Der Hype könnte größer nicht sein. In Mönchengladbach und Gelsenkirchen haben zur neuen Saison Trainer angefangen, die mit enormen Erwartungen empfangen wurden. Die Parallelen sind unverkennbar. Von Marco Rose und David Wagner erwarten viele nicht weniger, als dass sie die Fans mit Spektakel und Action verzücken. Vom „Rose-Fußball“ und „Wagner-Fußball“ ist die Rede. Außerdem kommt kaum ein Portrait eines der beiden Bundesliga-Trainer-Novizen ohne die Erwähnung von Jürgen Klopp aus. Kein Wunder: Rose und Wagner haben mit oder unter Klopp gespielt. Wagner gilt als bester Freund des Liverpool-Trainers, auch Rose soll ein gutes Verhältnis zu seinem Vorgesetzten aus Mainzer Tagen haben. Entsprechend positiv hat sich Klopp zuletzt über beide geäußert. Matthias Ginter hat mit allen drei Trainern gearbeitet, und auch er setzt sie in eine Reihe: Wagner und Rose stünden wie Klopp für hohes Pressing, sowie ein zweikampf- und laufintensives Spiel. Weitere Parallelen liegen auf der Hand: Wagner und Rose sind wie Klopp eloquent und telegen. Auf den ersten Blick verkörpern sie den gleichen Typ Mann. Und dann die Bärte…

Vor dem Saisonauftakt ist aber deutlich entscheidender als Bart und Sprüche, wie sehr Rose und Wagner ihren Teams tatsächlich einen neuen Spielstil beigebracht haben und wie weit sie in den Bemühungen schon gekommen sind. Vorbereitung und Pokalspiele bieten keine ausreichenden Fingerzeige. Schalke hatte keine Mühe mit dem Nord-Regionalligisten Drochtersen, 5:0 gewann der Erstligist an dem Ort, an dem auch Borussia drei Jahre zuvor ein Erstrundenspiel erfolgreich absolvierte. Borussia hatte in Sandhausen eine auf mehreren Ebenen schwierigere Aufgabe zu absolvieren. Ein hochmotivierter Zweitligist auf klatschnassem Rasen, der 1:0-Sieg war schmutzig und nur mäßig verdient. In Sandhausen an jenem Freitag Abend gut auszusehen, wäre vermutlich nahezu jedem Bundesligisten schwergefallen. 

In den Testspielen vor der Saison war in Mönchengladbach der vor allem medial angekündigte Rose-Fußball in Ansätzen zu sehen. Aus einem nur punktuell veränderten Kader ein Team aus Pressing-Monstern zu machen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Wenn es überhaupt funktioniert, so braucht es Zeit – mehr vermutlich, als eine Vorbereitungsphase. Auch bei Schalke ist von Pressingfußball bisher nicht allzuviel zu sehen. Allerdings ist der Wagner-Ansatz bei allen Parallelen, die - siehe oben – zwischen ihm und Rose bestehen mögen, doch ein etwas anderer. Auch die Voraussetzungen unter denen beide arbeiten und gearbeitet haben, sind nicht so deckungsgleich, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Wagner trainierte in England den underdoggigsten Underdog, den man sich vorstellen kann. In Huddersfield ging es nach dem Aufstieg in die Premier League immer gegen den Abstieg. Jeder Punkt wurde gefeiert wie ein Titelgewinn. Rose dagegen hatte in Österreich ein Team, mit dem gut Pressen war. Dank der mehr als auskömmlichen Finanzierung durch den Hersteller aufgeweichter Gummibärchen mit Koffein hatte die Salzburger Mannschaft in der Liga keine wirklichen Gegner. Entsprechend mehr Gewicht legt Wagner dann doch auf die Defensive. Wer auch in der Schalker Vorbereitung genau hinsah, konnte zum Schluss kommen, dass es sich beim sogenannten Wagner-Fußball doch am Ende mehr um den klassischen Konterfußball handelt. Kompakt stehen scheint weiterhin zu den Schalker Tugenden zu gehören. In Mönchengladbach dagegen war die eigene Hälfte - für die von Favre sozialisierten Fans teilweise schwer erträglich – zeitweise recht offenes Gelände für den Gegner. Ein weiterer Unterschied zum Arbeitsbeginn für die vermeintlichen Klopp-Klone: Der Druck auf Rose dürfte ungleich größer sein. In Schalke hat die vergangene Saison Spuren hinterlassen. Es werden keine großen Ziele gesetzt, von Europa spricht niemand laut. Irgendwie besser, damit scheint es schon getan. In Gladbach dagegen kommt man von oben. Das Verpassen der Champions-League ärgert viele Anhänger doch mehr, als es den Vereinsverantwortlichen lieb sein kann. In einem Umfeld, in dem die Euro-League-Teilnahme als Trostpreis wahrgenommen wird, wird man Marco Rose nur eine begrenzte Schonzeit gewähren. Sollte es anfangs weder spektakulären Fußball noch befriedigende Ergebnisse geben, wird es womöglich schnell ungemütlich für den neuen Mann. 

