Granit Xhaka wird Borussia verlassen. Das steht mit dem heutigen Tage so gut wie fest. Der Schweizer ist übereinstimmenden Berichten zufolge in London, sein Wechsel zu Arsenal steht bevor. Das überrascht niemanden mehr. Seit vielen Wochen ging es in Medien und unter den Fans fast nur noch um die Frage, wie viel Geld der Xhaka-Transfer in die Kassen der Borussia spülen würde, nicht darum, ob der Verein den Kapitän würde halten können. Die festgeschriebene eher niedrige Ablösesumme, die Borussia im kommenden Sommer hätte kassieren können war dafür genauso der Grund wie die Annahme, dass die Engländer zur Zeit nahezu jede Summe zu zahlen bereit und in der Lage sind, wenn sie einen Spieler wirklich wollen. Und Granit Xhaka in der Verfassung der vergangenen Saison ist ein Spieler, den man kaum nicht wirklich wollen will. Borussia bekommt also viel Geld, wie viel, wissen wir bis dato nicht. Gleichzeitig verliert Borussia ihren vielleicht besten Spieler und, was fast noch schwerer wiegt, eine Führungsfigur.

Der Spieler Xhaka wird kaum zu ersetzen sein, den Führungsspieler Xhaka zu ersetzen scheint quasi unmöglich. Denn er ist nicht der einzige Akteur aus dieser Kategorie, der Borussia in der kommenden Saison nicht mehr zur Verfügung steht. Martin Stranzl geht ebenso wie Havard Nordtveit. Über die Leader-Qualitäten des Österreichers muss man nicht viele Worte verlieren, aber auch Nordtveit schwang sich spätestens in der Rückrunde, in der er als Verteidiger gesetzt war, zum Leader auf, an dessen Seite der hochtalentierte Andreas Christensen weiter wachsen konnte. Der Abgang von Xhaka, Stranzl und Nordtveit hinterlässt ein Vakuum. Wenn man davon ausgeht, dass eine Mannschaft eine Hierarchie braucht, dass sie Führungsfiguren nötig hat, dann hat Borussia ein Problem. Beim Blick auf den verbleibenden Kader drängt sich kein Spieler wirklich auf. Tony Jantschke trug schon häufiger die Kapitänsbinde, der Sachse ist aber eher ein ruhiger Vertreter und vor allem scheint er von Trainer André Schubert nicht unbedingt als Startelfspieler geführt zu werden. Raffael ist zwar ein brillanter Fußballer, aber keiner, der die Mannschaft mitreißt, an dem sich das Team aufrichten kann, wenn es mal nicht läuft. Aus der Offensivabteilung trifft die Bezeichnung Führungsspieler noch am ehesten auf Lars Stindl zu, gegen Persönlichkeiten wie Stranzl und Xhaka wirkt der Ex-Hannoveraner zwar wie ein Konfirmand, aber Stindl könnte an der Aufgabe wachsen. Der einzige geborene Führungsspieler im Team ist wohl Yann Sommer. Einziger Nachteil: er ist Torwart.

Was also tun? Max Eberl und Co werden bei den Verpflichtungen für die kommende Spielzeit sicher auch auf mögliche Führungsqualitäten achten. Aber das Standing eines Spielers im Team muss sich entwickeln. Kaum einer kommt als Meinungsführer an. Klar ist: die Mannschaft wird sich in Sachen Hierarchie neu sortieren müssen. Hier liegt die Chance für Spieler, sich neu zu profilieren, aber auch das Risiko, dass am Ende keine unangefochtenen und unumstrittenen Leader mehr dabei sind. Das alles, wie gesagt, vor dem Hintergrund der Frage, ob die Hackordnung in einer Profifußballmannschaft wirklich so wichtig ist, wie vielfach postuliert. Womöglich ist das in einem modernen Team mit modernem System und mündigen Spielern auch alles ganz anders. Vielleicht braucht Borussia 2016/17 auch gar keinen ausgesprochenen Leader. Dann wäre der Verlust Granit Xhakas zumindest unter diesem Aspekt zu verschmerzen.


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