Eine Heimniederlage gegen Berlin kann passieren und ist nach zuvor 12 erfolgreichen Partien zuhause verzeihlich. Auch eine Pleite gegen Wolfsburg ist an einem schlechten Tag kein Weltuntergang. Spätestens hier muss man aber hellhörig werden, wenn dieselben Fehler gemacht werden wie noch zwei Wochen zuvor und sich eine strukturelle Systematik aus offensiver Ineffizienz und individuellen Patzern in der Defensive zeigt, die im krassen Gegensatz zur vorherigen Saisonleistung steht. Spätestens nach diesen Erfahrungen muss erwartet werden, dass die Mannschaft hochmotiviert in ein Spiel gegen den FC Bayern geht und von der ersten Sekunde hellwach um ihre Chance auf Rehabilitation kämpft.

Hellwach ist allerdings nicht so ganz das Wort, mit dem sich die Leistung der Borussia an diesem Samstagabend optimal umschreiben ließe. Statt positiv zu überraschen, ließ die Elf von Dieter Hecking dieses Mal sogar noch das vermissen, was in den letzten Partien immerhin positiv gelaufen war. Die Folge war ein selbst in dieser Höhe verdientes 1:5, das Borussia endgültig in die erste Krise dieser Saison befördert hat.

Ein altbekanntes Muster

Wer nach so einem Spiel in die sozialen Netzwerke und Foren blickt, bekommt jedes Mal aufs Neue den Eindruck, als würden manche eine solche Situation zum ersten Mal in ihrer Fankarriere erleben. Dabei wiederholt sich so etwas in jeder Saison aufs Neue – oft sogar mehrfach in einem Spieljahr. Und es sind immer wieder dieselben Mechanismen, die dann greifen. Zuvor hochgejubelte Fanlieblinge werden auf einem Schlag zu Versagern, die schon vorher eigentlich total überschätzt wurden. Die vorherigen Siege waren ohnehin viel glücklicher als mancher es wahrhaben wollte. Hoffnung machen jetzt eigentlich nur noch die Spieler, die aktuell gerade verletzt sind oder auf der Bank sitzen, die solange zu Heilsbringern hochgeschrieben werden bis sie sich selbst beweisen dürfen und in aller Regel die überzogenen Erwartungen alleine auch nicht erfüllen können. Wenn das alles ausgereizt wurde, dann muss es eben irgendwann der unfähige Trainer sein, der in der Erfolgsphase nur Glück hatte und jetzt sein wahres Gesicht zeigt, was man selbst ja immer schon gekannt hatte (und in Zeiten des Erfolgs nur nicht so unbescheiden äußern wollte).

Diese menschlichen Emotionen sind auf ihre eigene abgedrehte Weise toll und gehören zu diesem wunderbaren Sport dazu. Doch sollte eine sachlich-nüchterne Analyse die Dinge etwas rationaler betrachten, damit sich etwas Positives für die Zukunft herausziehen lässt. Der Reihe nach:

Rückkehr in die Realität 

Es ist tatsächlich auffällig, dass es einige Spieler gibt, die in der Hinrunde noch überragende Leistungen gebracht haben, und die aktuell am meisten schwächeln. Zuvorderst genannt sei die Innenverteidigung, die noch bis zum 20. Spieltag mit lediglich 18 Gegentoren die beste Defensive der Liga mitverantwortete. Nico Elvedi und Matthias Ginter erhielten für ihre konstant soliden Leistungen zurecht viel Lob und weckten Begehrlichkeiten bei internationalen Topklubs. Seit diverse Zeitungen sie damit in Verbindung gebracht haben, spielen sie allerdings so, dass selbst Schalke 04 derzeit kaum Verwendung für sie hätte.

