leverkusenDie knallharten Fans vom Pfeilewerfen, Wintersport und Outdoor-Schach werden bedauern, dass ihre Lieblingsportarten ab diesem Wochenende medial wieder weniger Beachtung finden werden, aber  Fuβballfreunde dürfen sich freuen, dass die Winterpause in diesem Jahr mit 4 Wochen vergleichsweise kurz war und der Ball wieder rollt. Bevor eine gemeine Rückrunde einem womöglich alles kaputt macht, wollen wir kurz einleitend die letzte Chance nutzen, auf Borussias beeindruckende  Hinserie hinzuweisen. Die eher mühselige abschliessende englische Woche mit dem glücklichen 0:0 in Hoffenheim, dem Arbeitssieg gegen Nürnberg und der Niederlage in Dortmund mag dabei etwas verschleiern wie erfolgreich der VFL in diesem Herbst war. Berücksichtigt man auch das Torverhältnis so war stand die Fohlenelf in ihrer Bundesligageschichte nur 4 mal besser in der Hinrundentabelle da, zuletzt 1976/77 . Auf die gleiche Punkteausbeute kam man immerhin zweimal in der jüngeren Vergangenheit und zwar 2011/12 und 2013/14 unter Lucien Favre. In diesen beiden Spielzeiten gab es dann aber mit 27 bzw 22 Punkten jedoch einen gewissen Abfall in der Rückrunde. Auch in diesem Jahr sollte man nicht unbedingt mit erneuten 33 Punkten rechnen, aber die werden auch nicht nötig sein, um das Ziel Europapokal zu erreichen, für das man sich vorerst eine sehr gute Ausgangsposition verschafft hat.

Die Vorbereitung auf die Rückrunde lief durchwachsen bei der Borussia, aber immerhin folgte den zwei schwachen Testspielen während des Trainingslager im spanischen Jerez gegen Magdeburg und Standard Lüttich ein besserer Auftritt beim Telekom-Cup in Düsseldorf. Wichtiger als der Ausgang dieser Trainingsspiele ist vielleicht die Tatsache, dass sich die Personallage bei den Gladbachern wieder etwas entspannt hat. Zwar plagen Fabian Johnson (vor der Winterpause immerhin zweimal in der Startelf als rechter Verteidiger) muskuläre Probleme, aber mit Matthias Ginter als auch Jonas Hofmann befinden sich zwei der absoluten Leistungsträger der Hinrunde wieder voll im Training, so dass Dieter Hecking am Samstag in Leverkusen wieder mehr Optionen hat als in den letzten Wochen vor dem Jahreswechsel. Eine dieser Optionen ist dabei Patrick Herrmann, der trotz zahlreicher Gerüchte um einen möglichen Wechsel zum VFB Stuttgart nun doch definitiv bis Saisonende bei Borussia bleiben wird.

Es hängt wohl davon ab, wie matchfit sich die zurückgekehrten Ginter und Hofmann diese Woche im Training präsentieren, aber es ist gut möglich dass die Gladbacher am Samstag in Leverkusen mit der Stammelf (wenn es denn eine gab) der Hinrunde antreten werden, d.h. mit Lang wieder auf der rechten Verteidigerposition, dem Mittelfeld Strobl-Hofmann-Neuhaus und Stindl vorgezogen im Sturmzentrum mit Hazard und Plea von Aussen kommend.

Nach einer mehrwöchigen Winterpause ist jede Mannschaft ein bisschen eine Wundertüte, aber für kaum einen Gegner gilt das wohl mehr als für Bayer Leverkusen. Abgesehen von 2 hohen Siegen in der Liga in Bremen und im Pokal im Borussiapark verlief der Herbst für die Tablettenelf eher unerfreulich, bevor man dann mit einigen positiven Ergebnissen im Dezember doch noch mit Anschluss an die Europa-League-Plätze in die obere Tabellen-Hälfte gelangte. Trainer Heiko Herrlich nützte das allerdings nicht mehr. Wenige Tage nachdem Rudi Völler mit gewohnter Eleganz den Fragen nach dem Trainer nach dem Spiel auf Schalke ausweichen konnte (nach letzten Meldungen ist Marcus Lindemann übrigens weiterhin Field-Reporter bei Sky), wurde Herrlich entlassen und inzwischen mit dem Niederländer Peter Bosz ersetzt.

