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dinamokiev Da sind wir wieder. Vor 16 Jahren gestattete sich der VfL Borussia Mönchengladbach eine Unterbrechung seiner legendären Europacup-Geschichte und nicht der übelste Schwarzseher konnte vorhersehen, was dann alles kam. Ein Stadion, zwei Nichtabstiegswunder, zwei Abstiege, drei Sportdirektoren, vier selbst herausgebrachte Nationalspieler und nur 15 Trainer später kann die Geschichte weitergehen, die mit dem 1:0 Sieg in Monaco vorläufig endete. SEITENWAHL hat die außerordentliche Ehre, sich mit seinen Lesern auf das Qualifikationsspiel zur Champions League 2012/13 gegen Dynamo Kiew zu freuen.

Kaum ist das Pokalspiel in Aachen abgepfiffen, schon kreisen die Gedanke nur noch um die beiden Spiele gegen Kiew, mit denen die Belohnung für die herausragende letzte Saison geerntet werden sollen. Dabei sollte man den Pokalsieg nicht einfach als Pflichtnummer abtun, immerhin hat sich ein Drittel der Erstligisten bei tropischen Temperaturen aus dem Wettbewerb verabschiedet, während Borussia den Gegner sauber kontrollierte. Alleine Nordtveit hätte mit seinen Chancen einen klaren Sieg herausschießen können. Trotz der üblichen Stellungnahmen, "dass ja noch nicht alles passen kann", scheint die Richtung doch zu stimmen.  Bemerkenswert war vor allem, wie frisch Juan Arango in der Glutzhitze wirkte. Auf der rechten Außenseite könnte sich in der nächsten Zeit ein Duell zwischen Ring und Herrmann entwickeln.

Und nun geht es vom Drittligisten direkt auf die große Bühne und zur Möglichkeit, den Aufschwung des Vereins auf ein deutlich sichereres Fundament zu stellen. Das gnadenlos durchkommerzialisierte und bis zur Selbstaufgabe auf Werbeeinnahmen getrimmte Flaggschiff der Uefa lockt mit mehrfach höheren Einnahmen als die Euroleague. In der letzten Saison brachte alleine die Qualifikation den deutschen Teilnehmern zehn Millionen Euro, ohne die Prämien von 400.000 Euro für ein Unentschieden und das doppelte für einen Sieg. Verständlich, dass die Vertreter eines Clubs, der ca. das vierfache der bisherigen Rekordausgaben in einer Saison investiert hat, sich die Nägel abknabbern werden, wenn es jetzt um die Wurst geht.

Das Los wollte es, dass es mit dem ukrainischen Rekordmeister Dynamo Kiew kaum schwieriger hätte kommen können, wenn jetzt über den Etat des nächsten Jahres entschieden wird. (Oder Kyiv, wer es will, was aus der Umschreibung des "richtigen" ukrainischen Namens herrührt. Kiew ist die Umschreibung der russischen Variante und nach wie vor gebräuchlicher.) Für einen osteuropäischen Club ist Kiew international überaus bekannt. Kaum einer kann das halbe Dutzend Moskauer Erstligisten auseinander halten, aber die Namen Blochin, Lobanowski, Schewtschenko kann jeder interessierte Fußballfan zuordnen. Seit die Bücher von Jonathan Wilson ("Behind the curtain: Football in eastern Europe") in Mode kommen, erst recht. Auch Igor Belanow kam seinerzeit von Dynamo Kiew an den Niederrhein. Es handelt sich ohne Übertreibung um eine Legende unter den Clubs,  Rekodmeister nicht nur der Ukraine sondern auch der UdSSR und als einer von nur zwei Clubs auch zu Sowjetzeiten nie abgestiegen. Von dem umstrittenen Gedenken an die "Todeself" über die rasante Mannschaft der 70er, die den Großteil der sowjetischen Auswahlmannschaft lieferte, bis zu den Vorreitern der Fußballtaktik und den Titelsammlern der 90er könnte man jedes Kapitel stundenlang durchwälzen. Und aktuell?

Heute haben wir es bei Dynamo Kiew mit der Nummer zwei der Ukraine zu tun. Die Rivalen von Schachtjor Donezk haben die Hauptstädter in den letzten Jahren klar hinter sich gelassen, zum Beispiel mit dem Gewinn der letzten drei Meisterschaften. Was den Bergarbeitern aus dem Donezk-Becken dadurch erleichtert wurde, dass ihnen der Milliardär Rimat Achmetow jeden europäischen Star holt, der bereit ist, dort hin zu ziehen. Kiew mag seine Gönner haben; es ist aber nicht bekannt dass ihnen im Oligarchenstil die Millionen nur so hinterher geworfen würden. Umso wichtiger ist es für den Club, sich den Zugang zu den Champions League Geldern zu sichern, was in der letzten Saison in der  Qualifikation gegen Rubin Kasan misslang.