Bei Thorgan Hazard ist ein ähnliches Muster zu erkennen. Für einen Spieler, der nach den Top-Leistungen der Hinrunde zurecht hoch ambitioniert ist und sich gerne bei einem englischen Spitzenklub in der Stammformation sehen würde, ist es kein gutes Zeugnis, in solch schwierigen Zeiten abzutauchen und wenig bis nichts zustande zu bringen. Gerade die beiden Partien gegen Dortmund zum Ende der Hinrunde und gegen die Bayern sollten ihm zu Denken geben, denn hier wirkte er im Vergleich zu seinen Gegenspielern wie ein Leichtgewicht. Doch genau dies sind die Gegner, mit denen er sich zukünftig in der Champions und Premier League regelmäßig messen möchte. Seine Entwicklung in den letzten Jahren ist überragend und beeindruckend. Aber Hazard hat offensichtlich noch mindestens ein bis zwei weitere Schritte zu gehen, um dieses Topniveau konstant abzuliefern. Es wäre ihm zu raten, dies bei einem Klub seiner aktuellen Kragenweite zu tun. Zufällig steht er bei einem solchen derzeit noch unter Vertrag und hat die große Chance, diesen zu sehr guten Konditionen zu verlängern.

Elvedi, Ginter, Hazard schwächeln seit sie von der Presse mit Europas Topklubs in Verbindung gebracht werden. Plea seit er erstmals zur französischen Nationalmannschaft eingeladen worden ist. Die Mannschaft seit sie öffentlich zum Meisterkandidaten ausgerufen wurde. Es fällt schwer, da ein grundlegendes psychologisches Muster zu negieren. Auch der mentale Umgang mit solchen Situationen ist eine Frage der Qualität und Erfahrung. Es ist leicht und nicht unrichtig gesagt, die Mannschaft solle sich jetzt wieder davon freimachen und einfach nur noch „von Spiel zu Spiel denken“. Es sind aber vielschichtige Prozesse, die dazu führen müssen, dass jeder einzelne Spieler wieder die volle Konzentration auf sein Spiel zurückerlangt und sich auf seine Stärken rückbesinnt.

Eine Frage der Qualität

Positiv war die gestrige Reaktion auf den frühen 0:2-Rückstand. Zumindest in den letzten 20 Minuten der ersten Halbzeit fand die Mannschaft wieder zu etwas mehr Ruhe und mit dem 1:2 sogar kurzzeitig ins Spiel zurück. Unerklärlich aber, wie man nach der Halbzeit denselben Fehler vom Spielbeginn wiederholt. Schon einige Male in dieser Saison ist Borussia für ihre Startschläfrigkeit bitter bestraft worden und sie ist nicht in der Lage, aus diesem Mangel zu lernen und ihn abzustellen. Den Bayern war diese Schwäche bekannt, denn zu Beginn beider Halbzeiten legten sie sofort alles auf Angriff und kamen so nach wenigen Sekunden zur ersten großen Torchance, die direkt im Anschluss zum jeweiligen Tor führte. So etwas zweimal innerhalb einer Partie zuzulassen, ist ein weiterer Beleg, wie weit diese Mannschaft von einer Augenhöhe mit dem FC Bayern entfernt ist.

Was kein Wunder ist, wenn man die Fakten betrachtet: Der Marktwert der Bayern-Mannschaft liegt 3x so hoch wie bei Borussia. Der Umsatz ist fast um das 4fache größer. Die Spielergehälter liegen sogar rund um das 5fache höher. Kassiert ein Bayern-Spieler im Schnitt rund 7 Mio. € pro Saison, muss sich ein Borusse mit rund 1,4 Mio. € begnügen. Angesichts dieser Zahlen ist es bemerkenswert, dass Gladbach über 20 Spieltage lang die Augenhöhe wahren konnte. Es ist aber normal, dass sich dies nicht eine ganze Saison lang durchhalten lässt. Die Bayern hatten ihre Krise bereits in der Hinrunde und fielen durch sie auf das Niveau einer Borussia mit optimalem Saisonverlauf zurück. Jetzt ist leider Borussia dran und es wird sich zeigen, wohin es sie final zurückwirft.

