erwartende Rückfall in die Normalität, kann man all die "Unter dem Druck eingebrochen" und "Es reicht halt nicht"-Geschichten auspacken. Borussia Dortmund hat all das in der Vorsaison sehr schön am eigenen Leib erleben dürfen. Auch beim besten Willen ist es kaum zu vermeiden, dass der ansteigende mediale Druck irgendwann auch Auswirkungen auf die Spieler haben wird. Lucien Favre pflegte in solchen Situationen das von "Spiel zu Spiel"-Mantra zu predigen, unter Marco Rose denken wir heutzutage aber eher von Tabellenführung zu Tabellenführung. 

Die Einschätzung der anderen SEITENWAHL-Redakteure:

Mike Lukanz: Niemand, ich sage niemand, hätte sich diese Story ausmalen können. Gladbach empfängt als Tabellenführer die Bayern und gewinnt nach Rückstand durch ein Tor in der Nachspielzeit. Der Querulant Cuisance saß 90 Minuten auf der Bank und musste mit ansehen, wie der Spieler, den Gladbach mit den Cuisance-Millionen kaufen konnte, beide Tore schießt. Was soll also noch kommen? Ein Auswärtssieg in Wolfsburg?

Christian Spoo: Wäre das Spiel ein Stück Fiktion, jeder Lektor hätte das Ende als unrealistisch bemängelt. Selten war es so schön, Fan von Borussia zu sein. Dabei gibt es objektiv allerlei auszusetzen: Mannschaft und Trainerstab sind die Partie zunächst mit ungeeigneten Mitteln angegangen und der Qualitätsunterschied, der in der ersten Halbzeit zu bestaunen war, war enorm. Möge man das alles richtig einordnen. Donnerstag geht es ums Überwintern im Europapokal, da muss die Mannschaft wieder da sein. Und in Wolfsburg rührt der letzte Sieg aus einer Zeit, in der Holger Fach Trainer war.

 

 

 


Folge uns auf Twitter