Nachdem Andrij Schwewtschenko vor drei Wochen sein Karriereende bekanntgab, musste der Kader noch einmal aufgebessert werden, und dafür wurden durchaus bekannte Namen geholt. Da wäre zum einen der kroatische Nationalspieler und "Spielmacher hinter Modric" Niko Kranjcar zu nennen, der die Erfahrung internationaler Einsätze und der englischen Premier League mit beachtlicher technischer Qualität verbindet. Und den Gladbachern ist es nicht entgangen, dass auch Raffael aus Berlin nach Kiew gewechselt ist, den Lucien Favre viel lieber in der eigenen Mannschaft gesehen hätte. Wer die EM verfolgt hat, dem wird in der ukrainischen Mannschaft zudem Andrij Jarmolenko aufgefallen sein als technisch starker Dribbler auf der Außenbahn mit Zug zum Tor. Alle drei sind im offensiven Mittelfeld zu Hause, während die vorderste Spitze durch den Nigerianer Ideye Brown besetzt werden könnte. Dessen Spielweise hat man am besten vor Augen, wenn man an Filippo Inzaghi denkt: Ein schneller Torjäger, der immer auf der Grenze zum Abseits lauert.

Was für das zu erwartende Konterspiel von Kiew im Hinspiel sicher kein Nachteil ist. Mit Betao und Taiwo haben sie zudem zwei Außenverteidiger, die gerne den Vorwärtsgang einlegen, was die taktische Disziplin der Borussen fordern wird. Die Elf von Trainer Juri Sjomin ist in der Lage, einen kühlen, taktisch abgeklärten und effizienten Fußball zu spielen, teilweise mit blitzartigen Kontern. Man könnte fast sagen, Favres Ideal. Und sie können ein großes Maß an internationaler Erfahrung in die Waagschale werfen. Man mag sich ärgern, dass uns das Schicksal keinen leichteren Gegner spendiert hat, aber da das eh nichts ändert, darf man sich auch sagen: Dynamo Kiew ist ein höchst würdiger Gegner um den Einzug in die Champions League Gruppenphase. Und wer Kiew ausschaltet, muss nicht mit Komplexen in die nächste Phase einziehen.

Noch etwas zum Mutmachen? Nicht mehr ganz jugendliche und historisch interessierte aus dem Gladbacher Anhang wissen, dass die Statistik klar für die Borussia spricht. Am 20. April 1977, vor gerade 35 Jahren, zog die Borussia nach einem 2:0 Heimsieg gegen Dynamo Kiew in das Finale des Europapokals der Landesmeister ein. Das muss auch was zählen.

Aufstellungen:


Borussia
: ter Stegen; Jantschke, Stranzl, Dominguez, Daems; Herrmann, Nordtveit, Xhaka, Arango; de Camargo, de Jong

Kiew: Bohusch; Betao, Mychalik, Popov, Taiwo; Vukojevic, Veloso; Kranjcar, Raffael, Jarmolenko; Brown

SEITENWAHL-Meinung

Michael Heinen
: Borussia wird bei der Rückkehr nach Europa Lehrgeld bezahlen. Beide Mannschaften werden mit starken Defensivleistungen wenige Torchancen zulassen. Borussia kann einige gute Chancen nicht nutzen, so dass es nach einem 0:0 aussieht. In der Nachspielzeit erzielt Kiew dann aber noch das höchst unglückliche 0:1.

Thomas Häcki: Die Durchschlagskraft ist eindeutig verbesserungswürdig. Das rächt sich gegen eine erfahrene Mannschaft wie Kiew. Die Borussia hat ihre Chancen, nutzt sie aber nicht. Das 0:0 bedeutet aber (noch) nicht das Aus aller Träume.

Christian Spoo:
Die Serie hält. Borussias Europapokalspiel endet genau wie das letzte. Ob das 1:0 am Ende zum Einzug in die Championsleague reicht, wage ich aber nicht zu prognostizieren

Christoph Clausen: Zwei defensiv stabile Mannschaften egalisieren sich weitestgehend und lauern auf Fehler des Gegners. Kein rauschendes Fußballfest, aber das 1:0 lässt Borussia einigermaßen hoffnungsfroh nach Kiew fahren.

Christian Heimanns:
Ich kann es kaum glauben, dass ich hier wirklich ein Europacup-Ergebnis tippe. Da ist mir fast zweitrangig, wie es ausgeht. Sagen wir, 2:1 für Borussia, de Jong fängt an zu treffen und die Welt ist schön.

Christian Grünewald: Auch Kiew wird - leichte Favoritenstellung hin oder her - wohl vor allem Borussia die Verantwortung für die Spielgestaltung überlassen. Das noch nicht ganz wiedergefundene Tempo im Offensivspiel versperrt den etwas nervösen Borussen dabei lange Zeit den Weg zum Tor der Ukrainer - aber ein couragierter Auftritt und die besondere Stimmung im Borussia-Park sorgen schließlich doch noch für einen gefeierten 1:0-Hinspielsieg der Fohlen.


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