Wie auch immer: Ernst wird es erst am Samstag, dann wird man sehen, wie wagnerig bzw. rosig die Mannschaften schon unterwegs sind und was das für das Kräfteverhältnis bedeutet. Personell drückt bei Borussia der Schuh zur Zeit am meisten im Mittelfeld, wo mit Christoph Kramer der etatmäßige alleinige Sechser nicht rechtzeitig fit wird. Für die Offensivpositionen kommen die Verletzten Hofmann und Stindl nicht in Frage, ob Michael Cuisance noch eine Alternative ist oder ob sein wahrscheinlicher Abgang nach den Querelen um seine Forderung nach einem Stammplatz dem im Wege steht, wird Marco Rose zu entscheiden haben. Der näherliegende Ersatz für Hofmann wäre Laszlo Benes. Oder aber Breel Embolo spielt, wie nach seiner Einwechselung in Sandhausen hinter den Spitzen, während Neuhaus und Zakaria die Außenposten der Raute bekleiden. Allerdings äußerte sich Marco Rose auf der Pressekonferenz vor dem Spiel zurückhaltend was einen Startelfeinsatz für den Neuzugang aus Gelsenkirchen angeht.  Eine weitere Variante probierte Rose am Ende des Pokalspiels aus, als er Strobl und Zakaria als Doppelsechs agieren ließ. Noch keine Alternative ist Neuzugang Ramy Benzebaini. Der Algerier wird nach Einschätzung von Rose noch anderthalb Wochen brauchen, bis er für den Kader in Frage kommt. 

Bei Schalke fehlen die Offensiven Rabbi Matondo und Mark Uth. Außerdem sind Innenverteidiger Ozan Kabak und Mittelfeldmann Alessandro Schöpf noch nicht spielfit. Der Düsseldorf-Zugang Benito Raman dagegen ist wohl soweit und soll in Gladbach sein Bundesligadebüt in blau geben. 

Mögliche Aufstellung

Borussia: Sommer – Lainer, Ginter, Elvedi, Wendt – Strobl, Zakaria – Neuhaus, Benes – Thuram, Pléa

Schalke: Nübel – Kenny Stambouli, Nastasic, Oczipka – McKennie, Serdar – Caligiuri, Harit, Skrzybski – Burgstaller

SEITENWAHL-Prognose

Christian Spoo: Borussia muss mehr verändern, um die Vorstellungen des neuen Trainers umzusetzen, als Schalke. Erst einmal pressen die Gladbacher wenn überhaupt zu zaghaft, vorne kommen nicht genug Bälle an und hinten sind die Lücken zu groß. Der fast schon traditionelle Heimsieg gegen Schalke fällt in dieser Saison aus, die Gäste gewinnen mit 2:0.

Uwe Pirl: Auch wenn es noch holpert – Samstag 18:30 sind alle hellwach. Es treffen zwei Mannschaften aufeinander, die gleichermaßen noch mit Anpassungsproblemen auf einen neuen Trainer zu kämpfen haben. Borussia kann das Besser und gewinnt 2:0. 

Mike Lukanz: Jaja, Auftaktspiele. Ein bisschen wie die ersten Dates als Pubertierender. Man freut sich wochenlang darauf und malt sich die kühnsten Dinge aus, doch am Ende wird es dann ziemlich ernüchternd. Bei Borussia ist noch viel Feinarbeit notwendig. Man wird die bessere Mannschaft sein, aber Schalke nimmt beim 1:1 einen Punkt mit und wird am Ende wieder nicht wissen, wie sie das eigentlich geschafft haben. 

Michael Heinen: Es holpert noch etwas im Spiel der Borussia. Trotzdem reicht es zu einem 2:1-Auftaktsieg. 

Claus-Dieter Mayer: Das Spiel wird viele der Baustellen der Borussia offenbaren: Die Abstimmung beim Pressing ist noch unzureichend, Stindl fehlt als Anspielstation, Thuram muss sich noch an die Liga gewöhnen. Aber da es nur Schalke ist, reicht das natürlich trotzdem zu einem 3:1-Sieg. 

Thomas Häcki: Aller Anfang ist schwer. Zwar versucht die Borussia, Druck zu entfalten, so richtig gelingt es ihr aber nicht. So rettet bezeichnenderweise nicht das System sondern eine Einzelleistung am Ende ein 1:1.


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