Samstagnachmittag, 15.25 Uhr. Tony Jantschke sitzt auf der Bank. Er lächelt, als die Nordkurve bei der Nennung seines Namens „Fußballgott“ ruft. Zwei Minuten später singt neben ihm Patrick Herrmann die „Elf vom Niederrhein“ mit, als das Team den Platz betritt. Dieses wird er in der kommenden Saison nicht mehr machen können, denn ab Saisonbeginn wird „Die Seele brennt“ eins der bekanntesten und beliebtesten Einlauf-Lieder im Bundesliga-Fußball ablösen. Man kann über diesen Schritt mit Sicherheit geteilter Meinung sein, wie auch die Reaktion in borussiaaffinen Foren und den sozialen Netzwerken zeigen. Es wird eine ja mehr oder weniger eine heilige Kuh des Spieltages geschlachtet. Dabei wird die „Elf vom Niederrhein“ ja nicht verschwinden. Sie rückt nur weiter nach vorne in den Ablauf vor dem Spielbeginn. Im Endeffekt bekommen die Fans die Chance, zweimal ihr Team anzufeuern. Zweimal zu zeigen, dass der BORUSSIA-Park ein lautes Stadion sein kann. Ob sich die Reihung der Lieder so durchsetzt, muss die Zeit zeigen. Die Verantwortlichen werden mit Sicherheit nicht so borniert sein und an einem Konzept festhalten, welches einen Stimmungs-Rückschritt bedeutet.

Natürlich ist die „Elf vom Niederrhein“ das bekannteste Lied der Fanszene. Es ist durch seine Art aufputschend, es feuert an. Spätestens der Moment, in dem das Stadion anfängt den letzten Part ohne Unterstützung der Lautsprecher zu singen, hinterlässt bei jedem Fan eine Gänsehaut. Diesen Status muss sich „Die Seele brennt“ erst einmal erarbeiten.  Bei der Vorstellung des Liedes bei der Stadioneröffnung gab es seinerzeit schon viele Stimmen, die dieses Lied als „zu lahm“ und als „nicht Borussia-Like“ ablehnten.  Trotzdem wurde es immer wieder von den Fans gesungen, meist nach Niederlagen, in denen das Team vorher bis an die Grenzen gegangen war. Wer erinnert sich nicht an die knappe Niederlage gegen den FC Barcelona? Kurz vor dem Abpfiff sang die Nordkurve das Lied, hielt die Schals hoch. Diesen Effekt erhofft man sich nun im ganzen Stadion. Wer beim Champions-League- Spiel gegen Celtic in Glasgow war und sich an „You‘ll never walk alone“ von den Celtic-Fans erinnert, weiß was sich die Initiatoren ungefähr vorstellen.

 

Es wird aber ein langer Weg sein, alle Zuschauer im Stadion dazu zu animieren, den Schal hochzuhalten und mitzusingen. Wobei der Text teilweise schon sehr infantil ist, wenn man sich die Passage mit dem Sushi und dem Burger vor Augen führt.

Viele Fans fühlen sich durch diese Aktion überrumpelt und hätten sich gerne mehr Mitspracherecht gewünscht. Dazu kommt, dass man erst durch einen Artikel mit irreführender Überschrift in der Rheinischen Post von der geplanten Änderung erfahren hat. Von Kungeleien und Absprachen im Hinterzimmer ist die Rede. Die Fans hätten sich gerne mehr Mitspracherecht gewünscht, zum Beispiel in Form einer Internetabstimmung. Gerade Borussias Fans sind aber bei Internetabstimmungen sehr kreativ. Ein Eintrag in einem Forum und schon rollt die Lawine an. Man erinnere sich nur an das Voting über den Namen des Mannschaftsbusses. Die Möglichkeit, dass Fans von anderen Vereinen in dieser Abstimmung die Kontrolle übernehmen, ist sehr groß. Dieses könnte man nur durch hohen technischen Aufwand verhindern. Aber wer soll abstimmen dürfen? Vereinsmitglieder? FP-Mitglieder? Oder nur die Fans, die bei beiden Vereinen Mitglied sind?

Insofern ist eine kleine Runde, in der alle Fraktionen der Fanszene vertreten sind, der bessere Weg. Und die Entscheidung wurde ja auch nicht übers Knie gebrochen, der Prozess ging über einen Zeitraum von fast neun Monaten. Die Entscheidung wurde auch durchaus kontrovers diskutiert. Die mit der Abstimmung befasst Gruppe setzte sich aus rund 25 Personen zusammen, die alle in der Fanszene vertretenen Gruppen umfasste. Insofern ist der jetzt gefundene Kompromiss keinesfalls eine „Sache der Ultras“ oder einer anderen Gruppe in der Fanszene. Die Fans täten gut daran, der Neuerung wenigstens eine Chance zu geben. Wenn sich zeigt, dass die Idee bei den Fans nicht ankommt – und dieses kann man an der Anzahl der hochgehaltenen Schals leicht erkennen – wird man von Seiten der Initiatoren mit Sicherheit Nachbesserungen vornehmen.  


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