Nach Informationen diverser Boulevardzeitungen müsste Marcus Thuram an diesem Wochenende zum mindestens fünften Mal seinen Medizintest bei Borussia bestreiten, so oft wie sein Transfer in den letzten Wochen bereits „vor dem Abschluss“ gestanden haben soll. Dass der französische Neuzugang - vorbehaltlich eines bestandenen Medizinchecks - erst am kommenden Montag von Borussia offiziell vorgestellt wird, wie Max Eberl mit erstaunlicher Offenheit verraten hat, liegt an mehreren Faktoren: Der U21-Europameisterschaft im Juni, Thurams anschließendem Urlaub sowie den Details bei den Transferverhandlungen. Wie schon bei den geplanten bzw. vollzogenen Transfers von Malang Sarr und Breel Embolo war Max Eberl nicht gewillt, jede aufgerufene Ablöse zu bezahlen, sondern nur zum für ihn angemessenen Preis zuzuschlagen. Im Falle von Thuram dürfte die Ablöse bei rund 10 Mio. € und damit etwas unter dem Wert liegen, der für Embolo bezahlt wurde. Über die genauen Details werden die Vereine aber selbstverständlich das übliche Stillschweigen vereinbart haben.

Geboren wurde Thuram am 6. August 1997, sodass er demnächst seinen 22. Geburtstag feiern wird. Benannt nach dem jamaikanischen Panafrikanisten Marcus Garvey musste er kein Lebensjahr bis zum Gewinn des ersten Titels warten. Allerdings war es zunächst sein berühmter Vater Lilian, der 1998 mit der französischen Nationalmannschaft den WM-Pokal nach Hause brachte.

Erfolgreiche Karriere in der Jugend

Es dauerte nur 17 weitere Jahre bis Marcus zum ersten Mal selbst „etwas Blechernes“ in den Händen hielt, als die U19 seines Vereins FC Souchaux erstmals nach 2007 den bedeutendsten französischen Jugendpokal Coupe Gambardella errang. Ein Jahr später folgte bereits der nächste Höhepunkt seiner Jugendkarriere, dieses Mal mit der französischen U19-Nationalmannschaft, die in Deutschland souverän Europameister wurde. Thuram konnte hierzu nur als Edeljoker beitragen, da seine präferierte Position als Linksaußen durch einen gewissen Kylian Mbappé ganz passabel ausgefüllt wurde.

Seit er im Februar 2014 im Alter von 16 ½ Jahren erstmals für die U17 seines Heimatlandes auflief, blieb er bis zum heutigen Tag ein fester Bestandteil der französischen Jugendnationalmannschaften. Dass er in den entscheidenden Partien oft nur als Einwechselspieler eingeplant wurde, liegt an der immensen Konkurrenz im französischen Fußball. Neben Mbappé konkurrierte er in der Offensive z. B. mit dem Mainzer Jean-Philippe Mateta, Leipzigs Jean Augustin, Schalkes Amine Harit sowie mit Spielern vom Kaliber Moussa Dembele (Olympique Lyon) oder Allan Saint-Maximin (OGC Nizza). Trotzdem brachte er es in den vergangenen Jahren auf immerhin 38 Spiele in den diversen Jugendnationalmannschaften und markierte stolze neun Treffer. Dreimal nahm er bereits an Welt- bzw. Europameisterschaften teil, sodass er zumindest auf Jugendebene große internationale Erfahrung gesammelt hat.

Früher Durchbruch im Vereinsfußball

Auf Vereinsebene startete seine Karriere 2012 mit dem Wechsel in die Jugendabteilung des zweitklassigen FC Souchaux, wo er 2014 erstmals in die viertklassige Reservemannschaft befördert wurde. Da er sich dort ordentlich bewährte, folgte bereits im März 2015 sein erster Einsatz für die erste Mannschaft in der Ligue 2. In den folgenden beiden Jahren blieb er Ergänzungsspieler und absolvierte für Souchaux insgesamt 37 Spiele in der zweiten Liga, wobei er 23x eingewechselt wurde.