Die Mär vom Heilsbringer

Wenn es das aktuelle Personal schlecht macht, ist es ganz normal, sich nach möglichen Alternativen umzuschauen. Ein Nico Elvedi z. B. bettelt förmlich um eine schöpferische Pause. Louis Beyer wäre eine logische Alternative, aber es wäre gewagt, in solch einer schwierigen Phase einen noch unerfahreneren Spieler auf eine so wichtige Position zu setzen. Gegen die Bayern fehlte der Youngster ohnehin verletzungsbedingt im Kader. Tony Jantschke wäre die logischere Wahl, um dem Schweizer zwei freie Spieltage zu gönnen, damit er nach der anschließenden Länderspielpause im Idealfall gestärkt zurückkehren kann. Dies wäre allerdings keinesfalls ein Patentrezept, um den Erfolg wiederherzustellen, denn ein Jantschke wäre grundsätzlich kein Qualitätsupdate zu Elvedi und auch der Ur-Borusse hat in der Vergangenheit schon einige schwächere Spiele absolviert, durch die er zurecht auf die Ersatzbank gerückt ist.

Gleiches gilt für Tobias Strobl, der nicht ohne Grund vor dem Frankfurt-Spiel in der Startelf durch Christoph Kramer ersetzt wurde. Strobl hatte nach überragender Hinrunde in den ersten Spielen der Rückrunde nur noch durchschnittlich agiert und war beim 0:3 gegen Berlin einer der Schwachpunkte gewesen. Kramer hingegen hatte sich bei seinen Einwechselungen gut bewährt und sich so eine Chance verdient, die er gegen die Eintracht ordentlich nutzte. Auch gegen Wolfsburg gab es größere Schwachstellen als ihn. Nichtsdestotrotz wurde dort, und noch viel mehr gegen die Bayern, deutlich, dass die Rolle des alleinigen Sechsers für ihn ungeeignet ist. Borussia benötigt auf dieser Position einen Spieler, bei dem die Stabilisierung der Defensive im Vordergrund steht. Kramer ist bei weitem der bessere Fußballer als Strobl und an guten Tagen kann er zum Offensivspiel weit mehr beitragen. Sein Spiel ist aber dafür zu riskant, sein Timing zu schlecht, was von besseren Teams gnadenlos ausgenutzt wird. Auf der Doppelsechs gab es stets noch einen Nebenmann, der diese Mängel ausbügeln konnte. Im derzeitigen System funktioniert dies aber nicht, weshalb Dieter Hecking keine andere Wahl hat, als Tobias Strobl seinen Stammplatz zurückzugeben. Erst wenn dies auch nicht funktionieren sollte, müsste ernsthaft über eine Abkehr vom bisherigen Erfolgssystem debattiert werden.

Doch Vorsicht: Ein Messias ist Strobl für die Defensive ebenso wenig wie der wiedergenese Raffael für die Offensive. Beides sind gute Optionen, um neue Impulse zu setzen. Wenn die Hoffnungen in sie aber dermaßen hochgeschraubt werden, dass sie die Krise innerhalb einer Woche im Alleingang beenden müssen, dann können sie fast nur enttäuschen.

Ein wichtiger Dreier

Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind es „nur“ drei bittere Heimpleiten, die Borussias überragende Ausgangsposition um die Champions League-Plätze nahezu getilgt haben. Es liegt an der Mannschaft, ob dies eine kurzfristige Ergebnisdelle bleibt und sie schon bald zur alten Stärke und Konstanz zurückfindet, um verdient in die Champions League einzuziehen. Oder ob sich die Krise noch ausweitet und verselbstständigt, sodass den schlechten Ergebnissen gegen bessere Klubs noch weit schlechtere Leistungen und Niederlagen gegen kleinere Vereine folgen. Von diesen erwarten Borussia jetzt gleich drei, die nicht gerade zu den dankbarsten Gegnern der Liga gehören. Mainz 05 hat vorige Woche gezeigt, wie sie einen anderen Krisenklub dieser Tage aus dem eigenen Stadion schießen können. Davor hatten sie aber lustigerweise ebenfalls eine Drei-Spiele-Bilanz mit 0:3, 1:5 und 0:3, was zeigt, dass sie von einer seriös aufspielenden Borussia geschlagen werden müssten.