Der ehemalige Ajax und BVB – Trainer ist bekannt für seine Vorliebe für spektakulären Offensiv-Fuβball und hat auch in Leverkusen in den ersten Testspielen gleich das klassische niederländische 4-3-3 eingeführt, wobei Bailey und Bellarabi die seitenvertauschten  Aussen bilden, Volland im Sturm-Zentrum agiert. Im offensiven Mittelfeld scheint Bosz auf Havertz und Brandt zu setzen, wohingegen es jetzt im Leverkusener Spiel nur noch einen Sechser gibt, der bislang entweder Baumgartlinger oder Aranguiz hiess. In der Defensive hat sich Sven Bender nach einer leichten Blessur im Testspiel gegen Zwolle wohl wiederholt, so dass es zu einem eher seltenen gemeinsamen Auftritt der verletzungsgebeutelten Bender-Zwillinge kommen könnte.

Auf dem Papier ist dies eine beeindruckende Leverkusener Mannschaft, die am Samstag auf die Borussia wartet, aber das denkt man nun schon seit Saisonbeginn, ohne dass das Team sein Potenzial auch nur annähernd in Leistung ummünzen kann. Von Havertz mal abgesehen hat keiner der Starspieler bei Bayer konstante Normalform gezeigt, vor allem der in der Vorsaison noch so gefeierte Bailey blieb bisher weit unter den Erwartungen. Ob das nun mit neuem Trainer und neuem System auf einen Schlag alles besser wird, ist die groβe Frage. Auch wenn die Gladbacher Bilanz in Leverkusen ingesamt eher negativ ist und man bei der 6:1 Niederlage in Dortmund 2017 zuletzt keine gute Erfahrung mit einem Peter Bosz-Team machte, gibt es keinen Grund pessimistisch in die BayArena zu fahren. Die Defensive der Werkself hat bereits 29 Tore hinnehmen müssen und zeigt sich besonders bei Standards bislang enorm anfällig, so dass es für den zweitbesten Sturm der Liga Möglichkeiten geben sollte.

Die Floskel, dass eine Rückrunde aus 17 Endspielen besteht ist genausso dämlich wie viele andere solcher Weisheiten, aber zumindest für Leverkusen hat dieses Spiel tatsächlich einen gewissen vorentscheidenden Charakter. Mit einem Sieg würde man Anschluss an die Europapokalplätze halten und mit nur noch 6 Punkten Rückstand auf die Borussia gar leise wieder an die Championsleague denken können. Umgekehrt droht bei einem Auswärtssieg der Borussia ein Versacken im Mittelfeld, eine Situation die man Mönchengladbach aus den beiden Vorjahren nur zu gut kennt. Es ist also ein klassisches „Sechs-Punkte-Spiel“ (und die Tatsache dass man das mit derselben Logik eigentlich über jedes Bundesligaspiel sagen könnte verschweigen wir an dieser Stelle dezent, um den dramatischen Schlusspunkt dieses Vorberichts nicht kaputt zu machen).

Mögliche Aufstellungen:

Borussia: Sommer – Lang, Elvedi, Ginter, Wendt – Strobl, Neuhaus, Hofmann – Hazard, Stindl, Plea

Bayer: Hradecky - L. Bender , Tah , S. Bender , Wendell - Aranguiz - Havertz , Brandt - Bailey, Bellarabi - Volland  

Seitenwahltipps:

Claus-Dieter Mayer: Offensiv präsentiert sich der Pillenclub tatsächlich stark verbessert, aber die Borussia startet mit einem 2:2 trotzdem ordentlich in die Rückrunde

Michael Heinen: Bayer hat nach der schwachen Hinrunde einiges gutzumachen. Mit einem 2:1-Erfolg über Borussia wird ihnen der Auftakt hierzu leider gelingen.

Christian Spoo: Neuer Besen, hohe Qualität. Leverkusen ist besser als beim letzten Aufeinandertreffen. Und wie das ausging, muss ich nicht bemerken. Ganz so arg wird's diesmal nicht. Aber nach dem 3:1 für Leverkusen ist klar, wer der Bosz ist. (Anmerkung der Redaktion: Wir übernehmen keine Verantwortung für gesundheitliche Schäden, die bei Lesern durch allzu schlimme Wortspiele in unseren Tipps verursacht wurden).

Thomas Häcki: Leverkusen kommt mit mehr Schwung aus der Winterpause und wirbelt die Borussia durcheinander. Nachdem 0:2 ist die Euphorie deutlich gebremst.


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