Trotzdem wurde 2017 der Ex-Verein von Borussias Kultfranzosen Hubert Fournier EA Guingamp auf ihn aufmerksam, wo Thuram mit 20 Jahren direkt der Durchbruch in der Ligue 1 gelang. In seinen beiden Jahren beim bretonischen Erstligisten absolvierte er jeweils 32 Spiele mit zunehmender Einsatzdauer und etablierte sich so mit der Zeit als Stammspieler. Nachdem er sich 2017/18 mit drei Treffern begnügen musste, gehörte er im letzten Jahr mit seinen neun Toren zu den wenigen Lichtblicken einer ansonsten nahezu komplett enttäuschenden Mannschaft.

Mit nur fünf Siegen, aber dafür 21 Niederlagen stieg Guingamp als Tabellenletzter ab. Tiefpunkt war das 0:9 bei Paris St. Germain im Januar 2019, mit dem der Tuchel-Klub Revanche nahm für eine bemerkenswerte Niederlage 10 Tage zuvor. Am 9.1.2019 konnte der Absteiger den Meister nämlich sensationell aus dem Ligapokal werfen, und zwar durch ein Elfmetertor in der 93. Minute eines gewissen Marcus Thuram. Hier unterstrich Borussias Neuzugang eine bemerkenswerte Nervenstärke, wenn man bedenkt, dass er in der 1. Halbzeit derselben Partie bereits einen Elfmeter verschossen und sein Teamkollege Ngbakoto in der 81. Minute per Strafstoß den Ausgleich markiert hatte. Trotzdem ließ sich Thuram nicht beirren, schnappte sich den Ball und schoss ihn mit viel Glück ins linke Toreck, obwohl Paris Keeper Areola den Ball noch berührte. Rausgeholt hatte Thuram diesen Elfmeter selbst durch einen einsamen Sturmlauf von der Mittellinie gegen vier Gegenspieler, die ihn erst im Strafraum unfair stoppen konnten.

Stärken und Schwächen

Was Thuram für Borussias neues geplantes Spielsystem besonders attraktiv macht ist seine Kombination aus Schnelligkeit und Wuchtigkeit. Mit 1,92 Meter und 88kg ist er von der Statur eigentlich ein klassischer Zentrumsstürmer. Obwohl er diese Position ebenfalls ausfüllen kann, wurde er in seiner Karriere häufiger als Linksaußen oder im linken offensiven Mittelfeld eingesetzt, wo er seine Stärken optimal einsetzen kann: Nur wenige Angreifer Europas gehen so gerne ins Dribbling wie Thuram. Mit seiner aggressiven, zweikampfstarken Art ist er zudem prädestiniert für das hohe Pressing, das Rose vorschwebt. Trotz seiner Größe hat er eine enorme Beschleunigung und Beweglichkeit und kann sich leichtfüßig selbst gegen massierte Abwehrreihen bewähren. Ihm gefällt es, wenn er sich gerne auch gegen mehrere Gegner durchsetzen und mit Tempo, Technik und Trickreichtum in den Strafraum einziehen darf. Das Kurzpassspiel gehört gleichfalls zu seinen Stärken, sodass er gut zu den spielerisch ebenso starken Mitspielern in Borussias Offensive passen sollte. Für einen Stürmer ist er allerdings noch relativ wenig torgefährlich. Selbst von seinen neun Liga-Treffern im Vorjahr erzielte er drei vom Elfmeterpunkt. Drei weitere Treffer markierte er per Kopf, was eine weitere Stärke offenbart, die ihn u. a. bei Standards gefährlich werden lässt. Ansonsten ist er aber eher jemand, der gefährliche Situationen einleitet und Fouls sowie Elfmeter provoziert.