Das gilt selbstverständlich erst recht für den SC Freiburg, wo es eher ein psychologisches Moment sein wird, dass sich Borussia nach den drei jüngsten Auftritten im Borussia-Park keinen „Heimfluch“ einreden lässt.

Zu guter letzt wartet nach dem 12. und 13. auch noch der derzeit 11. der Tabelle, dem aktuell beinahe alles zu gelingen scheint. Seit dem 15. Spieltag hat die Fortuna 7 von 10 Bundesliga-Partien gewonnen – mit Ausnahme des BVB allerdings ausnahmslos gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte. Nichtsdestotrotz ist die Leistung der Elf von Friedhelm Funkel in dieser Saison derart beachtlich, dass Borussia gut daran täte, schon vor dem Nachbarschaftsduell ihre Krise zu beenden, um psychologisch unbelastet in diese Partie zu gehen.

Die Rolle des Trainers

Daran wird Dieter Hecking in den kommenden Tagen und Wochen mit Hochdruck arbeiten. Seitenwahl hat den Borussen-Trainer in der Vergangenheit oft kritisch gesehen und hatte sich gegen Ende der letzten Saison für eine Neuorientierung ausgesprochen. Zu enttäuschend waren die beiden letzten Spielzeiten – nicht nur von den Ergebnissen, sondern gerade auch vom uninspirierten Auftreten der Mannschaft. Man hatte dort nie den Eindruck, Hecking hole das Optimum aus den vorhandenen Möglichkeiten heraus – so eingeschränkt diese z. B. durch Verletzungen gewesen seien mögen. Ein besonderer Spielstil oder so etwas wie eine Handschrift war lange Zeit überhaupt nicht zu erkennen – ebenso wenig Weiterentwicklungen bei einzelnen Spielern.

In der Hinrunde dieser Saison änderte sich aber vieles. Hecking fand sehr schnell zu einem System und zu einer Grundformation, die funktionierte und harmonierte. Spieler wie Hofmann, Elvedi, Hazard, Strobl und Neuhaus blühten auf und machten einen gewaltigen Entwicklungsschritt nach vorne. Wenn man Hecking zuvor für das Gegenteil davon kritisierte, muss man ihn jetzt konsequenterweise dafür loben. Ebenso für seine fast immer korrekten Entscheidungen beim Personal, selbst wenn dies – wie z. B. im Fall von Christoph Kramer oder Denis Zakaria – nicht immer einfach war.

Der Trainer wird letztlich aber nicht an der Arbeit einer Hinrunde gemessen, sondern an dem, was am Ende herauskommt. Drei schlechte Spiele reichen sicher nicht aus, um jetzt ernsthaft schon wieder eine Diskussion um seine Person beginnen zu können. Mit seinen fast 19 Jahren als Trainer und 35 Jahren im Profigeschäft verfügt er über die nötige Erfahrung, um mit solchen Krisensituationen umzugehen. Es sollte abgewartet werden, wie erfolgreich ihm dies gelingt, bevor über seine Leistung dieser Saison abschließend geurteilt wird.

Trainer und Mannschaft stehen jetzt in der Pflicht, unter Beweis zu stellen, dass sie mehr sind als guter Bundesliga-Durchschnitt, wie es die letzten beiden Spielzeiten suggerierten. Das gilt für Dieter Hecking, der zuletzt mit dem Amt des Bundestrainers kokettierte, ebenso wie für Plea, Hazard, Ginter, Stindl und viele weitere Spieler, die sich dank ihrer in der Vergangenheit überragenden Leistungen zurecht auf sehr hohem individuellen Qualitätsniveau sehen und in den kommenden 10 Partien endlich wieder zeigen können warum.


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