In Sachen Elfmetern könnte er in fragwürdige Fußstapfen eines Thorgan Hazard treten, denn seine Erfolgsquote ist verbesserungswürdig. Von acht Versuchen war er in seiner Profikarriere nur fünfmal erfolgreich. Selbst sein berühmtester Strafstoß in Paris war wie oben geschildert eher schwach geschossen. Er offenbarte aber das immense Selbstbewusstsein des noch jungen Mannes, der durch seine Herkunft gestählt wurde und dies offen zur Schau stellt: „Wenn ich in ein Stadion komme, wo die Leute mich nicht mögen, motiviert mich das. Es spornt mich an, wenn die gegnerischen Fans mich beleidigen. Aufgrund meines Namens ist es normal, dass ich im Fokus stehe. Ich trage meinen Namen mit Stolz und spüre deswegen keinen Druck.“

Sein starkes Ego ist aber gleichzeitig seine Schwäche. Nicht nur, dass er sich und seine Treffsicherheit vom Elfmeterpunkt manchmal zu überschätzen scheint. In der letzten Saison wurde er gleich zweimal mit glatt Roter Karte vom Platz gestellt. Einmal wegen Tätlichkeit, als er etwas unbeherrscht nach hinten ausholte und seinen Gegner leicht schlug. Einmal wegen eines sehr hohen Beines, mit dem er das Gesicht seines Gegenspielers touchierte. Verbesserungsbedarf bietet sich ihm also primär bei der Disziplin und Torgefahr. Aber wie sagt Max Eberl so gerne: Wenn er auch dies alles beherrschen würde, wäre er schon lange kein Kandidat mehr für Borussia. Immerhin sollen sich schon so zuletzt englische Topteams wie Arsenal, Tottenham und Manchester United wie auch der BVB mit einer Verpflichtung des talentierten Franzosen beschäftigt haben.

Einsatzmöglichkeiten bei Borussia

Positiv: Anders als sein neuer Teamkollege Breel Embolo hat Thuram bislang in seiner Karriere noch keine nennenswerte Verletzung zu beklagen gehabt. Zudem ist er variabel einsetzbar. Er bevorzugt zwar den rechten Fuß, kann zur Not aber auch mit links schießen. Bei Borussia dürfte er primär für den linken Part des geplanten Zweiersturms eingeplant werden, wo er z. B. an der Seite von Plea, Embolo oder Raffael auflaufen könnte. Im Idealfall wird sich hieraus ein gesunder Konkurrenzkampf entwickeln, wobei man bei Raffael und Embolo nach den Erfahrungen der letzten Jahre abwarten muss, ob sie ihre Verletzungsanfälligkeit in den Griff bekommen und wieder an ihre einstige Topform anknüpfen können. Breel Embolo ist ohnehin eher als Kandidat für die 8er-Position hinter den Spitzen zu erwarten, wo er seine Stärken besser einbringen kann als zuletzt im Schalker Sturm.

Was das Teambuilding angeht, so kann Marco Rose inzwischen auf eine Vielzahl frankophoner Spieler zählen. Dies kann beim Spielverständnis ein Vorteil sein, birgt aber auch die Gefahr einer Grüppchenbildung. Hier wird es wichtig sein, den gemeinsamen Teamgeist zu fördern, was nach den vorläufigen Eindrücken in der Vorbereitung bislang zu gelingen scheint.

Thuram ist es mit seiner Robustheit zuzutrauen, sich – wie zuvor schon bei Guingamp in der Ligue 1 – direkt in der Bundesliga durchzusetzen und eine Verstärkung schon in der kommenden Saison zu sein. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass er immer noch erst 21 Jahre alt ist und somit als langfristig entwicklungsfähiges Talent einzuschätzen ist, der nicht unbedingt gleich alle Partien von Beginn an wird absolvieren müssen. Sehr gespannt sein darf man auf das Zusammenspiel mit Landsmann Alassane Plea, der sich mit Thuram gut ergänzen sollte, da er die Torgefahr und Kaltschnäuzigkeit mitbringt, die seinem zukünftigen Partner noch etwas abgeht.


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